Seht Ihr diese Wunde!

von Christoph Fellmann

Zürich, 11. Januar 2013. – Der Gesang wüsste schon, wie Erlösung geht. Oh Elektra, won't you weep no more, so gospelt es zu Beginn zur elektrischen Gitarre. Und doch, es ist ein Gesang in Endlosschlaufe, und bekanntlich kommt alles noch viel schlimmer. Viel verhängnisvoller. Denn vor dem Haus der Atriden, nur durch zwei schmale Bretter von der Tür getrennt, klafft ein Grab. Da fällt so gut wie hinein, wer das Haus verlässt. Und umgekehrt, was ihm entsteigt, hat schon sozusagen an der Tür geklopft. Die "Elektra", die Karin Henkel im Zürcher Schiffbau aus den verschiedensten Vorlagen eingerichtet hat, hat hier, an dieser Tür, oder vielleicht besser: an diesem Grab ihren Dreh- und Angelpunkt.

... und das Verhängnis höret nimmer auf

Denn Henkel zeigt uns zwei Stücke. Die eine Hälfte des Publikums nimmt vorerst drinnen Platz, in der privaten Stube der Atriden gewissermaßen, ein Teil sogar in den Fauteuils, die da stehen und die zurecht wie Secondhand-Möbel aussehen, denn der alte Hausherr ist tot. Drinnen halb gelöste Stimmung, draußen Wasserfolter: Die andere Hälfte begibt sich vor die Tür, wo Elektra ihren Platz im Regen eingenommen hat und sich in langen Monologen wie eine Amokläuferin für den finalen Akt programmiert, denn: Man "muss dem Muss gehorchen". Zur Pause werden die Plätze getauscht, und alles beginnt nochmals von vorn; wie erwähnt, muss diese Geschichte dem Muss gehorchen. Dem Verhängnis, dass sie nie mehr aufhört, wenn sie mal begonnen hat.

elektra1 560 matthiashorn uBei den Atriden daheim © Matthias Horn

Es ist eine grandiose Idee. Und mit wenigen, kaum bedeutenden Abstrichen hat Karin Henkel sie zu fassen gekriegt. So kommt es, dass wir auf die "Elektra" blicken wie in ein Hologramm, in ständig kippenden Perspektiven. Denn während man vor dem Haus, im Regen, der "Elektra" folgt, so wie sie Sophokles und Hugo von Hofmannsthal erzählt haben, also vor allem aus der Perspektive der Elektra, die auf ihren Bruder Orest wartet, um ihn zum Werkzeug ihrer Rache zu machen; während dem also erlebt man drinnen dasselbe aus der Perspektive von Klytaimnestra, die sterben soll. Doch wird hier mit Euripides ("Iphigenie in Aulis") und Aischylos ("Orestie") zugleich die Vorgeschichte erzählt: Der Mord von Agamemnon an Iphigenie, der Tochter von Klytaimnestra und Schwester von Elektra, sodann der Mord der Klytaimnestra an Agamemnon, ihrem Mann. "Mord um Mord, Schlag um Schlag, Recht um Recht, Schuld um Schuld", wie es so schön heisst.

Auf der anderen Seite der Front

Um die Gleichzeitigkeit der eigentlich linearen Rachefolge zu etablieren, hat der Abend zu Beginn den einen oder anderen didaktischen Moment. Schnell aber kommt die Konstruktion in einen verblüffenden Schwebezustand. Die Lebendigen begegnen den Toten wie alten Geistern, die sie plagen. Von der anderen Seite der Hausfront hört man die Echos eines vergangenen oder auch zukünftigen Geschehens. Michael Neuenschwander geht als Agamenon durch die Tür ins Grab und kommt als Orest zurück, und genau gleich kehrt Lena Lauzemis als Chrysothemis wieder, nachdem sie als ihre Schwester Iphigenie verblutet ist. Und Elektra, das Kind in seinem vom Blut des Vaters verschmierten Kleidchen – es trifft schließlich Elektra, die Frau im noch sauberen Kleid. Klingt kompliziert? Ist völlig einleuchtend, wenn man es sieht. Und regelrecht erschütternd, wenn sich Paula Blaser (die in der Premiere die kleine Elektra spielte) und Carolin Conrad die Hand reichen. Ein Trauma von einem Bild.

elektra2 560 matthiashorn uDie mit der Axt tanzt: Elektra  © Matthias Horn

"Wer traf, wird getroffen", heißt es einmal. Dieses Verhängnis wird bei Aischylos erst im dritten Teil der "Orestie" gelöst, dem Teil also, der an diesem Abend aussen vor bleibt. Der Unerbittlichkeit dieser Logik begegnet die Regie anders, vielleicht sogar schöner, falls dieses Wort erlaubt ist: nämlich mit kurzen Momenten, in denen die Erlösung möglich wäre. Als sich Elektra und Klytaimnestra vor der Tür, über dem Grab, endlich in die Arme ringen. Oder als Orest, bevor er mit der Axt ins Haus geht, vor der Tür, an der Wand zusammenbricht. Karin Henkel zeigt die Treffenden immer auch als Getroffene, und das ganz einfach dadurch, dass sie ihre Vergangenheit präsent hält.

