Weggehängte Identitäten

von Hartmut Krug

Senftenberg, 1. Dezember 2007. Im Jahre 2016 hat man die Arbeitslosigkeit im Griff: durch Trainingslager, in denen die Arbeitslosen sich neu erfinden müssen. Eingesperrt in dieser wie ein geschlossenes Internat funktionierenden Institution, werden sie als Trainees in rigiden Kursen zum Arbeitsmaterial von Trainern und Psychologen.

Sie leben in Gemeinschaftsschlafsälen und verpflegen sich aus Automaten. Menge und Qualität des Essens werden bemessen nach dem Grad ihres Funktionierens in Kursen, in denen Trainer und Psychologen mit allen Mitteln bis zur Gehirnwäsche versuchen, sie umzumontieren (Orwell und Huxley lassen grüßen). Als neue Menschen sollen sie sich nicht mehr über ihre Erfahrungen und Wünsche definieren, sondern nur noch über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes.

Nicht mehr erlebtes Leben mit seinen Erfolgen und Niederlagen, nicht mehr der Wirklichkeitssinn zählt hier, sondern der Möglichkeitssinn. Die Parole lautet: Anders scheinen als sein. Der Mensch: kein Individuum mit gewachsener Identität, sondern eine Konstruktion, zusammengesetzt aus fremden Bausteinen.

Entsolidarisierung muss sein

Joachim Zelters Roman "Schule der Arbeitslosen" entwirft die schöne neue Welt nach Hartz IV als erbarmungslose Groteske. An der Neuen Bühne Senftenberg entwickelt Intendant Sewan Latchinian in seiner Inszenierung der Bühnenversion des Romans (in zeitgleicher Ringuraufführung mit Osnabrück) die düstere Horrorvision einer von struktureller Arbeitslosigkeit bestimmten Gesellschaft aus einem spielerischen Realismus, der den Identitätsverlust der Menschen umso schmerzhafter wirken läßt.

In der Studiobühne sitzt das Publikum ganz nah am klaustrophobischen Spielort, der von in mehreren Reihen übereinandergehängten Kleidern umringt wird. Die wie bei einer Reinigung in Plastik verpackten Kleidungsstücke (Bühnenbild: Tobias Wartenberg) versinnlichen auf bedrückende Weise die weggehängte Identität der Trainees. Die, in gleichmacherische orangene Anstaltskleidung gesteckt, dahinter meist nur mit ihren Beinen zu sehen sind. Hier ist Vereinzelung (als Vorbedingung von Entsolidarisierung) die selbstverständliche Bearbeitungsmethode.

Wenn eine funktionieren will, aber nicht kann

Wenn Inga Wolff als Karla, 33jährige Floristin, bebrillt, schmal und scheinbar unscheinbar, sich als erste schüchtern hineinzwängt in den Raum, sich und uns beschwörend und staunend, schüchtern wie ungeschönt, äußerlich gehemmt, aber irgendwie doch innerlich ganz bei sich, vom Lager und ihrem Weg dorthin erzählt, dann ist mit dieser (schauspielerisch hinreißenden) Eingangsszene ein wunderschönes Hoffnungsbild an den Anfang gesetzt, – gegen die folgenden eiskalten Szenen, in denen Menschen zu Material gemacht werden.

Die Schauspielerin, die mit gestisch-mimischer Variabilität bis hin zu chaplinesker Komik einen Menschen spielt, der kein Widerständler ist, aber doch bei sich selbst zu bleiben versucht, der versucht, wie gewünscht zu funktionieren, aber dies nicht kann, lässt die Wärmeströmung ihrer Figur aus der ersten Szene durch das gesamte Stück fließen. Wirklich anrührend in seiner traurigen Komik und als Hoffnungszeichen: die (sexuell wie emotional) scheiternde Annäherung an den Trainee Roland (Christian Mark) in funktionaler Weekend-Suite. Roland entscheidet sich nicht für Karla, sondern für die Bewerbung auf die einzige angebotene Stelle, die, böse Pointe, als Trainerstelle nur das Ausbildungssystem erhält.

Überflüssiges Menschenmaterial wird entsorgt

Die Ausbilder kommen in Senftenberg nicht als böse Monster, sondern als gut gekleidete, selbstsicher schicke Erfolgsmenschen daher. Alle funktionieren einfach: der salbungsvolle Cheftrainer, der joviale Deputy Headmaster und der leicht genervte Trainer. Die Grausamkeit kommt aus der Selbstverständlichkeit ihres Handelns. Wie dies ganz unplakativ, ganz beiläufig inszeniert ist, das ist schon beachtlich.

