Wer glaubt, möchte nichts ändern

von Martin Krumbholz

München, 19. Dezember 2012. Sehr hell wird es an diesem Abend in den Münchner Kammerspielen nicht. Erst nach und nach wird man das szenische Arrangement (Bühne: Bettina Pommer) erkennen. Vor dem Eisernen Vorhang eine hingekauerte Gestalt hoch oben auf einem kurzen Steg an der Spitze einer Leiter; neben ihr eine brennende Kerze, die später erlischt. Der Schauspieler Steven Scharf, der Judas spielt, wendet dem Publikum den Rücken zu; dieses sitzt ausschließlich auf dem Balkon, das Parkett bleibt leer, sodass Protagonist und Zuschauer eine Blickachse bilden könnten, wenn sie vis-à-vis säßen. Aber der Mann dort oben – er ist nackt, wie sich herausstellt – wendet nur ab und zu seinen Kopf, um in den Saal zu schauen. Seine Stimme ist laut und kräftig. Problemlos versteht man jedes Wort.

Die Sünden der Welt

Judas hat etwas zu erzählen; er arbeitet gewissermaßen an seinem Image. Seine Performance kostet Eintritt, dessen ist der Mann sich bewusst: Deshalb redet er zunächst einmal jenem anonymen Zuschauer ins Gewissen, von dem er glaubt, er hätte nicht bezahlt. Natürlich ergebnislos. Ehrlichkeit ist diesem Selbstdarsteller wichtig. Später, an der Stelle, als er die 30 Silberlinge erwähnt, für die er seinen Meister an die Schächer ausgeliefert haben soll, fällt eine Ladung Schutt und Staub von oben auf die Rampe herab; das wird sich noch zweimal wiederholen. Drei verschiedene Positionen nimmt Judas auch ein. Zuerst sitzt er mit gebeugtem Rücken oben, dann steht er auf den Sprossen, mit ausgebreiteten Armen wie ein Gekreuzigter, zuletzt kauert er im Profil weiter unten.

Wenn einer die Sünden der Welt auf sich genommen hat, sagt der Mann, dann war ich das. Judas. Das theologische Problem, das sich mit dieser Figur verbindet, liegt darin, dass einer den Messias verraten musste, um den Heilsplan zu realisieren, dass dieser Einzelne aber gleichwohl der Schande anheimfällt. Auch sein persönliches Motiv gibt der Mann preis: Er ist von Jesus enttäuscht, weil er gehofft hatte, dass der Messias gegen Rom arbeiten würde. Aber dieses politische Motiv kommt nur nebenbei zur Sprache.

Gegensatz von Glaube und Zweifel

Grundsätzlicher thematisiert Lot Vekemans in diesem Monolog den Gegensatz zwischen Glauben und Zweifel. Nicht der Glaube, sondern der Zweifel sei produktiv, sagt Judas, weil er den Menschen zum Handeln bringe. Wer glaubt, möchte nichts ändern, wer zweifelt, will den Zweifel loswerden. Das ist in nuce die Philosophie dieses Mannes, der nichts Dämonisches an sich hat. Seine Sprache ist sehr einfach, direkt und emotional. Man solle nicht versuchen, etwas zu verstehen, meint er; es gebe Dinge, die sich nicht verstehen lassen. Aber dieser freundliche Appell ist nicht die Lizenz für die Verrätselung des Textes. Judas' Ansprache bleibt menschlich und unmittelbar – allerdings ohne den moralischen und erzieherischen Überbau, den man von einer Ansprache Jesu hätten erwarten dürfen.

Johan Simons hat den luziden Text ohne naturalistischen Gestus in eine starke szenische Form verwandelt. Vor allem aber hat er einen großartigen Schauspieler. Steven Scharfs Aura sprengt das szenische Korsett nicht, aber sie überragt es. Es ist ein spannender Abend, und der Abend eines formidablen Darstellers, der ganz zu Recht mit Beifall überschüttet wird.

 

Judas
von Lot Vekemans
Regie: Johan Simons, Bühne: Bettina Pommer, Musik: Maarten Schumacher, Dramaturgie: Julia Lochte, Licht: Wolfgang Göbbel.
Mit: Steven Scharf.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Im Vertrauen darauf, dass ohnehin jeder Zuhörer weiß, worum es geht, tupft der Text Themen und Motive an, vermeidet dabei aber eine konkrete Ausformulierung", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (21.12.2012). So mache Johan Simons den Schauspieler Steven Scharf zum Zentrum einer theatralen Installation, die vom ersten Moment an fasziniere. "Der nackte Schauspieler entrollt im langsam heller werdenden Raum seinen Körper, findet zu zarten, emphatischen, anrührenden Tönen, hängt nur am Gesäß auf der Leiter wie ein Gekreuzigter, steigt schließlich hinab, bis in die Unterbühne, die Hölle, aus der er kam." So blendend die Umsetzung, so seltsam sei die Erkenntnis. "Sämtliche Aspekte, die Vekemans, Simons und Scharf zu Judas entwickeln, sind einem, aufgewachsen im katholischen Bayern, vertraut seit der Kindheit. Was aus holländischer Sicht ein Gedankenspiel ist, ist aus hiesiger die Vergewisserung von Vertrautem.

Der artifizielle Ton, dazu die künstliche Spielsituation oben auf der Leiter - beides zusammen stärke den Kunstanspruch dieser Inszenierung und verleihe dem Abend zudem archaische Kraft, findet Christoph Leibold auf DLF Kultur vom Tage (19.12.2012). "In der Textvorlage sucht Judas den Kontakt zum Publikum, verstrickt es in seine Überlegungen, bis deutlich wird: Wir alle könnten dieser Judas sein, sein Schicksal ist auch unsere Tragödie." In Johan Simons Lesart an den Münchner Kammerspielen dagegen könne man sich zwar in Judas erkennen, "es bleibt aber zuvorderst seine Tragödie. Das ist weniger didaktisch, weniger aufdringlich als es Lot Vekemans Stück vorsieht, stößt das Publikum aber auch nicht so stark auf das eigene Dilemma: dass wir alle handelnd schuldig werden."

 

 

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