In der Matratzengruft

von Kai Krösche

Wien, 16. Januar 2013. Nicht mit dem Kopf durch, sondern gegen die Wand, immer wieder, wider besseres Wissen, auf Kriegsfuß mit der Vernunft, bis die Köpfe blutig sind, bis zum letzten Atemzug. Sibel und Cahit, zwei gescheiterte Selbstmörder (geteiltes Motiv: Lebenshunger), treffen aufeinander in der Klinik. Um ihrem strengen türkischen Elternhaus zu entfliehen, macht Sibel dem verblüfften Cahit einen spontanen Heiratsantrag: Sibel will leben, tanzen und ja, sie will auch ficken, und nein, nicht nur mit einem Mann. Dafür braucht sie Ruhe, und die kriegt sie nur, wenn sie einen Türken heiratet. Auch Cahit will eigentlich nur seine Ruhe, zunächst vor allem von Sibel. Da er jedoch nichts zu verlieren hat – und immerhin eine hübsche, junge Mitbewohnerin zu gewinnen – willigt er (widerwillig) der schon bald im großen Rahmen zelebrierten Hochzeit ein. Es wird nicht lange dauern, bis die beiden sich tatsächlich ineinander verlieben. Und mit den Gefühlen die Eifersucht kommt. Und schließlich ein Nebenbuhler stirbt.

gdw1-560 yasminahaddad uDa steht die Schaumstoffwand noch: Sibel (Zeynep Burac), Cahit (Harald Windisch) und die Verwandten © Yasmina Haddad

"Gegen die Wand", der vierte, 2004 erschiene Film des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin, ist eine atemlose Tour de force über leidenschaftliche Liebe, Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und das Faustrecht der Freiheit, wütend und atemlos erzählt, dabei frei von besserwisserischer Moral. Ein Film, der sich durch die bedingungslose Liebe zu seinen schroffen wie verletzlichen Protagonisten auszeichnet, der Ernst macht, ohne je das Augenzwinkern zu verlieren und sich so vom Verdacht des Gutgemeinten, aber auch des erhaben Anklagenden befreit. Diesen von der Umsetzung in temporeichen Schnitten und Ortswechseln, weiten Totalen und Großaufnahmen ausdrucksstarker Gesichter lebenden Stoff ebenbürtig auf die Bühne zu transferieren: Das ist schwer.

Pseudo-türkisches Gezappel

Regisseur Alexander Simon und sein Team der Garage X haben es trotzdem gewagt. Auf der weißen Bühne hängt eine lichtdurchlässige Plane, liegt ein gutes Dutzend versiffter Schaummatratzen. Zu Beginn bilden diese Matratzen noch eine Wand, die aber schon bald von den beiden Protagonisten durchbrochen wird: Fortan dienen sie zum weichen Stoßdämpfer für Turnereien und wiederholte Wutausbrüche. Hier also wird "Gegen die Wand" gespielt: Vom Blatt (d.h. vom Drehbuch), chronologisch wie im Film. Mit einigen Kürzungen, klar, ebenso mit einigen Ergänzungen. Dafür aber ohne Großaufnahmen, ohne Ortswechsel, ohne Kamerafahrten. Eigentlich, mit Ausnahme der wiederholt eingesetzten Musik, ohne all das, was den spannenden Stoff ursprünglich zu einer wirklich packenden Umsetzung machte.

gdw 280 yasminahaddad-uSibel (Zeynep Burac) und Seref (Dennis Cubic)
© Yasmina Haddad
Als wäre das nicht bereits genug der Vereinfachung, werden die Nebenrollen (um mehr Action auf die Bühne zu bringen?) immer wieder zu überzeichneten Stereotypen heruntergebrochen: Treten Sibels Verwandte im Film – durchaus nicht humorlos – noch als ernstzunehmende Familie auf, die sich durch ihre verbohrten Prinzipien und Traditionen auf tragische Weise der Lächerlichkeit preisgibt, so setzt die Bühnenfassung immer wieder auf Gezappel und Pseudo-Türkisch ("Hübbelihübbeli"). Subtilen Humor holzhämmernd zu karikieren – das geht meist in die Hose.

