Spiel mit der Verwandlungskunst

von Thomas Askan Vierich

St.Pölten, 26. Januar 2013. Drei Damen unterhalten sich in der Pause: Zwei finden die Inszenierung manieriert, die Scherze zu dick aufgetragen, das Bühnenbild befremdlich, die Kostüme zu schrill. Eine verteidigt das Stück: Das sei doch wirklich witzig, halt ein wenig übertrieben, aber das sei gut so. Was war passiert? Roland Koch, Ensemblemitglied am Burgtheater in Wien, hat mal wieder inszeniert. "Was ihr wollt" hat er vor rund zehn Jahren schon mal an der Burg gemacht. Er war damals für die erkrankte Andrea Breth eingesprungen. Die Kritik fiel überwiegend wohlwollend aus: Koch war in kürzester Probenzeit eine sehr moderne Inszenierung mit viel Musik gelungen. Kann er diesen Erfolg in Niederösterreich wiederholen?

Um es vorwegzunehmen: Er kann. Wieder mit viel Musik, zeitlos, ein bisschen schrill, manchmal fast vulgär, die fünf Stunden Originaltext auf knackige zweieinhalb Stunden gekürzt, den Kampf der Geschlechter zeitgemäß herausgearbeitet, ohne ihn überzustrapazieren. Und mit einem wundervollen Ensemble inklusive balkanischer Turbofolk-Band (geleitet von Imre Lichtenberger Bozoki), die auch immer wieder schauspielerisch ins Geschehen eingreift - eine sehr schöne Idee. Und einem Zimmermädchen (Marion Reiser), die singend zum Vamp wird.

Zeitgenössischer Geschlechterkampf

Allen voran brilliert Anne Bennent, die eine bissige, manchmal bewusst verkrampfte Beatrice gibt. Verkrampft, weil diese Beatrice mit sich selbst nicht im Reinen ist. Ihr Männerhass ist unterlegt mit einer großen Sehnsucht, doch noch den Richtigen zu finden, bevor sie endgültig als alte Jungfer endet: "Ich würde so gerne das Maul halten, aber es kommt keiner, der es mir stopft." Immer wieder greift sie anwesenden Männern ans Gemächt. Aber ihre Ansprüche sind hoch, ihr Idealmann muss erst noch geschnitzt werden.

Schon gar nicht scheint das Benedikt zu sein, von dem alle schwärmen. Nur sie nicht: Sie hält ihn für einen Schwätzer, beschimpft ihn als Hofnarr. Was diesen tief verletzt. Benedikt (Tobias Voigt) hat auch beschlossen, keiner Frau zu Kreuze zu kriechen, Liebe hält er für Schwäche und Narretei. Seine Ansprüche an die ideale Frau sind ebenfalls fast unerfüllbar. Lediglich die Haarfarbe ist ihm egal.

viellaermumnichts5 560 sepp gallauer uViel Lärm um nichts © Sepp Gallauer

Dass die beiden dann doch noch zusammenfinden und sich am Ende fast widerwillig das Ja-Wort geben, ist einer Intrige ihrer Freunde geschuldet. Parallel verunglimpft Don John (Moritz Vierboom) aus Rachsucht am Bräutigam Claudio (Pascal Gross) dessen Braut Hero (Swintha Gersthofer). Aber der Plot dieser berühmten Shakespearekomödie dürfte hinreichend bekannt sein.

Bewusste Verfremdungen

Was haben Koch und sein Team nun daraus gemacht? Da ist zunächst das Bühnenbild: Hugo Gretler hat viel Sperrholz auf die Bühne gestellt, mit dem die Schauspielerinnen und Schauspieler ringen: Erst fällt eine Tür wiederholt Don Pedro (Michael Scherff) in den Rücken. Erst denkt man, das ist eine Panne und bewundert die Nonchalance, wie Scherff damit umgeht. Dann bleibt Tobias Voigt mit dem Fuß in einer Lücke in der Sperrholzwand hängen. Spätestens dann ist klar: Das ist Absicht. Diese Leute ringen mit ihrer Umwelt.

