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Menschenschöpfung mit Kurzschluss

von Guido Rademachers

Moers, 24. Januar 2013. Das Schlosstheater Moers ist ein kleines Theater mit kleinem Etat. Vorsicht also vor zu großen technischen Herausforderungen. Regisseur Philipp Preuss, Jahrgang 1974, hat sich nicht beeindrucken lassen und in die Minibühne einen Riesenballon gehängt. Auf ihm ist ein "talking head" zu sehen, wie er von dem amerikanischen Installationskünstler Tony Oursler stammen könnte.

Augen rollen expressiv hin und her, und der übergroß sich öffnende und schließende Mund lässt unwillkürlich an den nächsten Zahnarzttermin denken. Frank Wickermann steht hinter dem Ballon und schreit Prometheus-Texte aus sich heraus. Sein Kopf ist verdeckt und wird per Videokamera auf die weiße Kugelfläche projiziert. Technisch nicht ganz einwandfrei: Bild und Ton sind etwas zeitversetzt.

Heilige Epilepsie

Vier weitere Schauspieler knien in silbernem Antikengewand mit Opferschalen vor den Bühnenwänden, die mit dekorativ gerafften, hellen Vorhängen bestückt sind. Hin und wieder schüttelt es einen durch wegen der Krankheit, die der Antike heilig war: der Epilepsie. Die Kugel verwandelt sich in einen glühenden Sonnenball. Das Setting erinnert an das Kulissenhafte früher Folgen von "Raumschiff Enterprise". Leicht verzerrt erklingt pathetisches E-Gitarren-Gewaber von Pink Floyd. Dann wird es auf einen Schlag dunkel. Kurzschluss.

kein licht prometheus 560a jakobstudnar uAntike mit magischem Ballon: Marieke Kregel (vorn), Matthias Heße (im Hintergrund) und im Schatten: Katja Stockhausen und Patrick Dollas © Jakob Studnar

Das Licht springt wieder an. Katja Stockhausen rotzt gerade als Io mit ihrer durchdringend-rauhen, sich manchmal überschlagenden Sophie-Rois-Stimme ein "Herr, versage nicht mir diesen einen Wunsch" auf die Bühne – dann knallt's erneut. Noch ein jämmerlicher Versuch, die Zeit zu überbrücken, Stockhausen lässt noch ein "Mein Irren und Wirren" folgen, das ohne Lautsprecherverstärkung wirkungslos im Dunkeln verebbt, und gibt auf. Zwei Techniker springen mit Taschenlampen auf die Bühne, machen sich im Hintergrund an etwas zu schaffen, und müssen dann doch das Publikum in die Pause schicken.

Besser hätte man das Thema des Doppelabends, das Scheitern des Menschen mit seinem Versuch, mittels Technik die Natur zu beherrschen, nicht inszenieren können.

Von der Urhorde zum Automaten

Es war natürlich doch inszeniert. Und zwar perfekt, gerade in der Simulation technischer Mängel. Ist so im ersten Teil ausgerechnet die Bühnentechnik der Sieger, ist es im zweiten das schauspielerisch Technische. Zu Jelineks Fukushima-Text "Kein Licht." zappeln die fünf Schauspieler im Elastan-Ganzkörperanzug als weiße Fluchtmännchen durch eine grüne Box. Ein außer Rand und Band geratenes Notausgangs-Piktogramm. Bedeutungsvoll werden Zeigefinger in die Luft gestreckt, Arme in die Seite gestemmt oder vor der Brust verschränkt. Reflexhafte Gesten ohne jede Relevanz. Von der Prometheus-Urhorde zum Jelinekschen Automaten. Vor- und Endstufe der Menschheit.

Am Schluss platzt der Prometheus-Ballon. Die Luft ist aus den Texten allerdings schon vorher raus. "Prometheus" wird durch Trash-Geschrei festgefahren, um ihm dann mit einem Pannen-Fake endgültig den Garaus zu machen. "Kein Licht." verschwindet im zunächst urkomischen Gehampel irgendwann unbemerkt von ganz alleine durch die Notausgangstür. Zwei groß angesetzte, sicher bemerkenswerte Regie-Entwürfe, die sich aber nach und nach totlaufen.


Kein Licht.
von Elfriede Jelinek

Prometheus
nach Aischylos

Inszenierung und Bühne: Philipp Preuss, Kostüme: Ramallah Aubrecht, Dramaturgie: Justus Wenke.
Mit: Patrick Dollas, Matthias Heße, Marieke Kregel, Katja Stockhausen, Frank Wickermann.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

www.schlosstheater-moers.de


Mehr Antike in Moers: nachtkritik.de sah 2008 am Schlosstheater Alkestis und Paulus, jeweils von Intendant Ulrich Greb inszeniert.

 

Kritikenrundschau

Auch wenn der inszenierte Stromausfall vor der Pause mit der Phrase "Wir haben technische Schwierigkeiten" an Statements des japanischen Atombetreibers Tepco erinnere, sei Preuss' Inszenierung kein "Anti-Atom-Theater. Eher ein Anti-Allmacht-Theater", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2013). Im Jelinek-Teil nehme die Regie "die Autorin gern wörtlich, wenn Jelinek anspielungsreich kalauert: 'Da muss etwas in großer Menge austreten gehen, aber wir merken nicht, wohin es sein Wasser abschlägt', kann man sicher sein, dass in Moers einer in die Ecke uriniert." Phantasievoller seien Ramallah Aubrechts Kostüme: "knochenweißen Morphsuits, die im Schwarzlicht blau reflektieren. (…) Gespenstisch schön." Das Ensemble verausgabe sich "fast schon akrobatisch, doch es überstrahlt nicht die dramaturgischen Lecks des Textes, der in zu viele Richtungen zerfällt."

Philipp Preuss spanne mit "Kein Licht / Prometheus" "einen großen Bogen von der Antike bis zur Gegenwart, um der technologiebegeisterten Gesellschaft heute den Spiegel vorzuhalten", schreibt Anja Katzke in der Rheinischen Post (26.1.2013). Den Prometheus verstehe Preuss "als einen ziemlich wütenden, ja fast aggressiven Mann, der der festen Überzeugung ist, das Richtige getan zu haben." Die Inszenierung selbst bleibe "weitgehend abstrakt." Mit der Bearbeitung von Jelineks Text kehre "der für das Schlosstheater so typische Humor zurück. Der zweite Teil lebt vor allem von der ironischen, bissigen und herausfordernden Sprache der Autorin."

Preuss' Kombination von Jelineks "Kein Licht" mit Aischylos sei eine "sehr viel sinnvollere Paarung möchte man meinen, als Karin Beier sie in Köln versucht hat, indem sie den Jelinek-Text einer chaotischen 'Orchesterprobe' nach Fellini anhängte", meint Arnold Hohmann auf dem Portal der WAZ-Gruppe Der Westen (26.1.2013). "In Moers ist damit der Bogen vom Anfang bis zum Ende der Menschheit gespannt." Im ersten Teil zeige Preuss "Bilder, die suggerieren wollen: Das Scheitern wohnt dem Fortschritt der Menschheit von Anfang an inne." Im Jelinek-Teil dann wirkten die Schauspieler wie "kopflose Flucht-Piktogramme", die unentwegt drauflos blubbern, "wobei sie hübsch doppeldeutige Jelinek-Texte mit gedanklichen Eigengewächsen mischen. Das zieht sich und wiederholt sich auch spürbar. Würde nicht irgendwann das Licht versiegen, sie blubberten wohl noch heute."