Wirklich schade jedoch: Durch das Fehlen einer theatralen Entsprechung für all die subtilen Blicke und Gesten, die eine Filmkamera mühelos einfangen kann, entwickelt sich die zarte Liebesgeschichte zwischen Zeynep Buracs Sibel und Harald Windischs Cahit über weite Strecken im Abseits. Erst (aber immerhin) in den letzten zehn Minuten findet die Inszenierung in Form einer sehr schönen Liebesszene zu einer Kraft, die ein Gefühl der brodelnden, unbändigen, aber unerfüllbaren Leidenschaft der beiden Protagonisten vermittelt: Wenn Sibel und Cahit ein letztes Mal aufeinander treffen, fährt das Tempo herunter. Beide werfen sich zärtlich küssend gegen die an den Wänden stehenden Matratzen, wollen sich. Und können doch nicht zueinander finden. Cahit erzählt zerbrechlich und ruhig vom Tod seiner ersten Frau, Sibel von ihrem neuen Mann und dem gemeinsamen Sohn. Verpasste Chancen und das bittere Gefühl des "zu spät".

Kein Film fürs Theater

Natürlich lässt sich ein Stoff oft in einer Weise von einem Medium in das andere übersetzen, die neue Einblicke, Aspekte und eine originelle Sichtweise auf die Story bietet, die nur so und nicht anders möglich gewesen wäre (der Garage X ist genau dies erst vor kurzem mit ihrer Bühnenfassung von Houellebecqs Karte und Gebiet gelungen). Aber es gibt auch Stoffe, die sich der Übersetzung in eine andere Kunstform verweigern. "Gegen die Wand" ist ein solcher Stoff, ist reines Kino, da hier erst die Mittel des Mediums Film aus einer guten Story packende und mitreißende Kunst machen.

Den Stoff fürs Theater zu bearbeiten heißt daher notgedrungen, es anders zu machen, aber niemals besser. Gravierender noch: es nicht einmal genauso gut machen zu können. Dass dabei dennoch ein unterhaltsamer, stellenweise auch bewegender Theaterabend herausgekommen ist, spricht zwar für Regisseur Simon und vor allem sein Ensemble, ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Gang in die nächste Videothek (oder, falls möglich, viel besser noch: ins Kino) nicht nur etwas anderes, sondern tatsächlich einfach dasselbe – und mehr bringt.

 

Gegen die Wand
Theaterfassung nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin
Inszenierung: Alexander Simon, Ausstattung: Monika Nguyen, Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf.
Mit: Zeynep Buyraç, Harald Windisch, Aslı Kışlal, Tim Breyvogel, Dennis Cubic, Arthur Werner.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.garage-x.at

 

Mehr zu Bühnenversionen von "Gegen die Wand"? 2011 wurde der Film von Mareike Mikat in Heidelberg und Esther Hattenbach in Neuss inszeniert.

Kritikenrundschau

Im Boulevardblatt Kurier (18.1.2013) schreibt –AG: "Übermäßiges Interesse an den Protagonisten oder dem gesellschaftlichen Umfeld", in dem sie sich aufreiben, sei der Inszenierung von Alexander Simon "nicht anzumerken". Vielleicht läge das an der "Übertragung von Leinwand auf Bühne". Erst gegen Ende gewänne die Beziehung der beiden Liebenden an "Tiefe und Dynamik". Bis dahin "viel Ausgelassenheit und Herumgetobe". "Sehenswert und kurzweilig - aber eben nur phasenweise wirklich mitreißend".

Ronald Pohl schreibt in der Wiener Tageszeitung Der Standard (18.1.2013): Das famose Theater-Remake von "Gegen die Wand" profitiere von einer nachträglichen Schärfung des Bewusstseins: Auch in Österreich habe man beschlossen, "das Thema der Interkulturalität verstärkt auf die Agenda zu setzen". Alexander Simons Inszenierung übertrage den Balladenplot "in wenigen Worten nach Wien". Das Stück handele vom "Körper der Migrantin, des Migranten". Auf ihn werde von allen Seiten Druck ausgeübt, weshalb für die Bühne ein besonders sinnfälliges Terrain ausgewählt wurde, eine Landschaft aus lauter gelben Schaumstoffmatratzen, eine verdreckter und zerschrammter als die andere. Das sechsköpfige Ensemble spiele sich "kolossal frei". "Widersprüchliche Begierden werden in Tanzschritte übersetzt, Stereotype in Choreografien". Eine "Eigenproduktion ohne Fehl und Tadel".

 

Kommentar schreiben