Wenn allerdings, nachdem Karla nicht funktioniert, indem sie sich nicht auf die Stelle bewirbt, die szenische Auseinandersetzung mit dem Menschen als Fehler im System in (trotz Kürzungen noch immer) viel zu vielen kleinen Einzelszenen breit ausgemalt wird, dann ist der Schwung dahin. Die Inszenierung schleppt sich etwas zäh und spannungslos an ihr menetekeliges Ende. Während Roland strahlend als neuer Trainer zurück bleibt, werden die anderen Kursteilnehmer mit ihren Zeugnissen über "professionelle Bewerbungsfähigkeiten" nach Sierra Leone ausgeflogen. Nicht nur ihre Identität haben sie verloren, sondern auch ihre Daseinsberechtigung: das überflüssige Menschenmaterial wird in Afrika entsorgt.

Insgesamt aber doch eine beachtliche Inszenierung eines Stückes, das geradezu nach vielen Nachinszenierungen schreit.

 

SPHERICON – Schule der Arbeitslosen
Ring-Uraufführung nach dem Roman von Joachim Zelter
Regie: Sewan Latchinian, Ausstattung: Tobias Wartenberg. Mit: Lutz Aikele, Sybille Boeversen, Heidrun Gork, Heinz Klevenow, Roland Kurzweg, Christian Mark, Sabine Schönau, Juschka Spitzer, Mirko Warnatz, Inga Wolff und Mirko Zschocke.

www. theater-senftenberg.de


Kritik und Kritikenrundschau zur Osnabrücker Inszenierung des ringuraufgeführten Stoffes finden Sie hier

Kritikenrundschau

Für Sewan Latchinian, darauf weist Martin Stefke in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (4.12.2007) hin, haben Hänsel und Gretel, Anne Frank und Langzeitarbeitslose gemeinsam, dass ihre Schicksale „deutsch und kalt“ seien,  „archaische Muster“ unserer Gesellschaft. Weshalb Latchinian die „Ausgestoßenen“ allesamt an einem Wochenende auf die Bühne brachte. Nicht jeder werde „dieser Lesart in letzter Konsequenz folgen mögen“, schreibt Herr Stefke [bei Gott nicht, auch nicht in erster Konsequenz – jnm]. Und „vielleicht“ könne man es als „Horrorvision“ abtun, wenn das Bühnenbild in Senftenberg an „eine Halle mit Kleidern von in Konzentrationslagern getöteten Menschen“ erinnere. Aber: „Nicht zwingend vollziehen sich Faschismus und Gewaltherrschaft in einer dunklen Welt. Sie „funktionieren“ auch Hinter gläsernen Fassaden in lichtdurchfluteten Räumen.“ Deshalb treffe „die Haltung der stets freundlich dreinblickenden und beflissen daherredenden Mitarbeiterin der Arbeitsagentur“ genauer die Situation als betonte Wut.

Stefan Keim nutzt seine Rezension in der Frankfurter Rundschau (4.12.2007), um noch einmal kurz die Meriten des Osnabrücker Intendanten Holger Schultze aufzuzählen: Kinder- und Jugendtheater mit Stiftungs- und Sponsorengeldern gegründet, mit zwei Festivals die ganze Stadt theatralisiert, jetzt von den Theaterverlegern bepreist. Über Nina Gühlstorffs Inszenierung schreibt Herr Keim: Sie "wollte mehr als nur eine aufwühlende Geschichte erzählen". Einige Arbeitslose spielen selbst mit, andere wurden interviewt, ihre Texte in die Aufführung montiert. "Es packt einen schon kalt im Nacken, wenn ein wuchtiger Mann von einem entwürdigenden Vorsprechen als Weihnachtsmann erzählt." Allerdings, bilanziert Herr Keim, fordere die offene Arbeitsweise einen "hohen Preis". "Im Laufe des Abends werden die Rollen immer unschärfer, die Aufführung zerfällt".

In der FAZ (5.12.) schreibt Irene Bazinger über den Vorwurf von Joachim Zelter: "Zum Lachen reizt diese Parodie höchstens mit zusammengebissenen Zähnen, zu direkt ist Zelters Material den tatsächlichen Verhältnissen entnommen und zu wenig übersteigert, um komisch zu werden." Auch Sewan Latchinians Senftenberger Inszenierung habe zunehmend Mühe, "mit der übermächtigen Wirklichkeit Schritt zu halten und trotzdem kein trauriger Abklatsch zu werden." Wenn am Schluss die Absolventengruppe zum Einsteigen in ihr Flugzeug aufgerufen werde, öffne sich eine Seitenwand und "Schneeflocken toben durch heftig scharfen Wind von rechts herein. Das ist in Senftenberg nicht nur symbolisch gemeint", doch das Theater stemme sich "auch gegen derlei Unbill furchtlos und mit Erfolg".  


 
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