Vom Penthouse in die Niederungen

von Klaus M. Schmidt

Bochum, 2. Februar 2013. Der ist nicht zu packen. Holzhändler Shlink lässt seinen Gegner kommen und hat ihm schon entscheidende Schläge versetzt, bevor der es merkt. Boxfan Bertolt Brecht hat sein frühes Stück "Im Dickicht der Städte" im Vorwort als einen "unerklärlichen Ringkampf" bezeichnet, und unerklärlich bleibt er dann auch über weite Strecken in der Bochumer Inszenierung von Roger Vontobel. Der Leihbibliotheksangestellte Garga (Florian Lange) lässt sich jedenfalls zu Beginn auf eine Provokation Shlinks (Matthias Redlhammer) ein, versteht nicht, warum und wohin das führen soll, aber rennt blindwütig in die Richtung los, die ihm der Gegner vorgibt.

Welchen Film ausleihen?

Die Leihbibliothek ist in Bochum eine heutige Videothek, die erste Szene wird komplett als vorproduziertes Video auf dem Eisernen Vorhang gezeigt. Auf viergeteiltem Splitscreen verfolgt man das unmoralische Angebot Shlinks an Garga. Der Holzhändler will eine Empfehlung, "eine Ansicht" zu einem Film, den er ausleihen will, von Garga kaufen.

Er bietet 1000 Dollar, 4000, 10000 – Garga lehnt ab. Da betritt Shlinks Gefolgschaft den Laden. Shlink selber ist ruhig, konzentriert, fast höflich, aber er hat da ein paar veritable Strizzis um sich versammelt, von Kostümbildnerin Eva Martin mit glänzenden Jacketts, Kettchen, Netzunterhemd entsprechend ausgestattet. Und die verpassen dann Garga den ersten Tiefschlag. Sie haben dessen besäuselte Freundin Jane (Nadja Robiné) im Schlepptau und stecken Garga brühwarm, mit wem von ihnen sie gerade ein paar enthemmte Stunden verlebt hat.

imdickicht 560a arnodeclair uShlink (Matthias Redlhammer) gegen Garga (Florian Lange) © Arno Declair

Unmoralische Angebote
Garga windet sich, schreit, reißt sich alle Kleider vom Leib, rennt los und landet dann nackt im realen Bühnenbild, das ist zunächst Shlinks Holzhandel. Es sieht etwas zu schick aus bei Shlink, bunte Lichter an der Rückwand markieren ein glitzerndes Häuser- und Straßenmeer, auf das man wie von einem Penthouse herabblickt. Später bricht das Panorama in Einzelteilen von der Wand, auch andere Fassaden werden im Laufe des Stücks noch zerlegt, als schöner falscher Schein kenntlich gemacht (Bühne: Claudia Rohner).

Gargas Schwester Marie (Maja Beckmann) ist offenbar eine Angestellte von Shlink, angeblich macht sie ihm nur die Wäsche, was Garga nicht glauben kann - ein nächster Tiefschlag. Da lässt er sich schwitzig, hitzig, impulsiv auf das nächste Angebot ein, das so total ist, dass er zurückschlagen kann. Shlink übergibt Garga zum Entsetzen seiner Angestellten seinen Handel. Ohne dass Shlink ihm Widerstand entgegensetzt, verbrennt Garga das Hauptbuch, gibt den Auftrag zu einem betrügerischen Geschäft.

Aber dann macht sich Garga mit dem Geld, über das er nun verfügen kann, aus dem Staub, und was macht Shlink? Er nistet sich in Gargas Familie ein. Nicht nur ein wenig sieht das aus wie ein Rollentausch im Klischee-Prekariats-TV. Mama und Papa Garga (Beckmann und Tim Porath) räkeln sich in Fatsuits und unsäglichen Trainingsklamotten Chips fressend auf der Couch, als Shlink ihnen anbietet, Miete an sie zu zahlen und sie auch sonst mit Geld zu unterstützen.

Gegen das Recht des Stärkeren
Warum macht Shlink das alles? Steigt der Emporkömmling in die Niederungen Gargas herab, um sich in diesem Kampf, dessen Rahmen er aber doch vorgibt und für den er sich einen nicht gerade gleichgewichtigen Gegner ausgesucht hat, lebendiger als in der Höhenluft seines Penthouses zu fühlen? Shlink bleibt über weite Strecken kühl berechnend, Langes Garga verharrt etwas zu klischeehaft im berechenbar Impulsiven. Welcher Schlag des jeweils anderen tut den beiden wirklich weh, das wird kaum klar.

imdickicht 560 arnodeclair uBlick aus dem Penthouse © Arno Declair

Bei Brecht entzieht sich der Malaie Shlink, der in Chicago, also fern der Heimat, sein geschäftliches Glück gemacht hat, am Ende durch Selbstmord dem Lynchkommando, das Garga auf den Weg geschickt hat. Bei Roger Vontobel umkreisen sich die Gegner noch einmal auf animalische Weise. Shlink kommt im Gorilla-Kostüm auf die Bühne, Garga zieht wieder blank. Zurück zur Natur? Doch im Dickicht der Städte gibt's nur "Vereinzelung", wie Shlink beklagt, und Garga stellt fest, er habe "nicht der Stärkere" sein wollen, "sondern (nur) der Lebendige" – ein Minimalziel.

