Burgunden kaufen bei McGeiz

von Christian Baron

Weimar, 18. Januar 2013. Mit guten Siegchancen kann man wohl Wetten darauf abschließen, dass bei jeder deutschsprachigen "Nibelungen"-Inszenierung der jüngeren Vergangenheit Einar Schleefs in den 1980er Jahren gestellte Frage "Was gehen uns die Nibelungen an?" als Ausgangspunkt diente. So auch jetzt in Weimar, wo Michael von zur Mühlen das Trauerspiel Friedrich Hebbels eigenwillig auf die E-Werk-Bühne bringt. Seine Deutung hat er in einen zum Leitmotiv der Inszenierung erkorenen Werbeslogan der Bundeswehr gepackt: "Wir. Dienen. Deutschland."

Spektakel

Da der "Bürger in Uniform" in der vereinigten BRD nach 1990 allmählich zum gewöhnlichen Alltagsphänomen mutiert ist, sind die Protagonisten der "Nibelungen 2013" allesamt in uniformierter Militär-Kampfmontur zu sehen. Dabei ist während des dreistündigen Nonstop-Spektakels keine Handlung im klassischen Sinne erkennbar, auch gibt es keine klare Rollenverteilung; jeder mimt mal diesen, mal jene.

die nibelungen4 560 stephan walzl u© Stephan Walzl Konzeptionell lässt sich zumindest eine Zweiteilung ausmachen. Zunächst sind es die Männer, die sich beliebig der Frauen bemächtigen, sie erniedrigen und knechten. Im zweiten Part jedoch drehen die Damen den Spieß lustvoll um, indem sie einen Kerl nach dem anderen genüsslich und kaltblütig abknallen. Einige Fragmente aus dem Hebbel-Text halten das Ganze zusammen, indem etwa Siegfried als tragischer Held im schwarz-rot-gold beflaggten Sarg betrauert wird. Brunhild gibt derweil den Prototyp der selbstbewusst-lederbejackten Emanze, während Kriemhild als Schablone für das konservativ-sonntagskleidchentragende Heimchen erscheint. Ansonsten bilden wild hineingestreute Zitate prominenter Persönlichkeiten (vor allem aus der Politik) die Textgrundlage für dieses wilde Diskurs-Gewimmel.

Stelldichein der Berliner Republik

Wenn sich dann Aussagen von Christian Wulff ("Die Zukunft gehört den Nationen, die offen sind für kulturelle Vielfalt!"), Joschka Fischer ("Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg, sondern auch: Nie wieder Auschwitz!") oder Angela Merkel ("Es gibt kein zu viel an Islam, sondern nur ein zu wenig an Christentum!") in die Machtspiele der Nibelungen mischen, dann entwickelt sich daraus ein spaßiges Schauspiel, das nicht nur die Phrasendrescherei der Amtsträger gekonnt entlarvt. Auch wird Kriemhilds Rache als Notwendigkeit eines erneuerten Feminismus' ausgelegt und mit der Illustration der Intrige gegen Siegfried unser aller Elendsgewinnlerei bloßgestellt. Zugleich aber wird die Antwort auf Einar Schleefs eingangs erwähnte Frage geradezu auf dem Silbertablett serviert. Und genau hier liegt das Problem.

Verständnishilfe

Braucht es wirklich den zerstreute Assoziationen stammelnden Julian Blaue, der als außerhalb des Stückes stehende Instanz sich immer wieder an die Zuschauer richtet und ihnen die gefälligst zu schluckende Interpretation des Gesehenen vorkaut mit Sätzen wie "Ihr seid gemeint, ihr seid die Huren, ihr prostituiert euch, wenn ihr bei McGeiz kauft"? Ist es zum besseren Verständnis des Stückes wirklich notwendig, dass die Herren der Schöpfung im zweiten Teil ihre Uniformen ablegen und eine gefühlte Ewigkeit in Bikinis bemüht-lasziv als billige Nutten um Striptease-Stangen tänzeln?