elektra1 hoch matthiashorn uAus dem Grab auferstiegen © Matthias Horn

Ein uraltes Lied

"Die Vergangenheit ist nicht tot", hat William Faulkner gesagt, "sie ist noch nicht einmal vergangen". Auch die Kamera des Chronisten (Fritz Fenne) hält sie wach und zoomt sie heran. Die Gründe und die Gefühle. Und die Rechtfertigungen, die das Gegenteil sind von Recht, und die sich dennoch mit jedem Mord wiederholen. Und so geht der kurze Moment, da die Geschichte enden könnte, auch gleich wieder vorbei.

Und die Geschichte weiter. Zuletzt macht sich Orest zum Marodeur, der sein Vater schon war, Michael Neuenschwander zeigt es erbarmungslos. Die nervenaufreibende Lena Schwarz geht als heillos zerrissene Klytaimnestra ins Grab und steigt als geheilter Geist heraus. Und die nicht minder großartige Carolin Conrad, ihr kann man in ihrem klaustrophobischen Draußen vor der Tür dabei zusehen, wie sie sich schwach redet. So lange, bis sie stark genug ist, notfalls selbst mit der Axt durch die Tür hinein zu gehen. "Seht ihr diese Wunde?", sagt sie. "Bewahrt sie in euren Herzen". Es ist, als habe sie ein uraltes Lied erhört: Oh Elektra, won't you weep no more.

 

Elektra
nach Aischylos, Sophokles, Euripides und Hugo von Hofmannsthal
Regie: Karin Henkel, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Alain Croubalian, Licht: Michel Güntert, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Carolin Conrad, Lena Lauzemis, Lena Schwarz, Fritz Fenne, Kate Strong, Michael Neuenschwander, Alexander Maria Schmidt, Paula Blaser und Anna-Lou Caprez-Gehrig.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 
Kritikenrundschau

"Endlich, endlich ist es geschehen! Die Saison 2012/2013 am Schauspielhaus Zürich hat ein blendendes, ein betörendes Highlight", jubelt Alexandra Kedves im Zürcher Tages-Anzeiger (14.1.2013). Es gebe kein süffiges Einerlei, wenn Karin Henkel die starken Texte und den starken Sound in ihrer Inszenierung aneinanderschmiege. Sie habe aus dem antiken Mythos das moderne Kleistsche Michael Kohlhaas-Phänomen herausgefiltert, "und jeder, der schon einmal hilflos ein Unrecht erleiden musste, kann sich in dieser Inszenierung hineinfallen lassen in den Irrsinn der Verbitterung – und auch wieder herausführen lassen; das Theaterticket kommt billiger als jede Traumatherapie." Elektra gleisse in verblendetem Triumph, bevor die Erinnyen sie holen – "und wir strahlen entflammt", wird Kedves zum Schluss einer hymnischen Kritik noch hymnischer: "Mutterliebe, Geschwisterliebe, Gattenliebe, alle Liebe schläft. Unsere aber, die des Zuschauers, ist entzündet."

"Es ist eine sehr heutige, gespensterfreie Sicht auf Elektra, die Karin Henkel vorschlägt", schreibt Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (14.1.2013). Erstaunlicherweise ergebe die Textfassung aus verschiedenen Quellen keinen heillosen Mischmasch, "sondern eine kluge neue Variante, auch im Sprachduktus einheitlich und zeitgenössisch." Selten sei eine Aufführung im Ganzen so durchdacht, ein Stoff so klug durchdrungen. "Diese Aufführung ist ein Ereignis."

"Dass Figuren zwischen den Zeit- und Spielebenen hin und her wechseln, ist nicht nur eine dramaturgische und schauspielerische Herausforderung", findet Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (16.1.2013). "Es lässt die wahrgenommene Realität auf beiden Bühnen auf beeindruckende Weise instabil, ja durchlässig werden". Henkels Reflexion über Verbrechen und Strafe werde immer vielschichtiger, laufe aber nie Gefahr, zu zerfleddern. "Es entsteht eine erhellende, undidaktische Überschreibung der alten Geschichte. Die Schuldfrage wird Sache der Interpretation, und es bleibt Heimkehrer Orest (ebenfalls Neuenschwander) letztlich nur, sich mit selbstironischer Lakonie in sein Schicksal zu fügen und gehorsam das Morden fortzusetzen."

 
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