Gleichnisleere Welt

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 21. Februar 2013. Auf dem Balkon einer fensterlosen, nachtschwarzen Wand in einem Labyrinth zeigt sich ein zotteliges Wesen in Unterhosen, halb Mensch, halb Tier. Doch ist es nicht Minotaurus, der verbannte und in ein Monster verwandelte Nachkomme des Zeus, der rollenden Auges sein Elend, seinen Schmerz beschreit, sondern der bedauernswerte Sigismund, der von seinem Vater, dem Polen-König Basilius, in einen Turm gesperrt wurde. Der alte Narr glaubt an die Sterne, die ihm weissagten, sein Sohn werde sich dereinst zum Tyrannen aufschwingen.

Zwitterhafte Kreaturen, zerrissene Seelen

Eine Prophezeiung, die nach Ansicht des verwitweten Königs keine Sanftmut bei der Erziehung duldet, bis zu dem Tag, an dem der verfluchte Thronfolger beweisen wird, ob er wider Erwarten ein Guter ist. Ein perfides Experiment. Nur Clotald, der Wächter Sigismunds, versorgt den Weggesperrten mit dem Nötigsten. Doch das Wenige reicht, im jungen Mann das Bewusstsein von Recht und Unrecht gedeihen zu lassen. Er sinnt auf Rache. Als dann Rosaura und Clarin zufällig in das mit Plastiktüten und Junkfood übersäte Jugendzimmerverließ des Prinzen stolpern, deutet Sigismund an, wozu ein Hassender fähig ist. "Menschen sind die Tiere mir, doch unter Menschen bin ich Tier." Sigismund wirft sich auf die als Mann verkleidete Rosaura, würgt sie, schleift sie wie eine Schweinehälfte über den dunklen Boden. Ein hoffnungsloser Fall.

leben-ein-traum 560 matthias-dreher uDer bedauernswerte Sigismund (Lukas Rüppel). © Matthias Dreher

Denkt man. Doch bei Pedro Calderón de la Barca, dem Theaterdichter des spanischen Barock, darf "Das Leben ein Traum" sein. Und weil der Stücktitel Programm ist, auch und vor allem bei dieser Stuttgarter Premiere unter der Regie von Peter Kastenmüller, kann man bei all den Labyrinthen, doppelten Böden, zwitterhaften Kreaturen, zerrissenen Seelen und luftigleichten Paarreimen schon einmal seinen Sinn für das Reale und Diesseitige verlieren. Oder anders gesagt: Auch Sigismund, der nicht in den Genuss von Elternliebe, Waldorfpädagogik und Vollkornschulbroten mit vegetarischen Aufstrichen kommt, ist eine Hoffnung wert. Zumal der Prinz bei seinem Ausflug aus dem Gefängnis eine Welt vorfindet, die scheinhaftiger nicht sein könnte. Schlimme Heuchler, Karrieristen und Günstlinge, wohin man auch blickt. Aber bei all der Eitelkeit doch schön anzuschauen: die Männer wie Clarin (Fridolin Y. Sandmeyer) oder Clotald mit feinem 70er-Jahre-Look, als hätte sie noch der selige Pier Paolo Pasolini höchstselbst für "Teorema" gecastet.

"Let's Do The Twist!"

Florian von Manteuffels Clotald ist dabei ein wankelmütiger Gimpel mit getönter Sehhilfe und Schlaghose, der in Bedrängnis schon mal keck die Beine kreuzt, "Keine Lösung kann ich finden" seufzt und ein tuntiges "Haach" hinterherschickt. Derweil Nadja Stübigers Königsnichte Estrella wahlweise in Ohnmacht fällt, die Nase über den schmierigen Herzog Astolf (Bijan Zamani) rümpft oder unter ihrem Reifrock Sigismunds lüsterne Anwesenheit duldet. Lisa Bitters Rosaura ist eine verwandlungs- und strapazierfähige Adelstocher, die in allen Lagen fechtet, knutscht, robbt und nach Liebe brüllt, aber mit ihrem Opferdiskurs auf taube Ohren stößt. Und Polly Lapkovskaja darf als Torrero verkleidet ein "Let's Do The Twist" ins Mikro kreischen und dazu ein paar Akkorde zupfen.

