8. Februar 2013

nachtkritik-Theatertreffen 2013: Das Ergebnis

Sie haben gewählt! Aus 48 Inszenierungen des letzten Jahres, die von den nachtkritik-AutorInnen nominiert wurden. Zehn Tage lang waren die Wahlurnen geöffnet. Bis zu zehn Stimmen konnte jeder Wähler abgegeben. Für die zehn wichtigsten Inszenierungen des vergangenen Jahres. Nun sind die Stimmen gezählt.

– 4005 Wähler gaben insgesamt

– 7020 Stimmen ab, also jeder Wähler durchschnittlich

– 1,75 Stimmen

Zum virtuellen nachtkritik-Theatertreffen 2013 sind eingeladen (alphabetisch geordnet):

 

 

Wir gratulieren den Gewinnern und bedanken uns bei allen, die mitgemacht haben!

 

Und was besagt das Ergebnis?

Es scheinen sich in der hier getroffenen Auswahl mehrere Tendenzen abzubilden. Zum einen haben sich offensichtlich einige Handschriften schlicht kraft ihrer Popularität durchgesetzt: Herbert Fritsch, der in den vergangenen Jahren zuerst beim virtuellen und dann auch beim realen Theatertreffen der Berliner Festspiele als Regisseur durchgesetzt worden ist, ist gleich mit zwei Inszenierungen vertreten. Fritsch-Fans können immer das gute Gefühl haben, amüsiert zu werden und gleichzeitig state of the art zu sein. Ähnliches, wenngleich schon etwas länger, gilt sicherlich auch für Christoph Marthaler, der es neben Glaube Liebe Hoffnung mit SALE beinahe zu einer zweiten Einladung geschafft hätte – auf der Zielegeraden wurde die Produktion indes noch abgefangen.

Überraschender ist es da schon, dass zahlreiche der vermeintlichen Außenseiter die meisten Schwergewichte klar hinter sich gelassen haben. Während Michael Thalheimers Medea aus Frankfurt immerhin an den ersten zehn Plätzen schnuppern durfte, landeten die meisten anderen großen Namen unter ferner liefen. Stattdessen sind das St. Pauli Theater, das Staatstheater Nürnberg, das Theater Vorpommern und das Theater Biel-Solothurn in die Endauswahl vorgedrungen: Man mag das als ein Zeichen der Verbundenheit des Publikums mit seinen lokalen Theatern werten, vielleicht kann man aber auch auf eine Art Partisanen-Taktik schließen, weil überregional weniger beachtete Theater bei einer solchen Abstimmung mehr Hebel in Bewegung setzen als die arrivierten Tanker. Immerhin hatte sich der Erfolg von Stefan Ottenis Inszenierung von Handkes Immer noch Sturm durch exzessive Kommentare im entsprechenden Thread und durch hervorragende Charts-Platzierungen schon angekündigt. Und im Falle des Fests am Theater Vorpommern hat sicherlich auch der Abschied dankbarer Zuschauer von einem mittlerweile zum Großteil gekündigten Ensemble eine Rolle gespielt.

Dass auch Ivo Dimchev mit seinem "P project" und andcompany&Co. mit Der (kommende) Aufstand ganz nach vorne gekommen sind, ist ein Indiz dafür, dass ein Gutteil der Freien Szene besonders gut vernetzt ist und die Mobilisierungs-Möglichkeiten der Social Media ganz selbstverständlich zu nutzen weiß: Avancierte Ästhetiken gehen hier mit avancierten Kommunikationsmethoden Hand in Hand.

Bleibt der Fall Sebastian Hartmann: Als eine der umstrittensten Künstler- und Intendantenpersönlichkeiten der letzten Jahre hat er zwar beileibe nicht ganz Leipzig, aber doch eine treue Schar von Anhängern hinter sich gebracht, die für ihn durch Dick und Dünn und auch durch eine nachtkritik.de-Abstimmung zu gehen scheint. Mit dem Trinker hat eine zweite Hartmann-Aufführung unser Tableau nur hauchdünn verfehlt. Sein Erfolg mit Krieg und Frieden bei dieser Wahl zeigt auch, dass das Durchsetzen bestimmter Künstler nicht unbedingt eine Sache der Mehrheiten und auch nicht eine der Experten sein muss. Mit einer starken und unbeirrbaren Lobby ist schon so manche Erfolgsgeschichte geschrieben worden.

(wb)

 

Zu den Gewinnern der letzten Jahre: Ergebnis 2012, Ergebnis 2011, Ergebnis 2010 und Ergebnis 2009. Und hier die Nominierungen, aus denen in diesem Jahr gewählt werden konnte.

Kommentare

Kommentare  
#1 nk-Theatertreffen: mutige MischungAlbert G. 2013-02-08 11:06
Eine tolle Auswahl! So eine mutige Mischung bringt eben das theatertreffen in Berlin nie zustande.
#2 nk-Theatertreffen: zum Ort des TreffensKlaus 2013-02-08 11:28
Wo wird das nk-theatertreffen veranstaltet werden?