Bekannte Mittel
Das Brechtsche Konstrukt schillert in bunten Klischees, aber die zielen oft leider nicht ins Existentielle, das man doch von einem Kampf auf Biegen und Brechen erwarten darf. Auch kommt es im Gesamtverlauf des Abends immer mehr zu sprachlosen Pausen. Der auf der Bühne agierende Gitarrist, Bassist, Sänger Daniel Murena trägt mit rau-romantischen Rocksongs als Intermezzi und wenig originellen Soundloops kaum zu einer zwingenderen Rhythmisierung bei.

Die Einbindung von zahlreichen Videos, die Musikperformance von Murena, manchmal von weiteren Ensemblemitgliedern unterstützt, das Aufbrechen der vierten Wand, wenn Garga das Publikum am Ende um Verständnis bittet und ihm dann einer der Angestellten Shlinks aus dem Publikum heraus mit fremdenfeindlichen Bemerkungen über den "Chinesen" beispringt – all das sind Mittel, die man von Vontobel kennt. Die Orte der Handlung werden durch Leuchtschriften benannt, das ist eine kleine Reverenz an Brecht.

Trotzdem gelingen der Regie damit weder Verdichtung noch Beschleunigung noch ein umspannender Bogen, wie man das schon bei Vontobel gesehen hat. Wenn sich ein weiteres Mal die Drehbühne dreht, Murenas Gitarre dazu scheppert, Schauspieler sich auf der Bühne währenddessen umziehen, reißt das Löcher in den Fluss der Handlung. So sind es zwei lang und länger werdende Stunden in Bochum.

 

Im Dickicht der Städte
von Bertolt Brecht
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Eva Martin, Musik: Daniel Murena, Video: Clemens Walter, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Maja Beckmann, Florian Lange, Tim Porath, Felix Rech, Matthias Redlhammer, Nadja Robiné, Daniel Stock, Musiker: Daniel Murena.
Dauer: zwei Stunden, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Roger Vontobel scheitere am Versuch, den Stoff mit modernen Mitteln in der Ruhrgebietsrealität zu erden, meint Max Florian Kühlem in den Ruhrnachrichten (3.2.2013). Leider gelinge ihm keine kluge Befragung durch einen überzeugenden Zugriff. "Gelungene Einzelteile wie die beeindruckenden Videos oder die Darstellung der Familie Garga als White Trash, also Mitglieder der amerikanischen Unterschicht, und kalkulierte Provokationen wie Nacktszenen und vulgäre, rassistische HipHop-Einlagen runden sich nicht zu einem stimmigen Ganzen." Und die Schlussszene, "in der Shlink im Affenkostüm seinen Schlüsselsatz von der Vereinsamung in der Großstadt und der Sehnsucht nach der ursprünglichen, triebhaften Gesellschaft sagt", wirke zu naheliegend.

Durch einen konzentrierten Beginn und die Leistung der Akteure Florian Lange als Garga und Matthias Redlhammer als Shlink nimmt dieser Abend den Kritiker des Deutschlandfunks (4.2.2013) Michael Laages für sich ein. Hier erzähle Vontobel "eine gute Stunde lang erstaunlich gut verstehbar, ohne dass er Brechts forcierte Rätselspielereien erklären wollte". Später aber präsentiere Vontobel "keifende Proll-Karikaturen" und "all die schöne Konzentration vom Beginn ist hin".

Vontobel biete "eine gewaltige Materialschlacht", sagt Stefan Keim in der Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (4.2.2013). Der filmische Anfang und der "spannend" gemachte Auftakt des Duells überzeugen den Kritiker. Aber sobald der eiserne Vorhang gelüftet werde, "versuppt der Abend in weiteren Videoeinspielungen, in Rockmusik und in sehr viel Gebrüll, meistens auch ins Mikro."

Vontobels „Einrichtung" des Brecht-Dramas bleibe „an Rätseln groß" und „der Sinn des Ganzen" wolle sich „dem Zuschauer so recht nicht erschließen", schreibt Arnold Hohmann für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (online 4.2.2013). Von "einem wirklichen Kampf zwischen dem asiatischen Holzhändler Shling (Matthias Redlhammer) und dem kleinen Angestellten George Garga (Florian Lange)" sei "eigentlich nicht viel zu spüren". Der "Sinn von Brechts ohnehin befremdlichem Konstrukt" versinke in diesen zwei "sehr lang" geratenen Stunden "in lauter zweifelhaften Regieeinfällen".

Mit seiner Übersetzungs in gegenwärtige Ruhrgebietsverhältnisse wird das "expressionistisch-genialische" Stück Brechts aus Sicht von Andreas Rossmann in der FAZ (6.2.2013) in eine scheinbare Vertrautheit gezogen, die es jedoch noch schwerer verständlich mache. So humpele Brecht auf Krücken ins Ruhrgebiet. "Der 'unerklärliche Ringkampf zweier Menschen' findet nicht statt, nur eine videogestützte Verfolgungsjagd, die das Bochumer 'Bermuda-Dreieck' passiert und am blinkenden Doppelbockfördergerüst des Bergbau-Museums vorbeizieht." Doch mit ihren bloß illustrativen Bildern beruhige die Inszenierung den Text und decke ihn zu. So bleibe sein Rätsel leer. "Sich ernsthaft mit der Krise auseinanderzusetzen und sie nicht an Karikaturen abzuhandeln wäre das mindeste, was von dem immer noch ersten Theater der Region zu erwarten wäre. So jedenfalls, da ergeht es ihm wie dem jungen Brecht, wird das Schauspiel Bochum mit dem Ruhrgebiet nicht fertig."

 

 
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