Die Szene mit dem Kuss

von Martin Pesl

Wien, 14. Februar 2013. Hätte sie nicht diesen auffälligen Namen, der immer erwähnt wird, man käme nicht auf die Idee, dass Fandra Fatale die Hauptfigur dieses Stückes ist. Wahrscheinlich ist das auch irgendwo so gedacht, heißt der Text des Schweizers Lukas Linder doch "Ich war nie da". Wer genau diese Frau ist, die da zum Arzt wegen eines komischen Gefühls geht, welches sie dazu bringt, buchstäblich die Bodenhaftung zu verlieren, obwohl sie doch eigentlich ein ganz bodenständiges Mädchen ist – das war schon 2010 nicht ganz klar.

ichwarnieda 280h alexipelekanos uFandra Fatale und ihr Regisseur
© Alexi Pelekanos
Damals wurde der Text in Auszügen als Lesung bei der jährlich vom Schauspielhaus Wien veranstalteten Schreibwerkstatt "stück/für/stück" präsentiert und gewann das Hans-Gratzer-Stipendium.

Alles nur Theater

Jury wie Zuseher fanden diese leichtfüßige, verwaschene Mischung aus Realität und Theater einfach charmant: Fandra probte da ein Theaterstück, und ihr Bühnenpartner konnte sich nicht entscheiden, ob er den pathetisch überhöhten Text einer Szene mit einem Kuss, einer Ohrfeige oder einer geschickten Kombination aus beidem zum Höhepunkt verhelfen sollte. Das Gratzer-Stipendium zieht eine Fertigstellung des Textes unter professioneller Beobachtung und eine Uraufführung am Schauspielhaus nach sich. Die fand in diesem Fall in Zusammenarbeit mit der Regieabteilung der Ernst-Busch-Schule in Berlin statt, und für Lilja Rupprecht ist es die Diplominszenierung.

Theater im Theater, das ist dabei das Thema, das sie vorwiegend aufgreift. Rote Vorhänge, die aufgehen, um dahinter andere rote Vorhänge preiszugeben, machen das auch im Bühnenbild ganz klar. Außerdem unternimmt sie einen weiteren – fatalen – Abstraktionsschritt: Alles, nicht nur die mehrmals wiederholte Kuss/Ohrfeige-Szene, ist bei ihr Theater, ist Probe, ist der Rampensucht der einen Schauspielerin, der Textunkenntnis der anderen und der Manie des Regisseurs unterworfen, der auch Kommentare schiebt, wenn die arme Fandra sich gerade ganz privat von ihren Eltern die Lebensfreude rauben lässt.

In alle Winde zerstreut

Was für ein Fehler! Der emotionale Faden, den die Figur der Fandra beim Lesen des Textes durch die 18 Szenen legt, reißt gleich zu Beginn, jeglicher Anhaltspunkt geht verloren, Rupprecht stürzt ihr Ensemble und das Publikum in ein Chaos aus krampfhaft lustigen Fragmenten. Dann bleibt ihr nur, in diesem Durcheinander die Hysteriemaschine anzuschmeißen und eine endlose, anstrengende Rastlosigkeit zu inszenieren, indem Szenen skeptisch von gerade pausierenden Akteuren beäugt werden, hektisch durcheinandergeredet wird, dann auch mal Musik darüber liegt und Zettel von der Decke fliegen, als hätte es irgendwann einmal eine Ordnung gegeben, die nun aber in alle Winde zerstreut ist.

Somit stapft Fandra als blasse, passive Figur durch eine Welt, die nicht ihr gehört, sondern dem hysterischen Autor/Regisseur (Gabriel von Berlepsch), dem selbstbezogenen Schauspielerkollegen (Gideon Maoz), der hypochondrischen und taktlosen Mutter – Susi Stach ist durch ihr unkünstliches Volksschauspiel ein erfrischender Fremdkörper nicht nur in dieser Inszenierung, sondern im ganzen Schauspielhaus-Ensemble –, der tussigen Mitbewohnerin (Johanna Rehm), dem in die literarische Qualität seiner Patientenberichte verliebten Arzt (auch Berlepsch) und dem Ex mit Gesangstalent (Sebastian Zeleny).

Ja, selbst der am Tropf hängende Vater (eine Puppe) hat mehr Charakter als diese Hauptfigur, an der hier völlig vorbei inszeniert wurde, ohne die der eigentlich recht unverkrampft und klar geschriebene Text aber kaum Sinn ergibt. Da alles eh nur eitel Theater ist, lässt auch kalt, dass Fandra sich am Ende aus den vom Arzt verschriebenen Betonschuhen, die sie am Boden gehalten haben, befreit und aus dem Fenster stürzt. Sie hat das zu Beginn schon in einer Videosequenz versucht, aber der Regisseur rettete sie, indem er ihr eine Rolle versprach. Nur warum tat er das? Denn danach interessiert er sich überhaupt nicht mehr für sie.

 

Ich war nie da (UA)
von Lukas Linder
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne: Korbinian Schmidt, Kostüm: Christina Schmitt, Musik: Simon Dietersdorfer, Video: Moritz Grewenig, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Gabriel von Berlepsch, Veronika Glatzner, Gideon Maoz, Johanna Elisabeth Rehm, Susi Stach, Sebastian Zeleny.
Länge: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

Mehr lesen? Lukas Linder ist auch der Autor des Stückes Die Trägheit, das 2009 den Preis der (damals von Thomas Jonigk geleiteten) Düsseldorfer Autorenwerkstadt gewann und dessen Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus Tina Lanik im Jahr darauf inszenierte.

 

Kritikenrundschau 

"Lilja Rupprecht reize mit Slapstick das Spielfeld Theater aus (demonstrative Kostümwechsel, Billig-Requisiten, mechanische Emotionen usw.)", schreibt Margarete Affenzeller im standard (16.2.2013). Das Theater donnere hier sogar richtig laut los: Vorhang auf, Vorhang zu, Musik laut, mittel, leise. Und mit der fiktiven Probenarbeit an der immer gleichen Kuss-Szene entfalten auch die zentralen Figuren ihre eigene Tragik. Fazit: "Das alles ist ein wenig banal, aber auch mehr als das: eine lustige Freakshow."

Rupprechts Inszenierung wirkt fast so unentschlossen wie das in ihr karikierte Spiel, da helfen keine Videoclips auf Tüchern und auch kein Singen und Tanzen zur Auflockerung, so Norbert Mayer in der Presse (18.2.2013). Leicht hingeworfen sei das inszeniert, ohne spürbar tiefere Bedeutung, die brave Diplominszenierung einer Absolventin der Berliner Ernst-Busch-Schule. Fazit: "Eine Talentprobe ohne viel Nebenwirkung."

 

Kommentar schreiben