(Lieber Klaus, das nk-Theatertreffen hat - man muss es eingestehen - einen kleinen Nachteil: Es ist virtuell. Gemäß unserer Ausschreibung werden die zehn gewählten Aufführungen gelobt und gepriesen. Es bestünde natürlich noch die Möglichkeit, dass Sie sich als großzügiger Mäzen betätigen wollen ... Herzlich wb für die Red.)
#3 nk-Theatertreffen: SmileysZumOrtDesTreffens 2013-02-08 12:14
Die Schauspieler könnten doch ihre Texte chatten! Ausdruck erfolgt durch Smileys.
Schau an, so ist die Lösung!
#4 nk-Theatertreffen: GlückwunschR. Bienert 2013-02-08 12:25
Glückwnsch dem Nürnberger Ensemble für Immer Noch Sturm! Es ist wirklich eine außerordentliche Arbeit. Muß ich mir direkt noch einmal ansehen.
#5 nk-Theatertreffen: Liste, nicht Treffenanderer Klaus 2013-02-08 12:36
Und wieso heißt das Ding dann Theatertreffen? Wo treffen sie sich denn, die Eingeladenen? Virtuell ist das Treffen ja auch nicht, es ist lediglich eine Liste. Und wieso überhaupt "eingeladen", wie Christoph Marthaler es fast mit einer zweiten Inszenierung geschafft hätte (so im Kommentar oben)? Irgendwie sieht das hier mehr nach eher mattem Trittbrett aus. Wieso ist es nicht einfach die Nachtkritik-Bestenliste? Sondern tut so, als trete es in Konkurrenz zum echten Theatertreffen? Spürt man da versteckte Großmannssucht? Oder warum heißt etwas Theatertreffen, das keines ist?
#6 nk-Theatertreffen: wäre gerne MäzenKlaus 2013-02-08 13:05
hahahahaha - Das ist ja lustig, das nk-theatertreffen findet also virtuell statt. Das ist aber schade. Dann ist es ja eigentlich gar kein Treffen. Ein Treffen ist ein Treffen weil es ein Treffen ist, also eine Begegnung (um hier die Logik unserer deutschen Elite in Satzform zu giessen). Tja, leider komme ich als Maezen nicht in Frage, da haben mich die Eliten leider zu lange abgezockt durch ihre Mitnahmementalitaet, erst mit der D-Mark, dann mit dem EURO - Fragt also besser die Gewinner der "win-win"-Situationen, zu denen ich nicht gehoere! Haette man damals keinen Westpass und Bourgois-Hintergrund gebraucht, um einen Betrieb fuer 1 Westmark zu kaufen, unser Betrieb haette euch gerne unterstuetzt. Fragt die Albrecht-Bande, einer aus ihrem Clan hatte allein das Kinderferienlager unseres Betriebes in Wernigerode fuer 7 MIO Westmark verkauft. Die Foerdergelder hat er in seine Westfirmen gesteckt und unseren Betrieb pleite gehen lassen. Fragt da mal an, die Rendite war riesig damals fuer ihn, allein die Zinsen muessten heute reichen, um das nk-Theatertreffen zu ermoeglichen. Und ich haette auch was von, ich komme dann! Herzliche Gruesse, Klaus
#7 nk-Theatertreffen: spielerische Alternative Wolfgang Behrens 2013-02-08 13:23
@die Kläuse
Versteckte Großmannssucht - genauso ist es ...
Das virtuelle Theatertreffen heißt "Theatertreffen", weil es eine spielerische Alternative zur Auswahl des Theatertreffens der Berliner Festspiele bietet, auf das die Branche manchmal so schaut, als existiere drumherum gar kein anderes Theater mehr.
Übrigens klingt virtuelle nachtkritik.de-Liste irgendwie doof, oder?
#8 nk-Theatertreffen: Im Frühtau zu BergeHeiko 2013-02-08 14:42
@Klaus/6
"Im Frühtau zu Berge" sind wir seinerzeit auch vom Kinderferienlager in WR zum Schloss gewandert. Und danach ging es ins Bergtheater Thale, das immer wieder durch seine imposante Berg-Kulisse besticht, aber hier leider nicht gelistet ist.
Schön, dass mit Leipzig und Greifswald aber auch zwei Ost-Theater in der Liste sind! (Berlin als Sonderstandort mal ausgenommen)
#9 nk-Theatertreffen: unbeirrbarer Lobbyistwolfgangk 2013-02-08 21:13
"Mit einer starken und unbeirrbaren Lobby ist schon so manche Erfolgsgeschichte geschrieben worden." Bin ich jetzt schon Lobbyist, nur weil ich für Krieg und Frieden gestimmt habe? ;-((
#10 nk-Theatertreffen: weiter so!@ 2013-02-08 23:58
Aber das virtuelle Nicht-Treffen hat den Vorteil, dass man sich den den ganzen Kram nur vorstellen und nicht ansehen muss. Weiter so!
#11 nk-Theatertreffen: Leipzig fährtMitlesender 2013-02-15 12:53
@ wolfgangk - na wenn nicht Lobbyist, dann gehören sie wohl zu der kleinen Schar ....
die wesentlich interessantere Frage in diesem Zusammenhang wäre doch, wer hat ganz Berlin, München, Hamburg, Hannover, oder von mir aus auch Dresden hinter sich???
interessanterweise titelte die LVZ am Dienstag "Leipzig fährt zum Theatertreffen!", nicht Hartmann und sein (...) ....

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