Bayerns babylonische Hure

von Petra Hallmayer

München, 25. Januar 2013. Rückblickend, schreibt sie ihren Memoiren, erscheine ihr, "diese ganze, wunderbare Epoche meines Lebens wie ein toller Fastnachtsspuk." Ganz Europa bestaunte fassungslos die königlich-bayerische Posse, die ein alternder Monarch und eine falsche Spanierin am Vorabend der bürgerlichen Revolution in München inszenierten. Als die Tänzerin Lola Montez ließ sich eine irische Schwindlerin von Ludwig I. die Füße küssen. Ihre Auftritte waren skandalös und legendär. Sie ohrfeigte Männer ungeniert, verhöhnte Polizisten und ignorierte das Rauchverbot auf den Straßen, bis es abgeschafft wurde.

Sie war eine Meisterin des Rollenwechsels, die bald selbstherrlich wie eine Diva auftrumpfen, bald opferlammfromm klagen konnte, eine tolldreiste Lügnerin, die die spätromantischen Sehnsüchte der Gesellschaft perfekt bediente. Der vernarrte und genarrte König schmiedete seiner "Lolitta" schmachtende Verse, bis sein Volk die "Babylonische Hure" hasstrunken aus der Stadt jagte.

Ikonen von Marlene bis Madonna

Im Cuvilliéstheater feiern nun Tom Kühnel und Jürgen Kuttner die unzähmbare Frau, die ein Kabinett zu Fall brachte und den König seine Krone kostete. Dafür haben sie sich eine eigene Fassung des lange vergessenen, erst 2003 uraufgeführten Dramma per musica "Lola Montez" von Peter Kreuder und Maurus Pacher gebastelt.lolamontez2 560 matthias horn uDie doppelte Lola: Katrin Röver, Genija Rykova © Matthias Horn

Zur Kinks-Hymne "Lola" leuchtet auf dem Vorhang Joseph Stielers berühmtes Porträt in einer Galerie weiblicher Ikonen von Marlene Dietrich bis Madonna, womit gleich zum Auftakt klar gemacht wird, worauf die Inszenierung abzielt. In zweifacher Gestalt (Genija Rykova, Katrin Röver) betritt die Lady in Black die Bühne. Mit roten Blumen im Haar bekennen sich die beiden Lolas zum Kampf gegen die Männer anhand von Zitaten aus Montez' Memoiren, die fließend in Passagen aus dem "SCUM"-Manifest der Radikalfeministin und Warhol-Attentäterin Valerie Solanas übergehen.

Das Bärchen und die schöne Andalusierin

Als "Direktor" und Conférencier mit Zylinder und Frack kündigt uns Jürgen Kuttner einen vogelwilden Abend rund um "monarchy and sex and Rock'n'Roll" an, ehe die doppelte Lola mit dem schwulen Dandy Bébé (Lukas Turtur) zur Live-Musik von Pollyester punklaut abrockt. Es ist ein hellwach rüttelnder, verheißungsvoller Anfang, nur leider löst das, was dann folgt, seine Versprechen nicht ein. Kurz darauf reibt man sich verdutzt die Augen. Unter weißen Tüchern wird das Personal enthüllt, das in putzigen Ömchen-Operettenszenen Kreuders und Pachers Musikdrama aufführt.

In biederen Dialogen und mit boulevardesker Komik wird die Geschichte vom Aufstieg und Fall der Lola Montez ausgebreitet. Ihre bestrapsten Schenkel entblößend, verdreht diese dem König den Kopf, keifend und kreischend erpresst sie ihre Ernennung zur Gräfin. Oliver Nägeles Ludwig ist ein traurig treuherziges, schnuckeliges Bärchen, das an seinen Traum von der schönen Andalusierin glauben will, ein jovial liberaler Herrscher, der Volk und Klerus trotzen möchte und sich am Ende unter seiner Bettdecke verkriecht. Collagiert wird die mit Zitaten aus historischen Quellen angereicherte Vorlage mit Rock- und Pop-Songs. Allein statt die operettigen Harmlosigkeiten subversiv zu unterwandern oder aufzubrechen, reihen sie sich als hübsche Einschübe daran an.

