Unter Überflüssigen

von Michael Laages

Bochum, 3. Februar 2013. Er nicht. Nicht er. So viele Kumpel und Kollegen hat Jochen Bowatski (der sich lieber "Jimi" nennt) schon kaputt gehen sehen, als die Arbeit für sie ausgegangen ist und sie sich ohne Aussicht auf Zukunft in Hartz-IV-Land haben einrichten müssen. Aber so wie alle anderen will er nicht enden. Und nun hat ihm Kumpel Markus am Abend zuvor in "Monie's Eck" diesen Floh ins Ohr gesetzt – wenn Jimis Geschichte ein Film ist, hat Markus (frisch zurück aus der Psychotherapie und auch schon leicht angeschickert) bei Monie vor sich hin gesponnen, dann kommt jetzt der große Showdown; und Jimi Bowatski, seit ungezählten Jahren Gussstückverarbeiter von Beruf und vor allem mit der Feile unterwegs im Betrieb, geht zum Boss vom Ganzen und holt sich seinen Arbeitsplatz zurück.

Amoklauf mit Komplikationen
Gesagt, getan. Am nächsten Morgen steht Jimi bei Markus vor der Tür. Ob Markus will oder nicht – er muss mit. Im Haus von Jimis Chef, Herrn Fassbender, treffen Amokläufer (mit Schweinebolzenschussgerät) und Helferlein bedauerlicherweise nur dessen Frau, Frau Fassbender; außerdem Luc vom Escort-Service, in Handwerkerkluft und mit allerliebster Rück-Ansicht: Arschbacken frei geschnitten und mit Kuss-Herzchen drauf. Herr Fassbender ist angeblich bei einer Tagung in Frankfurt, wo er nicht gestört werden darf, weil die chinesischen Investoren so sensibel seien. Bowatski findet ihn aber dann im Keller – am Ende, dement, Gesicht zur Wand und versteckt hinter einem riesigen Spielzeug-Bergwerk. Und Jimi erkennt, dass sie wohl beide "raus" sind, der Chef und er. Am Ende fährt er ins Haus seiner Mutter an den Stadtrand, wo die vor zwei schon Jahren starb und ihm nichts als die Schildkröte Mucki Muck hinterließ, 104 Jahre alt, der ihn die ganze Story über begleitet hat. Dort, ganz weit weg von allem, nutzt er zum letzten Mal das Schweinebolzenschussgerät. Und Mucki bleibt mit Herrn Fassbender im Dementen-Heim.

JimiBowatski1 560 DianaKuester uSympathischer Haudrauf im Bud Spencer T-Shirt: Dirk Lauckes "Jimi Bowatski" (Michael Schütz) © Diana Küster

Für die anhaltende Finsternis und Aussichtslosigkeit in Dirk Lauckes Sozialstudie, grundiert mit einigen Abwicklungs- und Niedergangsgeschichten aus Bochums jüngerer Vergangenheit, kommt Christina Pfrötschners Uraufführungs-Inszenierung erstaunlich heiter daher. Dass liegt natürlich daran, dass dieser filmische Plot Charme hat – als wären Jimi und Jimis Chef autonome Wesen und einer könnte vom anderen den Job zurück holen. In der Darstellung von Michael Schütz ist Jimi bei aller Grobschlächtigkeit und intellektuellen Enge ein sympathischer Haudrauf. Sophia Lindemanns quasi leere Bühne gönnt nur Frau Fassbender (Anke Zillich) ein Möbel – einen dieser Drehstühle, die lange aus der Mode sind. Die Kneipen-Theke für die Rückblenden auf die tollen Trinker-Tipps von Markus (Atef Vogel), die Flucht-Strecke für Markus und Arschbacken-Luc (Matthias Eberle) kurz vor Schluss – all das ist pure Phantasie und bekommt dem kleinen Stück sehr gut. Mit Muckis Auftritt macht sich schließlich ganz und gar die Farce breit.

Die am untersten Rand der Gesellschaft
Dirk Laucke ist ein Autor, der sich nichts vergibt, wenn er Klartext redet; aber eben auch weiß, dass selbst klarster Klartext heutzutage gar nichts mehr nützt. Eine "Komödie vom Ende des Kapitalismus" raunt die Bochumer Dramaturgie – und das stimmt leider nur insofern, als überdeutlich wird, dass das Wirtschaftssystem, wie es ist, niemandem mehr nützen kann: nicht den Besitzern, nicht den Lohnabhängigen. An sich geht's dem Kapitalismus weiterhin prima. Und der Staat räumt den Müll weg.

