Grundeigentum oder Volkseigentum?

von Christian Baron

Rudolstadt, 16. Februar 2013. Dereinst musste man die Menschen in die Fabriken hineinprügeln. Karl Marx schuf für diesen, den Kapitalismus wesentlich begründenden Gewaltakt den putzig-analytischen Begriff "ursprüngliche Akkumulation". Heute muss man sie aus den Fabriken hinausprügeln. So sehr haben die Leute ihre Erwerbsarbeit naturalisiert, dass sie ohne sie nicht mehr leben zu können glauben – ein Umstand, der auch und vor allem in der DDR verbreitet war, mochte sie sich in ihrer Parteipropaganda noch so sehr vom akkumulierenden Kapitalismus abgrenzen. Da nimmt es kaum Wunder, dass die Ostdeutschen an der eiskalten Abwicklung ihrer teilweise beachtlich florierenden Industrie durch die Treuhandanstalt schwer zu leiden hatten.

die hellen haufen 560 peter scholz xDas Rudolstädter Ensemble auf den unteren Stufen des Wohlstands © Peter Scholz

Wie etwa im thüringischen Bischofferode, wo die Kalibergarbeiter letztlich vergeblich gegen die Schließung ihres mehr als rentablen Werks im Jahr 1993 revoltierten. Oder die Mansfelder Kumpel, denen sogar die Demütigung zuteil wurde, an der Zerstörung ihrer Arbeitsplätze selbst mitzuwirken. Von beiden berichtet Volker Braun in seiner 2011 erschienenen Erzählung "Die hellen Haufen", und er spinnt die Story noch weiter: Im dritten Teil setzt ein fiktiver Bericht ein, der über den Zorn der Arbeiter fabuliert, die zu Hunderttausenden gegen das ihnen zugefügte Unrecht zu Felde ziehen.

Aufbegehren der Wendeverlierer

Entgegen der Erwartung ist das ein wahrlich sperriger Text, in dem aber inhaltlich ungemein viel intellektueller Sprengstoff steckt. Steffen Mensching hat die Prosa kompakt dramatisiert und bietet dem Publikum in Rudolstadt mit seiner episch gehaltenen Inszenierung ein packendes Rendezvous mit einem unschönen Teil der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ihrer eigenen Region. Sechs Ensemblemitglieder – davon zufällig drei mit einer "Ost"-Biographie (Verena Blankenburg, Horst Damm, Hans Burkia) und drei mit einer "West"-Sozialisation (Markus Seidensticker, Laura Göttner, David Engelmann) – verkörpern den Text glänzend, in dem bunten stilistischen Mix, den Mensching gewählt hat.

So agiert das Sextett chorisch, wenn knackige Kernsätze intoniert werden. Wollen sie die aufgebrachten "Haufen" der Aufständischen darstellen, platzieren sie sich eng beieinander auf dem stufigen Bühnenplateau und dynamisieren das Geschehen, ohne ihre Stimmen erheben zu müssen. Es genügt außerdem ein statisches Bühnenbild, weil die Schauspieler das Nichtgeschehene vor den Augen der Zuschauer mithilfe der beseelten Sprache des Autors und ihres eigenen gestisch-mimischen Gespürs gekonnt vitalisieren.

Kardinalfragen der Protestbewegung

Wie auch Braun so greift Mensching auf den Verfremdungseffekt in der Tradition von Brechts epischem Theater zurück. An der straff dreigeteilten Struktur der Inszenierung wird das ebenso deutlich wie an der flexiblen Rollenzuteilung, den zahlreichen Passivkonstruktionen oder der auf alle Spielenden übertragenen, distanzierten Erzählerfunktion. Allerdings erfolgt die Verfremdung insgesamt allzu inkonsequent, und genau das kristallisiert sich im Laufe des unterhaltsamen Abends als das einzige Handicap heraus.

Statt ins Allgemeine und Parabelhafte weist das Werk mit der Umbenennung von Schauplätzen (Bischofferode heißt Braun "Bitterode") und der bemüht-drolligen Verkleidung von Personen der Zeitgeschichte (Regine Hildebrandt wird zu Hilde Brand, Bernhard Vogel zu Vogt oder Pfarrer Schorlemmer zu Schurlamm) auf eine singuläre historische Situation, was in der moralinsauren Bezeichnung manches Staatsvertreters als "Schufft" seinen Höhepunkt findet. Immerhin wirft das Stück im dritten und besten Part des Abends die aus der Mode gekommene Eigentumsfrage auf und sinniert auch über das in heutigen Protestbewegungen weitgehend tabuisierte Gewaltthema.

Nicht den Gewinn maximieren, sondern den Sinn!

Beides Kardinalfragen des Widerstands, und die Inszenierung lässt sie unbeantwortet, ohne sich eine Haltung zu versagen. In erster Linie ziehen die Massen natürlich für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze gen Berlin. Viel zu stark, zeigen Braun und Mensching, haben die in vulgärmarxistischer SED-Folklore geschulten Bewohner des selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaates die Erwerbsarbeit in ihr Bewusstsein aufgesogen. Sobald sie aber mit den "Mansfelder Artikeln" ans Eingemachte gehen ("Grundeigentum bleibt Volkseigentum", "Nicht den Gewinn maximieren, sondern den Sinn"), greift die Staatsmacht richtig hart durch. Und schlägt den Aufstand am Ende dank des Einsatzes der Bundeswehr auch erfolgreich-blutig nieder.