Rotzfreche Reflexion, zahme Inszenierung

Sicherlich gibt es zwischendrin lustige und tolle Nummern, etwa wenn der König und Stieler im Duett ihrer Jugend und einer besseren, unmoralischeren Zeit nachtrauern oder wenn das Dickerchen Ludwig zu einem Bollywood-Parodie-Song sich herrlich drollig schlängelnd eine indische Tempeltänzerin imitiert. Und wie die Lolas im grauen Lichtgewitter "I am a cliché" schmettern, das ist klasse. Doch immer wenn die Aufführung in Schwung kommt, erlahmt sie sogleich wieder, schrammelt und schleppt sich artig fidel dahin.

In einer "Reflexionspause" erklärt uns Kuttner wunderbar lässig, wie es möglich sei, "von Hegel bis zu Lola Montez zu kegeln" und steigert sich in eine flammende Hommage an die "Urmutter" aller nicht (männer)gesellschaftsfähiger Frauen. Nur warum, verdammt noch mal, sieht man von alledem, was er so rotzfrech witzig herunterrattert, in der Inszenierung nahezu nichts, wirkt seine Rede, als müsse sie theoretisch nachliefern, was auf der Bühne fehlt?

Man ahnt, was dem Regieduo vorschwebte: ein echtes Spaßtheater mit Subtext und Diskursschnipseln. Dies überzeugend umzusetzen aber, gelingt ihm nicht. Stattdessen zeigt es uns eine enttäuschend blasse und merkwürdig zahme Pop- und Operettenlola. Tatsächlich ist die Biografie der Lola Montez weit aufregender als das, was uns dieser Abend vorführt.

 

Lola Montez
Dramma per musica von Peter Kreuder und Maurus Pacher in einer Fassung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner
Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, musikalisches Arrangement: Rudolf Gregor Knabl und Pollyester, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Marysol del Castillo, Dramaturgie: Anna Heesen und Angela Obst.
Mit: Katrin Röver, Genija Rykova, Oliver Nägele, Katharina Pichler, Götz Argus, Arthur Klemt, Jürgen Kuttner, Wolfram Rupperti, Lukas Turtur.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Kreuders putziges Stückchen" sei "für Kuttner & Kühnel viel zu wenig", meint Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (28.1.2013). "Für die beiden war Lola Montez, geborene Elizabeth Rosanna Gilbert, eine frühe Ikone der Emanzipation." Der historischen Lola Montez seien emanzipatorische Gedanken zwar "vermutlich wurscht" gewesen, "die wollte nur gut leben, aber will man eine Operette der Gegenwart erfinden, darf man nicht zimperlich sein." "Lola Montez" sei dann vor allem "ein riesiger Budenzauber in historischen Kostümen", doch "so energiegeladen, klug, witzig und erfrischend durchgeknallt der Abend über weite Strecken ist, so unglaublich schlampig zurechtgeschustert ist er auch. Ein bisschen kürzen, konkretisieren, überarbeiten, dann wird er vielleicht Kult."

Kühnel und Kuttner hätten das Musical von Peter Kreuder und Maurus Pacher "gezaust und aufgegrellt", schreibt Markus Thiel im Münchner Merkur (28.1.2013). Dass Lola Montez dabei doppelt auftritt – "Engelchen und Teufelchen, zwei Facetten einer Persönlichkeit" – sei als Einfall "hübsch, verfängt aber kaum." Stattdessen sei "Lola Montez" "mehr Nummernfolge, mehr Melange aus Dezibelschlacht, Brettltheater und Turbo-Kabarett, Fehlzündungen inbegriffen." Es gebe zwar "wirklich fetzige, überdrehte Songs, auch Sprechgesang aus Notwehr" und "wundersame Momente", doch "was man eigentlich zeigen wollte", das reiche erst "Jürgen Kuttners Solo-Tirade über Emanzipation und das kümmerliche Überbleibsel der Titelheldin" verbal nach.

 

 
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