Kein Wunder also, das Sigismund bei Lukas Rüppel erst zum Menschen mit freiem Willen wird, nachdem er aus der triebhaften Tierwelt in seinen vermeintlichen Alptraum zurückgekehrt ist: der Felsenhöhle im Labyrinth. Zwar hat er einen Menschen auf dem Gewissen, eine Frau vergewaltigt, seinen Peininger Clotald gezwungen, Hamburger zu vertilgen, Trash bis zum Erbrechen, würgen und Ketchup verspritzen, bis die ganze Bühne wie nach einem Kindergeburtstag bei McDonald's aussieht, doch das alles ist vergessen.

das leben ein traum 560 matthiasdreher uDas Leben, doch kein Traum?  © Matthias Dreher

Quatsch-Comedy-Club mit anschließender Revolutionsklamotte

Denn Sigismund ist von Herzen gut. Das ewige, unschuldige Kind. Nun geht er auch aufrecht und sicher, was er zu Beginn mit Pudding in den Hüften nie konnte. Erwachsenwerden als Verweigerung. Ein Traum. An dieser Utopie können auch die eingestreuten Textpartikel aus Rainald Goetz' Trilogie "Krieg" nichts ändern. Wenn unvermittelt Wortfetzen wie "Elend. Arm. Zerfetzt. Zerrissen. Dreckig. Abgewetzt. Eingepfercht. Aufbewahrt. Allein" durch den Raum schießen, klingt das meist nur abgeschmackt und bemüht intellektuell.

Das moralphilosophische, gleichnisschwere Welttheater Calderóns ist bei Kastenmüller tendenziell ein Quatsch-Comedy-Club mit anschließender Revolutionsklamotte, in der ausgerechnet Rainer Philippis Basilius tragische Größe offenbart, wenn er in eisigkalten Verswellen und Gefühlsstrudeln von Schuld, Pflicht und Resignation allmählich untergeht. Dass er dabei ausschaut wie eine Kreuzung des RTL-Millionärs Robert Geiss mit dem berüchtigten General und polnischen Ex-Staatschef Wojciech Jaruzelski, dem Gegenspieler der Solidarnosc-Aktivisten, ist kein Zufall. Nichts ist ein Zufall – und alles möglich. Und genau das ist das Problem dieser Inszenierung.

Der Minotauros, ein polnischer General, die mexikanische Revolutionärs-Combo, Rainald Goetz – die Regie behängt alles und jeden mit teilweise wunderlichen Assoziationen, die allerdings insgesamt ins Leere laufen. Kastenmüller entscheidet sich bewusst für eine Regie der Verundeutlichung, die auf dem Papier als kluge postdramatische Skizze erscheinen mag, auf der Bühne aber scheitert. Leider. Noch mehr als die Freiheit des Sigismund interessieren den Regisseur und seinen Dramaturgen Christian Holtzhauer die eigenen Freiheiten bei der Umsetzung des bald vierhundert Jahre alten allegorischen Schauspiels. Bei der Allegorie wird jeder Handlung, jedem Zeichen ein Sinn zugewiesen. Peter Kastenmüller macht den Schlüssel zum Schloss.

