Riese unter Liliputanern

von Charles Linsmayer

Zürich, 16. Februar 2013. "Ich will etwas ganz anderes sagen als Peter Handke", antwortete Alvis Hermanis, als ich ihn vor der Premiere fragte, warum unter den Texten, aus denen sich seine "Geschichte von Kaspar Hauser" zusammensetzt, keiner aus dessen Schauspiel "Kaspar" stamme. In der Tat machte dann das, was in der Box des Zürcher Schiffbaus an diesem 16. Februar erstmals zu sehen war, aus dem Stoff, der Handke dazu diente, die Determination des Einzelnen durch das erdrückende Herrschaftssystem Sprache vorzuführen, eine Art Märchenspiel, in dem ein ahnungsloser naiver Mensch mit den Künstlichkeiten der Zivilisation konfrontiert wird und in dem beides, das Unverbildete und das Verbildete, für das jeweils andere ebenso zum Faszinosum wie zum Missverständnis wird.

In der Biedermeierstube

Das Märchenhafte wird schon in der Besetzung der Rollen überdeutlich, lässt Hermanis doch die Nürnberger Bürger, für die der Findling zur Herausforderung wird, durch als Erwachsene bekleidete und geschminkte Kinder spielen, die vom schwarz vermummten Ensemble, das ihnen seine Stimmen leiht, wie Puppen bewegt werden. So dass Kaspar wie weiland Gulliver bei den Liliputanern als ein Riese in die wunderbare Nürnberger Biedermeier-Wohnstube vordringt und dem Ganzen allein schon vom Größenverhältnis her etwas Surreal-Märchenhaftes anhaftet. Nicht zu reden von dem weißen Pony, das den ganzen Abend über auf der Bühne herumsteht und nach Futter sucht.

kasparhauser1 560 tanja dorendorf uUnter den Tisch gekrochen © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Am Anfang des Abends sieht sich das Publikum, von besagtem Pony mal abgesehen, mit vier Klavieren und einem Sandkasten konfrontiert. Auf den Instrumenten spielen die Schauspieler, sofern sie nicht als Puppenspieler agieren, unentwegt Debussys langsames Prélude "Les pas sur la neige", aus dem Sand aber gräbt der einzige Beteiligte, der Kindergröße hat, aber selber spricht, der kleingewachsene Laienschauspieler Roland Hofer, Kaspar Hauser heraus. Und es bedürfte einer besonderen Würdigung, wie sich Jirka Zitt als Kaspar allmählich von einer Malerpuppe, die man von außen bewegen und drehen muss, zu einem Faktotum entwickelt, das zwar immer noch unbeholfen und hilflos wirkt, aber immerhin als sprachgestörter Spastiker durchgehen würde.

Mit Latein, Philosophie, Religion traktiert

Hermanis und seine Texterin Carola Dürr haben den Abend in 34 Geschichten eingeteilt, die Hausers Entwicklung von seiner Auffindung bis zum (gewaltsamen) Tod anhand von knappen Bildern und wenigen Worten nachzeichnen. Zu eigentlichen Gulliver-Szenen werden etwa die Geschichten, die erzählen, wie Kaspar von den Bürgern der Stadt untersucht wird oder wie er in dem neuen Zuhause bei Professor Daumer eintrifft und sich dabei tief unter dem Türbalken durchbücken muss, während er sich mit den winzigen Stühlchen vor dem festlich gedeckten Tisch erstaunlich gut zurechtfindet.

Überhaupt sind die Szenen in der guten Stube der Daumers eigentliche Kabinettstücke, bei denen der Kontrast zwischen dem ungebärdigen Riesen und den von den Kindern virtuos gespielten Nürnberger Honoratioren auf köstliche Weise zum Tragen kommt. Obwohl es viel zu lachen gibt, kommt aber auch die Tragik des völlig missverstandenen, mit Tischmanieren, lateinischer Konjugation, philosophischen Exkursen und religiösen Belehrungen traktierten Findlings immer wieder bewegend zum Ausdruck, und es wird mit der Zeit auch klar, dass das weiße Pony ihm sehnsüchtig die im Nachhinein als beglückend empfundene frühere Gefängniswelt in Erinnerung ruft, in der ihm zwei hölzerne Pferde zum Spielen überlassen worden waren.

Zivilisation versus Poesie

Ein Verdammungsurteil über die Zeit, in die Kaspar Hauser hineingeschneit ist, spricht die Inszenierung keineswegs aus. Sie relativiert aber das zivilisatorische Moment, und zwar nicht nur dasjenige der Biedermeierzeit, indem sie es auf abgründige Weise mit den entlarvenden, in ihrer Bildhaftigkeit und Direktheit poetisch wirkenden Fragen Kaspar Hausers konfrontiert. Warum isst die Katze nicht mit den Händen? Warum ist die Wirklichkeit nicht die Wahrheit? Warum tut die Musik weh?

Den Schluss bildet ein starkes Bild, das die beiden Welten unversöhnlich nebeneinanderstellt. Die kleinen Menschen haben sich, diesmal ohne Marionettenspieler, zu einem Streichsextett gruppiert und schaffen es tatsächlich, ganz anständig einen Wiener Walzer über die Runde zu bringen, während sich weiter drüben, im Sandhaufen, wo man ihn ausgegraben hat, Kaspar Hauser zum Sterben niederlegt. Wie in einem traurigen Märchen sind die beiden Welten einander staunend begegnet, ohne die gegenseitigen Missverständnisse ausräumen zu können. "Hier ruht der Betrüger Kaspar Hauser", will der Bürgermeister über sein Grab schreiben lassen. Der Sterbende selbst aber, entsetzt über "die Stimme, die man gewöhnlich die Stille heißt", wünscht sich: "Wenn ich wieder einmal schlafen könnte!"