Im krassen Gegensatz zum Sperrholz stehen die schrillen, fast übertrieben bunten Kostüme von Hannah Hamburger, die die Renaissance zitieren und verpoppen. Das wirkt am Anfang etwas aufgesetzt. Überhaupt stolpert die Inszenierung erst etwas: Der junge Galan Claudio (Pascal Gross) stolziert im knallrotem Dress, manchmal mit bloßem Oberkörper über die Bühne, als wäre Gross einer schlechten Schauspielschule gerade erst entkommen. Michael Scherff hängt mal im Text, überspielt das aber charmant mit einer kleinen Konversation mit der Souffleuse. Anne Bennent verrutscht der Rock, dann springt ihr auch noch ein Knopf ab. Aber davon lässt sie sich nicht aus dem Konzept bringen.

Fast alle (mit der Ausnahme des nonchalanten Michael Scherff) tragen etwas dick auf, die Gesten fallen zu deutlich aus. Aber erstens legt sich das bald und zweitens gehört das zum Konzept von Roland Koch: Er will zeigen, hier wird Theater gespielt, wir trauen uns auch Klamauk, das ist hier kein naturalistisches Psychodrama von Ibsen. Obwohl ihnen durchaus ernste Unter- und Zwischentöne gelingen.

Dynamische Rolleninterpretation

Es ist faszinierend, wie alle Darsteller sich entwickeln. Das geschieht auch ganz bildlich, wenn zum Beispiel Anne Bennent aus ihrem eher spießigen Rock in ein kunterbuntes, hautenges Kleid schlüpft: Aus der männerhassenden Krätzn wird eine verliebte Frau voller unterdrückter Leidenschaften. Das setzt sich fort bis zum Schlussapplaus: Kurz zuvor tanzen alle ausgelassen zum Happy-end, nur Anne Bennent als Beatrice scheint das schwer zu fallen. Erst beim Applaus hüpft sie wie ein junges Mädchen ausgelassen über die Bühne. Ihr ist anzusehen, dass dies bei aller Lockerheit doch kein ganz einfacher Theaterabend war.

viellaermumnichts6 560 sepp gallauer uViel Lärm um nichts © Sepp Gallauer

Die gleiche Verwandlungskunst demonstriert ihr Widerpart Tobias Voigt: Aus einem Zyniker wird ein liebender Mann, in dieser Rolle weit weniger souverän als Sprücheklopfer. Und als er auf Wunsch von Beatrice der bedrohten Hero zur Hilfe eilt, wird aus ihm ein selbstbewusster Mann, der seinen Feinden die Wahrheit ins Gesicht sagt. Besonders schön auch Swintha Gersthofer als junge Hero. Solche Rollen sind normalerweise eher undankbar, man muss halt das Dummchen spielen, das meistens schweigt und verheiratet wird. Aber Gersthofer legt das wundervoll frech, selbstbewusst und trotzdem charmant jungmädchenhaft an.

Manchmal darf es auch aufgetragen sein

Der Star des Abends ist neben der sehr präsenten Anne Bennent dann Benno Ifland als Leonato, der Vater von Hero und Onkel von Beatrice. Am Anfang interpretiert er seine Rolle als vertrottelter Hausherr etwas arg komödiantisch-übertrieben. Als seine Tochter verunglimpft wird, läuft er jedoch zu Hochform auf. Dann bringt er tragische Tiefe ins Stück, hin- und hergerissen zwischen Konventionen, die ihn zwingen seine Tochter zum Tode zu verurteilen, und dem liebenden Vater, der spürt, dass Hero zu unrecht der Untreue beschuldigt wird. Diese schauspielerische Wandlungsfähigkeit ist bewundernswert und versöhnt im Rückblick mit den Überzeichnungen zu Beginn des Stücks.

Vielleicht waren diese Grellheiten auch gewollt. Schließlich ist Roland Koch ein "Schüler" von Andreas Kriegenburg und schreckte zu ihrer gemeinsamen Zeit vor zwanzig Jahren vor keiner Zuschauerverunsicherung zurück. Ein bisschen davon ist auch in diese wunderbar verspielte, lockere und äußerst souveräne Inszenierung eingeflossen. Vermutlich hat genau das zwei der drei Damen aus St. Pölten verunsichert. Was ja nicht das Schlimmste ist.

