Die Schatten der Geschichte

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 6. Februar 2013. Ein Licht fällt durchs Fenster und zeichnet Schattenrisse in den Raum: den eines Mannes beispielsweise, der seine Hühner füttert, den einer Frau, die ein Kind auf dem Arm trägt, oder die Schatten zweier Uniformierter, die sich hinsetzen, um sich einen Film anzusehen. Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" flackert kurz auf, eine Schrifttafel zeigt "Obersalzberg 1940" an, und der nachklappende Untertitel weist darauf hin, dass sich Adolf Hitler nach dem Ansehen dieses Filmes entschieden hätte, Russland über Land anzugreifen.

Wie in Platos Höhle

Dies ist die kühnste und lustigste Geschichtsumschreibung eines Re-Enactments ungesehener Momente des 20. Jahrhunderts, das nun im Rahmen des Festivals Frankfurter Positionen am Künstlerhaus Mousonturm uraufgeführt wurde. Das Stück "Nebenschauplätze Nr. 1: Das 20. Jahrhundert. Re-Enactment flüchtiger Erscheinungen" des Kölner Künstlerduos Hofmann&Lindholm ist eine Geschichtsschau mit bislang ungesehenen Mitteln: Drei Projektionsflächen bilden einen Raum, in dem Filmprojektion und Animation eine neue Form des Schattentheaters kreieren. Oder sollte man sagen: des Schattenfilms?

Nebenschauplaetze1 560 Mousonturm uLaterna Magica der jüngeren Welthistorie © Mousonturm

Gespenstergleich entstehen Szenen vor dem Auge des Zuschauers, zweidimensionale Schatten wandern durch den dreidimensionalen Projektionsraum und Sehgewohnheiten werden wortwörtlich außer Kraft gesetzt. Eine Überschreitung künstlerischer Gattungsgrenzen, wie sie paradigmatisch ist für die Frankfurter Positionen, die zwischen Musik, Literatur, Theater und Bildender Kunst dem künstlerischen Experiment in einer Reihe von Uraufführungen Platz einräumen. Es ist immer wieder beglückend und aufregend zu sehen, welche künstlerischen Formate hier entstehen. So erinnert der Projektionsraum von Hofmann&Lindholm ebenso an Platos Höhlengleichnis wie an Laterna Magica und Camera obscura.

Ein Jahrhundert in Bilderrätseln

In ihren künstlerischen Arbeiten gehen Hofmann&Lindholm auf die Suche nach dem subversiven Potenzial des Alltäglichen, sie erproben Handlungsspielräume und schaffen Perspektivwechsel. Schon die seit 2008 fortlaufende Videoinstallation "Serie Deutschland" setzt sich mit Geschichtsbildern auseinander, bekannte historische Fotografien werden hier minutiös von Laien nachgestellt. Und auch "Nebenschauplätze Nr.1" könnte man sich gut als Installation vorstellen, sitzend aber werden 75 Theaterminuten sehr lang. Das liegt zum einen daran, dass die reanimierten Ereignisse keinen wirklich neuen Blick auf das 20. Jahrhundert werfen, das Versprechen des Stücktitels, Nebenschauplätze der Geschichte aufzusuchen, bleibt uneingelöst. Das Werk zeigt Episoden am Rand der Weltkriege, streift Hiroshima, den Mauerbau in Berlin 1961, den Weltraumflug der Hündin Laika, München 1972, Stammheim 1977, Rostock 1992. In diesen drei Wänden der Geschichte kennen wir uns aus – leider. So wird die Geschichtsschreibung der großen Namen und Ereignisse nicht hinterfragt, sie wird vielmehr fortgeschrieben.

Zudem bleibt die Inszenierung gleichförmig – und etwas altklug. Wie redliche Geschichtsschreiber haben die Theatermacher ihre imaginierten Fundstücke mit Ordnungszahlen, Titel, Datum, Ort und Uhrzeit sowie einer Bildunterschrift versehen. Diese sind durchaus poetisch, so wird das Raumfahrttraining der Hündin Laika zum "Drama der Gegenwart oder: Treue Seele wartend auf bessere Zeiten". Aber die mehrfache Rahmung lässt dem Vorstellungsvermögen des Zuschauers kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Wie der Text greift auch der Zuschauer immer schon definierend auf die entstehenden Bilder zu: Wer? Wie? Was? Wo? Wann? Viel zu rasch werden das zauberhafte Schattenspiel, der sich langsam auf- und umklappende Raum, die sich im schrägen Licht seltsam aufspreizenden Zimmer, die Schemen, die in ihnen agieren, das Mobiliar, das plötzlich zu schweben scheint, viel zu rasch wird all dies zum reinen Bilderätselraten. Und dann ist man wieder bei Platos Höhlenmenschen: Mit einer herrlichen Illusionsmaschine zappt man sich durch die Zeitgeschichte und entdeckt dabei nur schon Bekanntes.


Nebenschauplätze Nr. 1: Das 20. Jahrhundert. Re-Enactment flüchtiger Erscheinungen (UA)
von Hofmann&Lindholm
Konzept/Text/Regie: Hofmann&Lindholm, Raum: Jan Sickinger, Hofmann&Lindholm, Animation: Jan sickinger, Oli Monn, Ton: Peter Harrsch, Hofmann&Lindholm, Sprecher: Roland Göschen.
Mit: Milena Cairo, Roland Görschen, Jovan Halfmann, Milla Halfmann, Silke Halfmann, Petra Heim, Christina Hengefeld & Nala, Hannah Hofmann, Lena Hintze, Jean Maurice Kaczmarek, Werner Kraemer, Sven Lindholm, Jan Mallmann-Kallenberg, Edda Monn, Oli Monn, Thomas Peter, Matthias Peters, Tobias Philippen, Simon Rausch und Jan Sickinger.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.mousonturm.de


Kritikenrundschau

"Es ist eine Revue eingebildeter Erinnerungen, ein schattenhaftes Aufleuchten der Vergangenheit, hell-dunkle Erinnerungsräume, ein Schattenspiel, das mal an Scherenschnitte, mal an 'Sin City' denken lässt. Es ist auch ein historischer Reigen, vor dem Guido Knopp arm aussieht", so Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (8.2.2013) über diese "ganz erstaunliche Arbeit" des Performance-Duos Hofmann & Lindholm. Vor allem sei der Abend aber Erinnerungsarbeit, "die in dieser finsteren, platonischen Höhle der Zuschauer selbst verrichten muss. Er sieht immer, dass er nur Lichtspuren sieht, und trotzdem kann er nicht anders, als Vergangenheit zu sehen." Und versenke sich so in seine eigene Finsternis, Kopftheater, Denkbilder.

 

 
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