Die Geschichte von Kaspar Hauser
Textfassung von Carola Dürr und Ensemble
Regie und Bühne: Alvis Hermanis, Kostüme: Eva Dessecker, Musik: Jakabs Nimanis, Dramaturgie: Andrea Schwieter.
Mit: Jirka Zett, Isabelle Menke, Milian Zerzawy, Franziska Machens, Ludwig Boettger, Chantal Le Moign, Patrick Güldenberg, Roland Hofer und sechs Kinderdarstellern.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause.

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Im Deutschlandfunk (17.2.2013) findet Cornelie Ueding Hermanis' Regiekonzept "niedlich, zuweilen amüsant - aber alles andere als theatralisch wirklich tragfähig". Sicherlich sei Öde eine Signatur der belehrselig-selbstgerechten Biedermeierwelt. "Aber nie hätte sie zum Merkmal der Inszenierung werden dürfen." Bei dem Reigen gefälliger kleiner Einzeleinfälle wolle sich kein Gefühl einstellen, weder Mitleid mit Kaspar Hauser als Gesellschaftsspielzeug noch Schmerz über die engherzige Erziehungsdressur, über dieses zerstörte Leben und seinen einsamen Tod. "Wir schauen halb interessiert und ein wenig amüsiert zu."

Was Alvis Hermanis aus dem Stoff mache, sei ein Kunststück für sich, ist Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (18.2.2013) begeistert. Hermanis, "einer der größten Regisseure des zeitgenössischen Theaters", greife auf den originalen "Fall" zurück, um sich zur bildstarken Reflexion über die Frage zu weiten, was der Mensch sei. "Keine Abhandlung, keine Dokumentation, keine Nacherzählung, sondern eine wundersame Szenenfolge, komisch, unheimlich, herzzerreissend, kurz: von zauberhafter Wirkung." Die Qual forcierter Anpassung von Natur an das, was man Zivilisation nennt und was doch einzig und allein Konvention ist, dekliniere Hermanis durch. "Zwischen Kunstkreation und Kreatürlichkeit oszilliert alles hier." Lateinkonjugationen, Gedichtrezitationen: So verlaufe das Eintrichtern kanonischer Verhaltensweisen, welches wir Lernprozess nennen. "Es ist zum Heulen. Es ist zum Lachen. Es ist schrecklich wie in einem bösen Märchen und wahr wie im wirklichen Leben."

"Dieser Abend ist bei allem Zauber auch überraschend zäh", findet Christian Berzins in der Aargauer Zeitung (18.2.2013). Die "Gulliver-Perspektive" sei spannend, mache die Inszenierung aber auch putzig und raube ihr die Tiefe. "Warum ist die Wirklichkeit nicht die Wahrheit?", frage Hauser ("famos gespielt von Jirka Zett") verstört und deute damit auf die Kunst von Alvis Hermanis. "Der Regisseur zeigt die Wirklichkeit mit übertriebenem Realismus und verweist auf eine dahinterliegende Wahrheit." Dazu sei ihm jedes Mittel recht – auch ein weisses Pony, das zwei Stunden auf der Bühne steht. Hingerissen schaue man zu, wie es selbstverliebt tänzelt, wie es aufmerksam dem Geschehen folgt, wie es genüsslich (fr)isst und zum Schluss – es verdient dafür fünf Extrarüben – dem Streichsextett mit Kennermiene lauscht. "Nicht verwunderlich, würde es als Zugabe ein Trakl-Gedicht aufsagen." Jeder im Saal verstehe den Wink: "Die Nürnberger ergötzten sich einst an einem 'edlen Wilden', wir Zürcher an einem netten Pferchen."

"Ein verstörender, berückend schöner Albtraum aus den Puppenstuben des Biedermeier" sei Hermanis geglückt, meint hingegen Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.2.2013). Hermanis verabschiede sich vom Sprechtheater nicht mit grobschlächtiger Zivilisationskritik: "Die Begegnung von Kultur und Natur, Gulliver und Zwergbürgertum ist kein Krieg, nur ein tragikomisches Missverständnis." Am Ende wisse man nicht, "ob man lachen, weinen oder einfach nur staunen soll".

Der Star des Abends ist für Simone Meier von der Süddeutschen Zeitung (27.2.2013) das schneeweiße Pony, auch weil es "tut, was die Zuschauer auch gerne täten. Es scharrt. Es frisst. Es gähnt." Dabei liefere Alvis Hermanis mit seiner Kaspar-Hauser-Collage ein "hübsches Ding zwischen 'Twin Peaks' und all diesen wundervollen Horrorfilmen, in denen Kinder so gezeigt werden, wie sie allermeistens auch sind, nämlich als böse, unheimliche Biester". Hermanis' Anordnung mit erwachsenem Protagonisten unter marionettenhaft geführten Kindern sei "von einem erlesenen Zauber, der zart an schwarzromantisch gesinnte Seelen rührt", aber "leider auch ein bisschen langweilig. Weil Hermanis seinen Trick zu schnell verspielt – und dann nichts mehr folgt", außer "seltsam ins Leere zielenden Pointen".

 
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