 

Das Leben ein Traum (La vida es sueño)
von Pedro Calderón de la Barca
Fassung von Christian Holtzhauer und Peter Kastenmüllerauf Grundlage der Bearbeitung von Soeren Voima
(unter Verwendung des IV. Kapitels "Gruft" aus KRIEG von Rainald Goetz)
Regie: Peter Kastenmüller, Dramaturgie: Christian Holtzhauer, Bühne: Susanne Münzner, Kostüme: Kathi Maurer, Musik: Pollyester.
Mit: Rainer Philippi, Lukas Rüppel, Florian von Manteuffel, Bijan Zamani, Nadja Stübiger, Lisa Bitter, Fridolin Y. Sandmeyer, Matthias Kelle, Polly Lapkovskaja (Musikerin).
Aufführungsdauer: 1 Stunde, 55 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Mehr über Peter Kastenmüller (der im Herbst 2013 die Direktion des Zürcher Neumarkttheaters übernimmt) im nachtkritik.de-Lexikon.


Kritikenrundschau

Soeren Voimas Einarbeitung von Rainald Goetz-Passagen in seine modernisierte Calderón-Fassung findet Rainer Zerbst in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (21.2.2013) durchaus überzeugend. Dagegen kommt Kastenmüllers Inszenierung eher schlecht weg: Der Regisseur scheine "dem Geschehen um Schein und Wirklichkeit zu misstrauen"; er streue schlechte Witze. "Figuren robben auf der Flucht am Boden, als wären sie Seehunde, und wenn am Ende das Volk aufbegehrt, dachte Kastenmüller wohl an Guerilleros und lässt seine Mannen Südamerikanisches intonieren. Von Calderóns subtilem, philosophischem Stück um Identität, Wahrheit und Fiktion, das geradezu shakespearesche Größe hat, bleibt da nicht mehr viel übrig."

Die schwierige Arbeit an "einem Berg von Bildungstrümmern", mit dem Calderóns Text aufwarte, habe Kastenmüller "meisterhaft bewältigt", schreibt Wolfgang Bager vom Südkurier (23.2.2013). Kastenmüller inszeniere mit der "barocken Wucht heutigen Trashtheaters". "Was zunächst als brüchiger Stilmix empfunden werden mag, fügt sich schließlich zur durchkomponierten Einheit, die das barocke Weltbild am Heute spiegelt." Aus einer "gleichmäßig starken Ensembleleistung" ragten für den Kritiker Nadja Stübiger, Lisa Bitter und Lukas Rüppel als Protagonist Sigismund, der "dessen Entwicklung vom rasend gewalttätigen und milieugeschädigten Königssohn zur souveränen Persönlichkeit" schildere, heraus.

Kastenmüller schaffe eine "paranoid-albtraumhafte Atmosphäre", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (23.2.2013); doch auf die Einarbeitung der Goetz-Fremdtexte in das von Soeren Voima "schnoddrig übertragene Stück" hätte die Kritikerin verzichten können. Der Regisseur betone "die komische Absurdität des Experiments, doch das Timing stimmt selten". Stark seien Lukas Rüppel und Rainer Philippi in Szenen, in denen sie nicht ulkig sein sollen"; und "Nadja Stübiger zickt als Königsnichte ganz wunderbar, doch ansonsten sieht man viel Quatschcomedy – pathetisch geschwungene Soldatenmäntel, Augenrollen, überlange Slapstick-Fechtszenen". Dadurch "zerfasert das zunächst konzentriert gespielte Stück".

Statt das Publikum erst einmal mit der „barocken Weltanschauung" und den katholischen Hintergründen des Calderón-Stückes bekannt zu machen, überspringe Regisseur Katenmüller "leichtfertig die Kennenlernphase und katapultiert sich sofort in den Ironiemodus", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (23.2.2013). Missmutig berichtet der Kritiker von Regieeinfällen, die die "von Silhouetten-Animationen eindrucksvoll unterfütterte" Inszenierung "in Hülle und Fülle" habe, "wenn der Königshof als groteskes Marionettentheater gezeigt wird". Aus dem "bunten Allerlei" rage nur eines heraus: "das Spiel des Fridolin Y. Sandmeyer, der seinen Diener Clarin, wiewohl bürgerlich kostümiert, als tolle Commedia-dell-Arte-Figur gibt".

 

 
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