Im Programmheft zur Brecht-Premiere am Vorabend (Im Dickicht der Städte) ist ein klug analysierender Text des Soziologen Heinz Bude zu lesen über "Die Überflüssigen"; das sind die Prolls, die Bodensatz- und Null-Menschen ganz am untersten Rand der Gesellschaft, sehr empfänglich für jede Form von Radikalisierung und (zum Beispiel) Fremdenhass. Vontobels Brecht-Arbeit zeichnet sie als grelle Karikaturen und zukünftige Nazi-Killer – Dirk Laucke (und Regisseurin Christina Pfrötschner) wissen immerhin noch, dass an ihrem Beispiel das Ende der Gesellschaft, wie sie ist, überdeutlich abzusehen sein wird. Deshalb ist Dirk Laucke ein Autor, dem wir immer wieder folgen sollten. Es gibt viel zu lernen.

Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl (UA)
von Dirk Laucke
Regie: Christina Pfrötschner, Bühne: Sophie Lindemann, Kostüme: Anna Heinz, Musik: Björn Castiliano, Licht: Bernd Kühne, Dramaturgie: Sabine Reich.
Mit: Matthias Eberle, Michael Schütz, Atef Vogel, Anke Zillich und der Stimme von Jakob Schmidt
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 


Kritikenrundschau

Für die Ruhrnachrichten (5.2.2013) schreibt Britta Helmbold: Dirk Laucke erzähle "in gewohnt knapper, drastischer Sprache nicht ohne Humor" davon, dass der Klassenkampf im 21. Jahrhundert ausfalle, weil die Verhältnisse nicht mehr "schwarz-weiß" seien und auch die Unternehmer "als Opfer einer globalisierten Welt" erscheinen. In diesem "munter-heiter" inszenierten Uraufführungs-Abend gebe Michael Schütz einen "prächtigen Proll ab, der seine Feindbilder und Illusionen verliert".

Die Geschichte um den "Ruhrgebiets-Cowboy" Jimi Bowatski "hat was von einem leicht abgedrehten Theater-Thriller", sagt Stefan Keim in der Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (4.2.2013). Michael Schütz spiele die Titelrolle "mit einer großen proletarischen Energie". Gleichwohl sieht Keim ein "formales Problem" darin, wenn der Erzähler Bowatski im Laufe des Stücks von einer Mehrzahl an Erzählern und Perspektiven abgelöst wird. Auch klebe der Text zu sehr am Einzelschicksal; es fehle die gesellschaftliche Verbreiterung. Und das Ende komme zu abrupt. "Biss" und "formale Genauigkeit" vermisst der Kritiker zudem in der Inszenierung. "Es wird ein bisschen brav nacherzählt", dabei hätte die Regie dem Text durchaus "ein kleines bisschen aufhelfen" müssen.

Als "bemühte Komödie", in der es "jargonhaft" menschelt, beschreibt Andreas Rossman in der FAZ (6.2.2013) das Stück. Dramatiker Dirk Laucke sei eine Art Untermieter Brechts (dessen Stück "Im Dickicht der Städte" in Roger Vontobels inszenierung im gleichen Text besprochen wird). Auch in Lauckes Stück stünden die Asiaten für Gefahr, auf den Malaien Shlink folgten die chinesischen Heuschrecken. "Wo es in Bochum doch die Amerikaner von General Motors sind, die das Opelwerk abwickeln. Sich ernsthaft mit der Krise auseinanderzusetzen und sie nicht an Karikaturen abzuhandeln wäre das mindeste, was von dem immer noch ersten Theater der Region zu erwarten wäre. So jedenfalls, da ergeht es ihm wie dem jungen Brecht, wird das Schauspiel Bochum mit dem Ruhrgebiet nicht fertig."

Von einer "schnörkellosen Uraufführung", der es gelegentlich etwas an Tempo fehle, spricht Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (6.2.2013). Wie immer habe der Damatiker Dirk Laucke auch diesmal mit seiner Titelfigur liebevoll einen grundsoliden, grundehrlichen Charakter entworfen. Und doch verdanke die Theaterfigur es wesentlich dem Schauspieler Michael Schütz, dass nicht sofort zur lächerlichen Figur werde. Denn Schütz verleihe Bowatski so viel bodenständige und bauernschlaue Würde verleiht, dass man ihm selbst die sozialdemokratischen Kausalkurzschlüsse verzeihe. Grundsätzlich passt das Stück auf Bochums egenwärtige Lage aus Sicht des Kritikers "wie die Fausr aufs Auge".

 
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