Es sind solche Kabinettstückchen, mit denen der Regisseur dem Publikum seine Botschaft missionarisch in die Köpfe martert und sich damit der Chance beraubt, das geneigte Auditorium mit wertvollen Denkanstößen zu versorgen, weil seine Darbietung einfach allzu platt wirkt.

Moralinsaures Palaver

Was auch daran liegt, dass die Figuren nichts weiter sind als aberwitzige Karikaturen. Zwar wird durch Rollentausch oder Verfremdung von Seiten des hervorragend harmonierenden Ensembles konsequent und schlüssig eine Identifikation mit den spielenden Gestalten verhindert. Doch die verhandelten Themen bleiben immer im Ungefähren, Abstrakten; sie werden niemals ins Persönliche, Subjektive überführt.

die nibelungen2 560 stephan walzl uStephan Walzl Man lernt: Menschen lieben Gewalt, Kapitalismus ist scheiße und wir wissen das zwar alle, machen aber trotzdem munter weiter mit. Wie das System selbst beschaffen ist, indem es jeden einzelnen bei Strafe des eigenen Untergangs gewalttätig zu ebendiesem munteren Mitmachen zwingt, geht in dem moralinsauren Palaver gegen den vermeintlich duckmäuserischen Pöbel dagegen komplett unter.

Kann es nun der richtige Weg sein, einen vor (wenn auch keineswegs dumpfem) Nationalismus triefenden Stoff zu nutzen, um die dort auftretenden Figuren als grundlegende Prinzipien für die Mentalität der heutigen Deutschen schlechthin zu verabsolutieren? Man kann – mit dem Preis, einen zwar partiell kurzweiligen Abend zu kreieren, der jedoch durch seine offen ausgedrückte Verachtung des "einfachen Mannes auf der Straße" zwangsläufig elitär geraten muss.

 

Die Nibelungen
nach Friedrich Hebbel
Regie: Michael von zur Mühlen, Dramaturgie: Elisa Liepsch, Bühne und Kostüme: Christoph Ernst, Musik: Clemens Rynkowski.
Mit: Ana Stefanović Bilić, Julian Blaue, Nico Delpy, Jeanne Devos, Markus Fennert, Petra Hartung, Mirco Reseg, Hagen Ritschel, Tobias Schormann, Michael Wächter.
Dauer: 3 Stunden, keine Pause 

www.nationaltheater-weimar.de



Kritikenrundschau

In der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (18.1.2012) sagt Bernhard Doppler: "Lässt man sich auf von zur Mühlens Soldatenspektakel ein – und das fällt trotz der lustvoll agierenden, aber bisweilen unverständlichen Schauspieler an dem langen Abend gar nicht leicht, – kommt die Aufführung dann überraschenderweise doch dem Nibelungenmythos, diesem so oft missbrauchten deutschen Nationalmythos, sehr nahe. Von zur Mühlen zeige "eine militarisierte Gesellschaft, weniger als Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, sondern als soziale Haltung, als Kampf um Selbstbehauptung. Die Nibelungen als Ego-Shooter!"

"Man könnte diesen Abend (…) zur Grundlage eines Diskurses über deutsche Gegenwart nehmen und eine Reihe sinnvoller Themen daraus ableiten, deren zentrales ungefähr so ginge: Diese Gesellschaft ist so rat- wie konzeptionslos, sie hat keinen rechten Begriff von ihrer Gegenwart und von ihrer Zukunft erst recht nicht", schreibt Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen (21.1.2013). Man könnte … Allerdings sei "dieser Abend, hinter dem ein engagiertes Ensemble steht, grausam langweilig in seinem missionarischen Eifer. Nicht weil der Regisseur auf Friedrich Hebbel und 'Die Nibelungen' pfeift: Weil er nervt, weil er Text absondern lässt, der rauscht und tönt wie einst im Mai. Und weil er (…) im Gegenzug für all die Zumutungen keine Intensität gewinnt, keinen intellektuellen und ästhetischen Mehrwert."

 

 
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