Schall und Wahn

von André Mumot

Berlin, 12. Februar 2013. Heiße Luft produziert der Mensch. Und wenn er groß sein möchte, kann man besonders gut erkennen, wie klein er ist. Shakespeare hat das gewusst und in seinem defätistisch dräuenden "Macbeth" nicht den Hauch einer Illusion aufkommen lassen übers Leben, das sich meistens nur in Schall und Wahn äußert. Oder das, wie es in Dorothea Tiecks immer noch recht vernünftiger Übersetzung so schön heißt, nur ein Märchen ist, "erzählt von einem Dummkopf, voller Klang und Wut, das nichts bedeutet." Macbeth selbst sagt diese Worte. An diesem Abend im Maxim Gorki Theater versteht man sie jedoch nur schlecht: Albrecht Abraham Schuch sitzt inmitten eines riesigen Holzgerüsts, das dem Polyeder aus Dürers Melencolia 1 nachempfunden ist und große Teile der kargen Bühne einnimmt, und nuschelt das so vor sich hin.

Und dann geht das Licht aus, aber auch gleich wieder an, und irgendwer klatscht irritiert, während Bühnenarbeiter herbeieilen, um Lady Macbeth und ihren Kameramann aus ihrem Luftsack zu befreien, in dem sie die letzten Minuten verbracht haben, um ihren Königinnen-Wahnsinn per Videoprojektion sinnfällig zu machen. Und dann folgt zögerlich die übrige Besetzung und will sich verbeugen, und auch der Rest des Publikums klatscht, weil's wohl jetzt doch irgendwie vorbei ist und man ja nicht die ganze Zeit nur den Kopf schütteln kann.

macbethy 560 thomasaurin.uDie Lady in der Wahnblase © Thomas Aurin

Tricks und Eigenohrfeigen

Regisseur Robert Borgmann, der bekannt dafür ist, sich von seinen Assoziationen durch alte und neue Theaterliteratur treiben zu lassen, lässt gut drei Stunden lang Einfälle, Intertexte und Albernheiten über das Stück und die Bühne wuchern. Als recht indifferenter Unkrautzüchter geht er hier ans Werk und scheint selbst nie zu wissen, wohin der Wildwuchs führen soll. Hauptsache, es sprießt überall: Vor der Bühne setzt er Friederike Bernhardt ans Klavier zur grollenden Untermalung, und an die Decke des Publikumsraums projiziert er Wasserbilder, in die immer mal wieder das großäugige Macbeth-Gesicht eintaucht und riesenhaft auf die Zuschauerreihen herabblickt.

Die Lady (Anne Müller) sitzt zu Beginn ohne Augenbrauen im Polyeder – da ist er noch mit halbdurchsichtiger schwarzer Folie umspannt – und sagt schon mal im Voraus große Teile ihres Textes am Stück auf. Ein bisschen manisch ist sie vielleicht, aber nicht sehr und insgesamt auch mit Elisabeth-I-Perücke dauerbeherrscht und größtenteils uninteressant. Der Gatte ist dafür psychisch in umso bedenklicherer Verfassung, und das von Anfang an, was Albrecht Abraham Schuch zu effekthascherisch unkontrollierten Zuckungen, Ticks und Eigenohrfeigen verführt, zum Speicheln, Heulen, Dröhnen, zum beinahe andauernden Grimassieren und Text-Verschlucken.

macbethx 560 thomasaurin.uEin Polyeder frei nach Dürer © Thomas Aurin

Kunstnebelverseuchter Irrenhausklamauk

Zur allgemeinen Auflockerung hopst Mathias Becker tapsig in einem Krähenkostüm herum, das sich auch beim Höhenflug zur Bühnendecke nicht entscheiden mag, ob es albern oder bedrohlich aussehen will – wie übrigens die gesamte Veranstaltung. Mal singt man im Chor Bach, mal chargiert das von Macbeth engagierte Mörder-Duo mit idiotischen Akzenten und begibt sich auf schlichtes Kindergartenniveau. Guido Lambrecht darf über die Publikumsreihen klettern und darüber schwadronieren, wie doll es wäre, wenn's keine Männer mehr geben würde: "Fußballstadien nur mit grasenden Kühen." (Ganz große These in einem Stück mit der notorisch bösartigsten Frauenfigur der Theatergeschichte.) Und irgendwann, im kunstnebelverseuchten Irrenhausklamauk, der den Auftritt der drei Hexen ersetzt, platziert Andreas Leupold einen Grammophontrichter auf seinem Kopf, zieht eine Stehlampe hinter sich her und spielt aufreizend widerwillig Don Quichottes Flucht in die Fantasiewelt nach.