Welch düstere Vision. So führt die Inszenierung den ehemaligen DDR-Bürgern so unsentimental wie schonungslos ihre Ambivalenz vor: Bewundernswert, wie mutig sich die demokratiehungrigen 89er politisch gegen das SED-Regime stellten; aber auch traurig, wie bereitwillig sie sich von dem listig mit D-Mark-Scheinen winkenden BRD-Establishment ökonomisch über den Tisch ziehen ließen. Und Handeln, wenn es zu schon zu spät ist, führt unweigerlich zum Blutbad. Aber gegen den betörenden Glanz all der Wohlstand versprechenden, blühenden Erwerbsarbeitslandschaften ist eben noch immer kein Kraut gewachsen.


Die hellen Haufen
nach der gleichnamigen Erzählung von Volker Braun in einer Bühnenfassung von Steffen Mensching
Regie: Steffen Mensching, Dramaturgie: Christian Engelbrecht, Ausstattung: Sabine Pommerening, Musik: Rolf Fischer, Musikalische Leitung: Thomas Voigt.
Mit: Verena Blankenburg, Hans Burkia, Horst Damm, David Engelmann, Laura Göttner, Markus Seidensticker, Mitglieder des Seniorentheaters Rudolstadt "Die Entfalter": Gisela Hennersdorf, Dietrich Höhne, Walter Jarosch, Jutta Kühn, Sybille Richter, Anatol Schellenberg, Renate Walther.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-rudolstadt.de


Kritikenrundschau

Brauns Text bleibe auch in Menschings Inszenierung eine Erzählung, schreibt Hartmut Krug in der Frankfurter Rundschau (18.2.2013). Der Text, der bei der Lektüre den Leser schnell bedränge, vermöge aber in dem szenischen Arrangement zu atmen und seine Sinnlichkeit zu entfalten. "Die Inszenierung, die mit teils neuen Fakten Empörung über einstige Aktionen der Treuhand hervorruft, ist ein sinnliches Denkspiel, das mit Verfremdung und fiktiver Überformung von Geschichte zu einem Nachdenken über Lösungsmöglichkeiten und Gefahren der vielen ungelösten Probleme unserer neoliberalen Demokratie anregen will."

Steffen Mensching nehme Volker Brauns "Die hellen Haufen" todernst und beim Wort, schreibt Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen (18.2.2013). "Mit beinahe protestantischer Strenge - sola scriptura, nur die Schrift -, stellt er die Erzählung auf seine Rudolstädter Bühne." Die Inszenierung sei im Handwerk seriös, hinten die Symphoniker, aus dem Graben als Chorus gelegentlich das Seniorentheater "Die Entfalter", beides Zutat, aber störend auch nicht. Dazwischen, auf der Bühne, das sehr disziplinierte Ensemble. "Keine Figuren, nur Berichterstatter, eine Haltung immer nur für Momente andeutend, keine Spielimpulse aus der Situation beziehend, das ist eine hochrespektable Arbeit. Und, hole mich dieser und jener, eine, die mich nicht einen Augenblick interessiert."

In seiner 2011 erschienen Erzählung verdichte Volker Braun die Ereignisse, gebe den namenlosen Protagonisten von damals Namen und den namhaften ein moralisches Etikett, schreibt Angelika Bohn in der Ostthüringer Zeitung (18.2.2013). "Um den Überblick in diesem Personenpanorama zu behalten, müsse man sich Notizen machen, klagten einige Rezensenten." Dieses Problem habe der Zuschauer in Rudolstadt nicht. Steffen Mensching baue Textschleifen ein, lasse seine Schauspieler von Figuren- zu Erzählebene und zurück wechseln, "und bei dieser Jonglierkunst geht kein Teller zu Bruch." Das sei konzentriert und dicht, treffe Tempo und Ton genau. "Diese Inszenierung ist Hochleistungssport für die auf der Bühne und eine Aufmerksamkeitsprüfung für den Zuschauer."

Namen und Episoden tropften in "Brauns anspielungsreicher Prosa", schreibt Matthias Biskupek in der Thüringischen Landeszeitung (18.2.2013). "Wehe, wer da schlecht aufgepasst hat in der Schule. Doch ist Theater nicht auch eine Anstalt der öffentlichen Bildung?" "Die Arbeit ist gerecht zu verteilen, unter allen, die Anspruch darauf haben", heiße es im Text. "Also tat die Regie und verteilte zuweilen einen Gedanken auf mehrere Sprecher." Man höre "Dauerton A wie angestrengt", der kaum Heiterkeit und Leichtigkeit berge – "die doch eine utopische Geschichte haben könnte." Wie sehr überwiege das wahrlich pausenlose Sprechen den "musikalischen Kammerton W wie witzig". Man möge einwenden: Das sind die Noten – "doch der Text! Was für eine Vivisektion der Gegenwart! Welch Zukunftsanspruch!" Genau dieserhalben könnte, so Biskupek, die Aufführung das Publikum spalten. "Die einen: Uraltagitprop! Die andern: Endlich eine gerechte utopische Geschichte."

 

 
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