Wer den Seniorenteller überlebt...

von Falk Schreiber

Lüneburg, 2. Februar 2013. Da stehen sie im blauen Licht der Straßenlaternen und tragen ihre Haut zu Markte: Elisabeth, die frühpensionierte Biologielehrerin. Gottfried, der kriminelle Bankangestelle. Tomas, der Ex-Metzger, der längst in Trödel macht. Und Klara, die Technische Redakteurin, die es nicht befriedigt, Gebrauchsanweisungen für Bügeleisen zu verfassen und die deswegen die Anweisung gibt, aufs Bügeln besser von vornherein zu verzichten. Ausgespuckte aus der Arbeitswelt, allesamt.

Dea Lohers "Klaras Verhältnisse", 2000 von Christina Paulhofer in Wien uraufgeführt und kurz darauf von Mark Zurmühle am Hamburger Thalia als traditionelle Mädchen-in-Schwierigkeiten-Tragödie nachgespielt, geriet trotz einiger Folgeinszenierungen zuletzt ein wenig in Vergessenheit – zu zwingend wirkte die Lesart, in dem Stück ausschließlich die Geschichte einer Frau zu sehen, die verzweifelt einen Lebenssinn sucht und daran entsetzlich scheitert. Die junge Regisseurin Nilufar K. Münzing aber vergisst eine Finanzkrise später die Aufführungsgeschichte von "Klaras Verhältnisse" und konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf den ökonomischen Kern des Stücks: "Klaras Verhältnisse", das sind natürlich die Verhältnisse, die die Protagonistin eingeht, aber es sind auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Figuren leben müssen. "Wir wären gut anstatt so roh. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so." Dass man gleich im ersten Bild an Prostitution denken muss, kommt nicht von ungefähr: Klara sucht nach dem Sinn des Lebens – diese Sinnsuche wirkt wie ein Katalysator, der unterdrückte Qualitäten von Klaras Verhältnissen hervorbringt. Qualitäten meist erotischen Charakters.

Die relativierende Kraft des Humors

"Klaras Verhältnisse" ist typisch Loher: eine ultrarealistische Handlung, mit einer zweiten, magischen Ebene, die sich fast unmerklich über das Setting legt. Die Gefahr besteht darin, dass eine Inszenierung den Realismus für bare Münze nimmt und dabei die Vorlage trivialisiert, in Dialogen wie "Unser Bruder hat sich zu Tode gespritzt! – Ja. Aber er hat es nicht aus Verzweiflung getan, sondern aus Lust am Dasein!" droht dann Betroffenheitspathos. Münzing umgeht diese Gefahr, indem sie "Klaras Verhältnisse" mit fiesem Humor auflädt: "Wer den Seniorenteller überlebt, überlebt alles", solche Bonmots relativieren die Schwere der Dialoge immer wieder, und die Regie ist so klug, sie in den Fokus zu rücken.

klara 560a t w andreastamme u"Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so" © Andreas Tamme

Zudem steht ihr ein hochmotiviertes Ensemble zur Verfügung, allen voran Ulrike Gronow als Klara, die hier eben keine tragische Sinnsucherin ist, sondern ein trauriges Großstadtmädchen im Retrolook: mit Sommerkleid, Zöpfen, Lackmantel und Drecksjob. Eine Dauerpraktikantin, der langsam dämmert, dass sie zwar halbwegs gut ausgebildet sein mag, aber trotzdem irgendwann die falsche Ausfahrt genommen hat, so dass ihr nicht viel mehr bleibt als die Aussicht auf einen auch nicht besonders flotten Dreier mit dem unentschlossen-liebenswerten Tomas (Gregor Müller) und dem allzu erwachsenen Georg (Matthias Hermann).

Klare Gegenüberstellung von Ökonomie und Erotik
Die Inszenierung spielt nicht durchgängig auf solch hohem Niveau; insbesondere in der Schlussphase, in der Klara in den Vordergrund drängt und die Verhältnisse mehr und mehr uninteressant werden, verliert die Regie ein wenig die Konzentration auf ihr Ökonomie-Thema. Da taucht dann unerwartet doch noch das Leiden auf, eine Schwangerschaft wird angedeutet, am Ende ein Suizid, den Münzing nur noch halbherzig mit Humor auffängt: Klara vermacht ihren Körper inklusive Fötus der Wissenschaft, damit das Dasein doch noch einen Sinn hat. Dazu kommt die Inszenierung manchmal ein wenig selbstverliebt daher, die penetrante Regenmetaphorik (Klaras Mantel! Die Regenstiefel fast aller Figuren! Der lächerliche Weihnachtsbaum-Zimmerspringbrunnen in Klaras Pension!) wirkt unmotiviert, auch wenn sie spannende Bilder ermöglicht. Und Barbara Blochs Laternenwald-Bühnenbild macht zwar zunächst einen durchdachten Eindruck, ist aber bei Licht betrachtet auch ziemlich vollgestellt mit Gimmicks.

Der Klarheit, mit der Münzing Ökonomie und Erotik einander gegenüber stellt, tun solche kleinen Ungenauigkeiten aber keinen Abbruch. Am Ende bleibt der Ausruf "Was tun? ist doch die entscheidende Menschheitsfrage!", und dass Klara hier Lenin zitiert, das muss man nicht unbedingt wissen. Aber es stellt Lohers Vorlage auf ziemlich frappierende Weise vom Kopf auf die Füße.
 
Klaras Verhältnisse
Von Dea Loher
Regie und Sounddesign: Nilufar K. Münzing, Ausstattung: Barbara Bloch, Dramaturgie: Katja Stoppa.
Mit: Britta Focht, Ulrike Gronow, Beate Weidenhammer, Thorsten Dara, Matthias Herrmann, Heiner Junghans, Gregor Müller.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

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Kritikenrundschau

"Nilufar K. Münzing hat dem Stück einen guten Rhythmus gegeben, mit Sinn für das Poetische, sie löst auch die sexuell aufgeladenen Szenen geschickt auf", schreibt H.-M. Koch in der Landeszeitung für die Lüneburger Heide (4.2.2013). Die Regie gebe den Figuren Kontur und belasse ihnen zugleich eine Offenheit, "in die der Betrachter hineindenken, hineinspüren kann und muss, will er sich nicht in den zweieinhalb Stunden im Dunkel verlieren." "Klaras Verhältnisse" rissen den Betrachter nicht mit, sie forderten ihn. "Den Sinn, dem die Suchenden auf der Bühne hinterherhasten, den muss sich schon jeder selbst basteln." Ulrike Gronows Klara trage den Abend, wenn er ab und an ins Schwammige zu driften drohe.

 
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