macbeth2 280 thomasaurin uAlbrecht Abraham Schuch und Guido Lamprecht  © Thomas AurinZuvor schon muss der nackte Marek Harloff weiß eingekalkt als Banquos Geist in hoffentlich irgendwie ironisch gemeinter Ernsthaftigkeit aus "Sein und Zeit" zitieren (überhaupt kommt oft und ohne erkennbaren Kontext Heidegger ins Spiel) und Kants Erklärung des Begriffes Aufklärung wie ein Fanal ins Publikum schleudern. "Darf's noch etwas mehr sein?", fragt die Regie, wartet die Antwort aber grundsätzlich nicht ab und zeigt hemmungslos collagierte Bilder von Diktatoren und Gasmasken und Päpsten und Politikern, die von blutigen Händen über eine Nähmaschine gezogen und wiederum als Video versendet werden. Was deutlich macht, dass so ein Macbeth-Abend eine prima Gelegenheit bietet, um noch mal in schöner Undifferenziertheit daran zu erinnern, dass das Problem mit den bösen Leuten auf dieser Welt bis heute nicht gelöst worden ist.

Ärgerlich an all der offensiven Beliebigkeit ist vor allem, dass im Dickicht der Lieblingstextverwurstung, Plattitüdenwiederverwertung und Zeitgeschichtsschwiemelei überhaupt noch auf Shakespeares Szenen zurückgegriffen wird, dass sie hilflos und angestrengt und ohne erkennbares Figurenverständnis abgehakt werden, bis der erlösende Monolog endlich verkündet, dass alles nur Schall und Wahn gewesen ist. Man hat es nach drei Wildwuchsstunden heißer Luft bereits begriffen. Längst.

 

Macbeth
Nach William Shakespeare
Regie und Bühne: Robert Borgmann, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik/ Komposition/ musikalische Einstudierung: Friederike Bernhardt, Video: Jesse Jonas Kracht, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Mathias Becker, Friederike Bernhardt, Marek Harloff, Robert Kuchenbuch, Guido Lambrecht, Andreas Leupold, Anne Müller, Moritz Peschke; Christian Schneeweiß, Albrecht Abraham Schuch, Moritz Schulze, Nathalie Thiede.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Bedeutungshuberisches, bescheidwisserisches Gekräusel auf einem Ozean aus Trivialität" hat Ulrich Seidler für die Berliner Zeitung (14.2.2013) gesehen. Die Schauspieler dekorierten ein paar Textstellen, indem sie "brüllen, spucken, wälzen, tanzen, schlagen". Shakespeare müsse ansonsten als "Kunsthonigtopf" herhalten, aus dem der Regisseur seine Assoziationsfäden ziehe. Hinterlassen werde "eine kunstgewerbliche Blutspur der Banalität".

In der Berliner Morgenpost (14.2.2013) stöhnt Georg Kasch: "Es ist ein Jammer." Die Vieldeutigkeit bleibe beliebig, das "Feuerwerk an szenischen Ideen" verpuffe, ohne Spuren zu hinterlassen. Dass die Produktion kurz vor der Premiere den Ausfall eines Darstellers und eine Verschiebung hat verkraften müssen, zähle nicht als Ausrede. "Dieser Abend der intellektuellen Nebelkerzen bietet zu wenig Sein bei zu viel Zeit."

Andreas Schäfer konstatiert im Tagesspiegel (14.2.2013), dass Borgmann nicht "Macbeth" inszeniert habe, sondern: "Er hat drei Stunden den Staub seiner Assoziationen mit Weihrauch verwechselt." Zwar habe der "Blick in die Rumpelkammer der Ikonografie" in den ersten Momenten noch seinen Reiz, doch das Zitieren höre nicht mehr auf. So entwerteten sich die "hochpathetischen" Zitate gegenseitig.

Von einem "raunenden Spektakel", das sich "unter Zuhilfenahme großer Mengen von Bühnennebel immer mehr ins Kryptologische verkriecht", spricht Esther Slevogt in der taz (14.2.2013). Die dreistündige Aufführung suhle sich förmlich in Bildern von Blut und Wahn. Doch der assoziativ vorgehende Abend macht dem Eindruck der Kritikerin zufolge keine Anstalten, "seine Bilder zu erläutern oder herzuleiten".

An diesem Abend erfährt man laut Mounia Meiborg von der Süddeutschen Zeitung (16.2.2013) mehr "über junge Regisseure" als über Shakespeare. Borgmann lasse "nichts aus, was an deutschsprachigen Bühnen gerade en vogue ist". Seine Inszenierung könne deshalb, so Meiborg ironisch, "als Wegweiser für alle trendbewussten Jungregisseure zwischen Flensburg und Fröttmaning dienen". Regel 10: "Wenn keiner am Ende was verstanden hat, hast Du alles richtig gemacht."

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