Ein Bier namens Parole

von Tim Schomacker

Oldenburg, 20. Januar 2013. Das Nachrichtenlaufband im niedersächsischen Bahnhof verkündet ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den niedersächsischen Landtag. Derweil ein Karl-Marx-Darsteller im niedersächsischen Staatstheater zu Oldenburg gerade vom Klo kommt. Bedächtig schließt Marx die Kneipen-Klotür ab. Bedächtig, doch erstaunlich wenig gebeugt, verteilt er Bierflaschen auf Tischen. "71022 Tage Marx", verkündet eine Tafel neben der Bar. Vorwärts, summt Marx, und nicht vergessen. Die Gäste kommen jeden Moment.

Über der Tür reckt sich ein Holzhirsch mit Augenbinde. An den Wänden hängen Musikplakate, einige aus Kassel, andere aus New York. Über der Bar wirbt ein Leuchtkasten mit dem Slogan "Egal ist keine Haltung!" für ein Bier namens "Parole". Draußen im Foyer kann man es realiter erwerben und trinken. Ein paar Cent vom Verkaufspreis gehen an eine lokale Sozialinitiative. Menschen kommen. Sie grüßen Marx, schenken ihm etwas. Eine Pfeife, eine Nelke, Dinge in Geschenkpapier. Vermutlich hat er Geburtstag. Jemand bringt einen Revolver. Zwei aus der vierköpfigen Band tragen rote Papphütchen mit schwarzem Stern.

marx 4 560 andreas j etter uDie Muse und der Marx: Eva Maria Pichler und Gilbert Mieroph © Andreas J. Etter

Vom "Einheitsfrontlied" bis "Street Fighting Man"
Gemeinsam mit dem Theaterkomponisten und Bühnenmusiker Christoph Iacono hat Oldenburgs leitender Schauspielregisseur K.D. Schmidt einen Abend entwickelt, mit dem sie Klarheit ins politische Liedgut bringen wollen. Sie tun gut daran, ihren Bühnen-Marx (Gilbert Mieroph) zunächst Brechts/Eislers "Einheitsfrontlied" anstimmen zu lassen, mit heller, gelegentlich brüchiger Stimme. Musikwissenschaftlicher Sozialismus in einem Landgasthof? Wer sich hier zu Ehren des Klassikers versammelt, kreist auf je eigener Bahn um das revolutionäre, nun ja, sagen wir: widerständige Kollektivsubjekt.

Ein Jungaktivist im grünen Parka (Bernhard Hackmann) scheitert ausgerechnet an der "Internationalen". Ein Tierrechtler im Hühnchenkostüm (auch später bei Bob Marley gesanglich gut: Klaas Schramm) intoniert eine Chicken-Version des "Street Fighting Man" der Rolling Stones und streckt dabei einer verkniffenen Mixtur aus Eva Perón und Margot Honecker (Anna Steffens) seinen Bürzel ins Gesicht. Eine Kati-Witt-Paraphrase (Eva Maria Pichler) steckt sich, Marx ist doppelt selig, für die DDR-Hymne das Mikrophon ins Dekolleté.

"Ihr könnt nur persiflieren, verarschen, kleinmachen!"

Der Liederabend versammelt Evergreens. Wer in den letzten dreißig Jahren mal auf einer Demo war, mag einiges vermissen: Punk, Hardcore, Hamburger Schule. Geschenkt. Dass "Marx macht mobil" so wenig über seine Motive verrät, dass es den dezent viebrockartigen Szeneschankraum choreographisch nicht gründlicher auslotet, dass schließlich die Gesangsnummern zwar stimmlich ansprechend arrangiert, dabei aber – wenigstens in Hälfte eins – ohne Not in statischer Nummernrevuemanier auf der Bühne platziert sind, tut dem zweistündigen Abend nicht gut.

Das Hühnchen wird nach Aufsagen eines DDR-Witzes von Marx platzpatronal exekutiert. Einer macht aus "Brüder zur Sonne..." eine Partynummer, die in einer an realsozialistische Monumente erinnernden Menschenpyramide endet. Mit rot herausplatzender Juxfahne im Schlussakkord. "Ihr könnt immer nur persiflieren, verarschen, kleinmachen", motzt Marx. Und rennt beleidigt aus der Kneipe, um im Off lautstark gesellschaftliches Sein und Bewusstsein in Beziehung zu setzen.

marx 8 560 andreas j etter uAlle mobilisiert: Das Oldenburger Ensemble © Andreas J. Etter

Realexistierende Widersprüche

Die zweite, szenisch aus der Kneipenszenerie in den abstrakteren Theaterraum gerückte Teil des Abends beginnt mit einer Offenbarung. Es sei, wird wahrheitsgemäß wie wahrscheinlich gestanden, nicht gelungen, die Widersprüche von Protest aufzulösen. Genau hier mehrstimmige Ensembleversionen von Deichkinds Hit "Bück Dich hoch!" und Tocotronics programmatisch verzweifeltem "Kapitulation" zu bringen, gibt dem Liederabend musikalisch und inhaltlich nochmal Schwung. Immer diese Widersprüche. Aus einer – von Geld über Kinderarbeit bis Landgrabbing – ziemlich alle relevanten Themenbereiche umfassenden Selbstanklage-Choreographie ("Ich hab das böse Fleisch in mir!") bleibt Thomas Birklein übrig. Er kasteit sich mit dem Ledergürtel. Vermutlich Rindsleder. Ein Detail, das die Ambivalenz des Protests hereinreinholt in das einzelne (Schauspieler-)Leben.

Welchen Musikgeschmack das Kollektivsubjekt pflegt und warum, keine schlechte Frage. In Schmidts/Iaconas Lesart macht Marsch mobil und hymnisches Crescendo. Durchaus plausibel. Welchen es – diesseits von Tradition und Sentiment – pflegen müsste, heute, wäre eine wohl noch bessere. Das Kopf-an-Kopf-Rennen um das Konsensstück des Abends bestreiten der vielseitig einsetzbare Partisanenklassiker "Bella Ciao" (hier als dezent aber pointiert gesetzter Chor über den Tresen) sowie "Die Gedanken sind frei" – im Black mit Soloposaune intoniert, dann vom in Parkett und Rang verteilten Ensemble raumgreifend vollendet.


Marx macht mobil
Ein revolutionärer Liederabend
Regie: K.D. Schmidt, Bühne: Thomas Drescher, Kostüme: Katharina Kownatzki, Musikalische Leitung: Christoph Iacono, Licht: Herbert Janßen, Dramaturgie: Lene Grösch.
Mit: Thomas Birklein, Juliana Djulgerova, Kristina Gorjanowa, Bernhard Hackmann, Rüdiger Hauffe, Gilbert Mieroph, Eva Maria Pichler, Klaas Schramm, Anna Steffens.
Musiker: Jochen Bens, Christoph Iacono, Martin Krutzig, Eckhardt Meyer.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.staatstheater.de

Aus gegebenem Anlass eine jüngere Buchbesprechung von nachtkritik.de zum Thema: über Adolf Dresens Der Einzelne und das Ganze. Zur Kritik der Marxschen Ökonomie.

 

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