Ein Geselle aus dem Luftballonshop

von Annette Hoffmann

Basel, 9. Januar 2013. Solange noch geschnauft wird, ist es nicht zu spät. Da mag der Tod auch schon über die Schulter schauen. Im Rossstall der Kaserne Basel wird heftig geschnauft, als Beatrice Fleischlin, Anja Meser und Marlen Oberholzer die Bühne betreten, das Geräusch kommt vom Akkordeon, das Fleischlin tonlos bedient. Als Kind, so erzählt sie später, sei immer kurz vorm Einschlafen die Angst vorm Tod auf sie niedergegangen. Damals habe sie gedacht, es wäre doch schön, vor dem Schlafengehen mit Freunden Musik zu machen und sich auf der Bühne zu verausgaben. Denn dann, so die kindliche Logik, könnte sie gar nicht erst kommen, die Todesangst.

"Drop Dead, Gorgeous!" ist nun die um Jahrzehnte verspätete Bandgründung – und eine Verdrängung des Todes der produktiven und witzigen Art. Die musikalischen Fähigkeiten von Fleischlin und Meser mögen zwar nicht eben profiliert sein, die drei Frauen machen sich auf der Bühne dennoch gut.

Was auf Begräbnissen gesungen wird
Abende über den Tod und das Sterben haben immer etwas vom Pfeifen im Wald. Da bildet "Drop Dead, Gorgeous" keine Ausnahme. Listen mit den Dingen, die die drei vor ihrem Tod unbedingt noch gemacht oder erlebt haben wollen, werden vorgetragen: aufs Jungfrauenjoch hoch, die Steuererklärung endlich mal pünktlich abgeben, auf der Bühne stehen und singen. Letzteres zumindest löst Marlen Oberholzer in roten Highheels und T-Shirt mit dem alles umarmenden Aufdruck "You" gleich an Ort und Stelle ein – muss man sich Sorgen machen?

DropDead1 560 GregorBraendli xDie Jederfrauen und der Knochenmann: "Drop Dead, Gorgeous!" © Gregor Brändli

Die Sängerin mit Erfahrungen bei Hochzeit- und Trauerfeierengagements erzählt von ihren Auftritten bei Begräbnissen und dem dort gewünschten Repertoire. Ist ein Mann gestorben, wird oft "My Way" verlangt, ist eine Frau gestorben "Tears in Heaven", den größten Effekt jedoch bringe "Cross over Jordan". Bevor sie "Amazing Grace" richtig intonieren kann, stürzt schon Anja Meser auf die Bühne, um von den sechs verschiedenen Todesarten zu erzählen, die sie hinter sich brachte, bevor sie überhaupt erwachsen wurde. Und Beatrice Fleischlin übt sich für den Handel mit dem Tod und bittet mit vor Aufregung heiserer Stimme um Aufschub, da sie doch Menschen mit ihren Arbeiten berühre.

Die evolutionäre Leistung der Weicheier
"Drop Dead, Gorgeous!" hat eine überschaubare Dramaturgie. Nachdem das Publikum die drei Darstellerinnen kennen gelernt hat, wechseln sich Auftritte zu zweit und zu dritt ab. Absprachen werden flüsternd auf der Bühne ausgetragen und auch mal der Kollegin die große Szene verpatzt. Mitunter streift der 80-minütige Abend das Kabarettistische, etwa wenn Anja Meser unter beachtlichem Kostümwechselturnus die evolutionäre Leistung der Hypochonder und Weicheier würdigt. Natürlich bekommt auch der Tod seinen Auftritt – erst als Beatrice Fleischlin mit Kapuzenshirt, später in Form aufblasbarer Knochenmänner. Und wenn Marlen Oberholzer "Cross over Jordan" zu singen beginnt, wird das Sterben zum großen Kino, zum Musical, einer schönen Illusion, der man sich mit viel Flitter hingeben kann.

Beatrice Fleischlin, Anja Meser und Marlen Oberholzer sind keine Diven oder Berserkerinnen auf der Bühne, sie haben den Charme des Nicht-Exaltierten. Allzu große Betroffenheit wird weggekichert, der Tod ist ein Geselle aus dem Luftballonshop. Das hat etwas erfrischend Normales, zumal die drei auch durch ihre bisher ausgeübten Berufe (Floristin, Fotolaborantin, Bäuerin, Tankwart, Rechtsanwaltsangestellte, technische Operationsfachfrau) zu Jederfrauen werden, die die Auseinandersetzung mit dem Tod stellvertretend für die Zuschauer austragen, wenigstens einen Abend lang.

Drop Dead, Gorgeous! (UA)
Ein Projekt von fleischlin/meser/oberholzer
Dramaturgie: Andy Tobler, Kostüme: Luzia Fleischlin, Licht: Marie Zahir, Komposition: Stefan Haas.
Mit: Beatrice Fleischlin, Anja Meser, Marlen Oberholzer.
Dauer: 80 Minuten, keine Pause

www.kaserne-basel.ch


Kritikenrundschau

Der Tod sei in dieser Performance "äusserst humorvoll", schreibt Julia Voegelin in der Basler Zeitung (11.1.2013). Es gelinge den Künstlerinnen gleich zu Beginn, die Distanz zum Publikum aufzubrechen, indem sie sich mit dem richtigen Namen vorstellten. "Das weicht die Grenze zwischen wirklich Geschehenem und fiktiver Wahrheit auf." Die "todesmutige Performance" sei irgendwo anzusiedeln zwischen autobiografischer Ironie, künstlerischem Sarkasmus und musikalischer Verausgabung, "wobei die Trennlinie zwischen Kitsch und Ästhetik fein ist."

Einen "sehr harmlosen Abend" hat VES für die bz (11.1.2013) gesehen. "Was ist der Tod? In unserer selbstbestimmten, aufgeklärt individualistischen Zeit offenbar vor allem eine persönliche Brüskierung (und auf dem Theater, wie die Damen zugeben, ausserdem ein gutes Thema, um Kulturfördermittel einzuholen)." Es gehe dieser "sehr selbstbewussten, sehr vagen Aufführung" gar nicht um den Tod. "Es geht ihr ums Aussehen. Den schicken Zugriff und den Chic der Darstellerinnen, die uns in erstaunlich schnellen Wechseln erstaunlich viele Kostüme präsentieren. Lauter lose Hüllen."

Beatrice Fleischlin nehme es immer wieder auf mit den verschiedenen Seiten eines scheinbar eindeutigen Phänomens, schreibt ama in der Badischen Zeitung (11.1.2013). In "Drop Dead, Gorgeous!" folge sie immer einer präzisen Dramaturgie, "zu deren Standardrepertoire auch herrlich synchron bewegte Passagen gehören". Zusammengenommen höben alle die kleinen Wahrheiten und flackernden Lebensausschnitte den Vorhang zu einem "vergnüglich anrührenden und großen Stück".

 
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