Jenseits der Realitätsgrundlage

von Katrin Ullmann

Hamburg, 26. Januar 2013. Informationsauftrag oder Sensationsjournalismus? Im Juli 2012 hatten der französische Fernsehsender TF 1 und die Zeitung "Libération" die Gespräche zwischen dem Attentäter von Toulouse und der Polizei publik gemacht. Der Attentäter von Toulouse, der Motorroller-Mörder, wie er in Frankreich genannt wird, das war Mohammed Merah. Er hatte sieben Menschen getötet, darunter drei jüdische Kinder. Aus religiöser Überzeugung, wie er behauptet hat, der Überzeugung eines streng gläubigen Salafisten. "Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass ich Unschuldige getötet habe. (...) Das, was ich getan habe, ist Selbstverteidigung." Merah hatte sich in seiner Wohnung in Toulouse verschanzt, dort wurde er nach 32-stündiger Belagerung am 22. März 2012 von Polizisten der Eliteeinheit Raid erschossen.

Psychologisches Kammerspiel

Doch vorher wurde gesprochen. Viel gesprochen. Das belegen die Protokolle "Wir sind doch keine Brutalos". Hasan, ein circa 40-jähriger Polizist der Eliteinheit und islamischen Glaubens, verhandelte auf persönlichen Wunsch Merahs mit ihm. Er versucht, ihn zur Aufgabe zu bewegen. Mit Verständnis, Witz und sehr direkten Fragen. Merahs Antworten sind mal offen, meist natürlich fanatischer Natur. Sicher ist, diese Verhandlung ist verblüffend faszinierend, ein Schlagabtausch, eingebettet in eine kluge Gesprächsführung. Wäre da nicht der grausame Hintergrund, traute man sich beim Lesen der Protokolle häufiger zu lachen und zu schmunzeln. Diese Gespräche "lesen sich wie ein Kammerspiel" – so schrieb die Journalistin Karen Krüger. Sie hatte die Texte im Internet entdeckt, darüber im Juli 2012 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" berichtet und sie für das Thalia Theater übersetzt.

In der Garage im Thalia in der Gaußstraße sind sie nun – im theatralen Sinne – zur Uraufführung gekommen. Regisseur Malte C. Lachmann, 2012 erhielt er den Jurypreis des Körber Studo Junge Regie, hat sie auf Bühne gebracht, gemeinsam mit den beiden grandiosen Schauspielern Rafael Stachowiak und Thomas Niehaus. Es ist ein Abend, der sich ganz dem Theater verschreibt und über reine Behauptung seine Szenerie erschafft. Selbstgemacht sind die Tropfgeräusche der Wasserrohrbrüche in Merahs Wohnung, Wand und Walkie-Talkies bleiben unsichtbar, keine Spur von Belagerung oder Einschusslöchern.

Stattdessen sitzen Thomas Niehaus und Rafael Stachowiak auf einer Showbühne, bunte Glühbirnen blinken (Ausstattung: Stefan Britze). Die beiden Protagonisten sind sich fast herzlich zugewandt, mindestens sind sie gute Kumpel. Gekleidet sind sie beide eher leger, ein paar Buttons an der Jacke hat ja heute jeder. Die Atmosphäre ist locker, die Dialoge schlagfertig und wortgewandt. Mal sitzen sie im Schulterschluss, mal plaudern sie auf Augenhöhe, mal bekennen sie sich beide zu ihrem Glauben. Das Setting ist absolut harmlos. Denn zum Glück unternimmt Lachmann keinen einzigen Versuch, dokumentarisch zu sein. Was zählt, sind die erschreckend versierten Dialoge und die damit hoch professionell agierenden Schauspieler.

Abgefeuerte Platzpatronen

Es ist ein sprachpsychologisches Kunstwerk, das keine Partei ergreift und dessen Ausgang von Anfang an klar ist. Es ist ein Protokoll. Der furchtbare Kontext der Situation steht in dieser Aufführung deutlich hinter der Theaterkunst zurück. Einerseits muss das so sein. Doch ist das legitim? "Die Vermischung von Wirklichkeit und Fiktion mögen manche problematisch finden. Dabei ist es genau diese Vermischung, von der das Theater seit 2.500 Jahren lebt", schreiben Dramaturg Carl Hegemann und Karen Krüger in einer Art Rechtfertigungstext im Programmheft.

Die Kunst kann sich alle Freiheit erlauben, wenn dann kann es in diesem Fall tatsächlich die Theaterkunst. Doch vor lauter Kunstfertigkeit denkt man als Zuschauer bald nicht mehr an die grausamen Morde, an die Angehörigen der Opfer. Ein paar abgefeuerte Platzpatronen helfen da auch nicht zurück in die Realitätsgrundlage. Das Persönlichkeitsrecht der Angehörigen der Opfer tritt hinter dem der Kunstfreiheit zurück. Und genau deshalb bleibt die Frage offen: Informationsauftrag oder dialogisches Sensationstheater?

 

Die Protokolle von Toulouse
Übersetzung Karen Krüger
Regie: Malte C. Lachmann, Ausstattung: Stefan Britze, Dramaturgie: Carl Hegemann.
Mit: Thomas Niehaus, Rafael Stachowiak.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Im Dezember 2012 inszenierte Malte C. Lachmann in Hannover Martin Heckmanns Hier kommen wir nicht lebendig heraus.


Kritikenrundschau

Die Schauspieler Thomas Niehaus und Rafael Stachowiak plaudern den Text wie auf einer Party, "poppig-jazzige Zwischenmusik gibt der Szenerie etwas Harmloses", beschreibt oeh im Hamburger Abendblatt (28.1.2013). "Mohammed und Hassan palavern über Gott und die Welt, über den Staat Israel und das Recht zu töten." Regisseur Malte C. Lachmann sei leider zu dieser Ausnahmesituation nichts eingefallen, außer aus dem Dialog harmlosen Small Talk zu machen. "Das langweilt auf Dauer." Die Schüsse, die vor der Vorstellung und am Ende abgefeuert werden, "berühren nicht."

"Unerträgliche Spannung" und "viel Stoff zum Nachdenken" hat der Abend Alexander Kohlmann geboten, der in der Sendung Fazit beim Deutschlandradio sein Votum abgab (26.1.2013). Aus seiner Sicht ist Malte C. Lachmanns Inszenierungsansatz genau richtig für diesen Stoff: nämlich keine realistische Situation theatralisch vorzutäuschen und den Text als Psychodrama zu geben. Statt in diese Falle zu gehen, lasse Lachmann zwei Hamburger diesen Text sprechen, die gar nicht erst versuchen würden, in die Rollen des Terroristen bzw. des Polizisten zu schlüpfen. So kommt dieser Text dem Kritiker sehr nahe. Auch werde, so Kohlmann, auf diese Weise deutlich, dass der Terror in diesem Fall eher das Resultat eines verpfuschten Lebens und nicht einer "bösen Ideologie" sei.

 

 
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