Viel Lärm um nichts
von William Shakespeare, Übersetzung von Angela Schanalec
Regie: Roland Koch, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Hannah Hamburger, Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Dramaturgie: Barbara Nowotny.
Mit: Anne Bennent, Swintha Gersthofer, Marion Reiser, Benno Ifland, Imre Lichtenberger Bozoki, Pascal Gross, Tobias Voigt, Moritz Vierboom, Michael Scherff. Musik: Rina Kacinari, Florian Fennes, Martin Hemmer, Imre Lichtenberger Bozoki.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause.

www.landestheater.net

 

Mehr über Roland Koch? Als Schauspieler hat er u.a. 2012 in Andrea Breths Salzburger Inszenierung Der Prinz von Homburg mitgewirkt, wo er Graf Hohenzollern spielte. Mit von der Partie war er 2012 auch in Matthias Hartmanns Silvester-Premiere Eine Mittsommernachts-Sexkomödie von Woody Allen.

Kritikenrundschau

"Burgschauspieler Roland Koch, geprägt von Andreas Kriegenburg und Andrea Breth, hat (…) von seinen beiden Mentoren einiges mitgenommen für seine Interpretation", schreibt Barbara Petsch in Die Presse (27.1.2013). Die Aufführung sei präzis durchkomponiert, überwiegend gut gespielt. "Sie ist psychologisch stimmig und hat schrägen Humor, in dem immer auch eine Portion Düsternis und Grimm stecken." Vor allem Anne Benennst vitalem Engagement könne man sich trotz mancherlei Irritationen über allzu oft vor den Mund geschlagene Hände und irres Gelächter nicht entziehen. "Am Ende gab es, was rar ist in St. Pölten, Buhs. Die Besucher schienen zum Teil nicht begeistert von diesem Kunststück, das strengen Formwillen verrät, der jedoch nicht durchgehend greift." Die Aufführung habe Längen, vor der Pause gebe es einen totalen Leerlauf. Dennoch sei es insgesamt eine kluge Inszenierung, nicht gerade originell, dafür aber auch ohne Mätzchen, oberflächliche Aktualisierungen. "Man spürt, wie fundiert sich Koch mit Shakespeare und seinen Interpretationsmöglichkeiten beschäftigt hat."

Auf die Figuren verstehe sich Koch, selbst Schauspieler, am allermeisten, schreibt Margarete Affenzeller im standard (29.1.2013). "Sie wachsen aus ihren alle Länder und Sitten mitzitierenden Gewändern formschön heraus, eigenständige Erfindungen wie die Kung-Fu-Beatrice der Anne Bennent, der Eroberer Claudio im Liebestöter-Soldatenhemd oder Benno Ifland als netter Patron." Die Figuren allein würden den Abend aber nicht tragen, er sacke schlussendlich ein. "So gut, überraschend und konzentriert die ersten paar Minuten sich ausdehnten, so ziehen sich später die weiteren. Koch überlädt sich und die Seinen, und so geht, was beim Publikum am schwersten wiegt, alsbald auch das Tempo verloren."

"Eine solide, aber eben auch recht vorhersehbare Inszenierung", resümiert Martin Lhotzky in der Neuen Zürcher Zeitung (29.1.2013). Unterschiedliche Schauspielstile im Ensemble führe Koch "behutsam, doch etwas zu langsam zusammen". Dass die Wortgefechte von Benedikt und Beatrice gekürzt wurden, sei für "den Ablauf keine wirklich glückliche Entscheidung".

Dagegen schreibt Werner Rosenberger im Kurier (30.1.2013), dass die kluge, schlüssige und moderne Regie von Burgtheater-Ensemblemitglied Roland Koch eine Reise nach St. Pölten wert sei. "Die Akteure stolpern und purzeln mit überschäumendem Spielspaß durch die Sperrholz-Ausstattung." Die satirische Farce über die Possen und Posen des Daseins werde mit Folk bis Pop musikalisch untermalt. Fazit: "Die Inszenierung, der es nicht an Witz und schon gar nicht an schauspielerischer Qualität fehlt, berührt Kopf, Herz und die Lachmuskeln."

 

 

 
Kommentar schreiben