Gut, dass wir geredet haben

von Ute Grundmann

Chemnitz, 21. Februar 2013. Markus war am Montag bei Sarah. Sagt Robert. Und der muss es eigentlich wissen, denn er ist Sarahs Mann und eifersüchtig. Doch beider Freund Donald behauptet beharrlich, das könne nicht sein, weil Markus genau an diesem Tag bei ihm gewesen sei. Scheinbare Beweise beider Seiten zerplatzen, das Trio kommt vom eigenen Durcheinander auf das in der Welt zu sprechen und doch immer auf dieselbe Frage zurück: Wer war wann wo? Das ist der Kern des neuen Stücks von Iwan Wyrypajew, das in der kleinen Spielstätte des Chemnitzer Schauspiels, dem "Ostflügel", uraufgeführt wurde.

Es ist die zweite Auftragsarbeit des russischen Dramatikers für Chemnitz. "Illusionen" hieß die erste, 2011 uraufgeführt, immer noch im Spielplan und in etlichen Ländern nachgespielt. Nun also "Wespen stechen auch im November", der Regisseur ist wieder Dieter Boyer. Er hat es mit dem guten, alten Konversationsstück zu tun, kaum Handlung, viele Worte, mit einer Screwball-Comedy, die hier allerdings nicht ganz so leicht daher kommt wie sie es im Idealfall sollte.

Seiner selbst unsicher, aber bewaffnet

Ralph Zeger hat eine Zimmerkiste in den kleinen Raum gestellt, mit weißem Sofa, einem Mini-Urwald vor dem Fenster, dem Bett auf dem Dach und einem Schrank mit Madonna, aus dem Donald (Sebastian Tessenow) später einen Pelz und ein Maschinengewehr holen wird. Das sind kleine Absonderlichkeiten, die die Regie einem Text mitgibt, in dem nichts ist wie es scheint und jeder den anderen verunsichert, weil er selbst (seiner) nicht sicher ist.

Und so muss Robert (Michael Pempelforth) mit seinem Bruder Markus telefonieren (gespielt von einem Mikrophon), um sich versichern zu lassen, wo der an jenem Montag war. Doch Klarheit bringt das auch nicht. Sarah (Julia Berke) behauptet wiederum anderes als Donald, bis nicht nur die drei sich fragen, was hier eigentlich gespielt wird. Denn die Zeugin Frau Gudrun existiert ja nicht, obwohl sie doch gerade noch am Telefon war. Und Sarah gesteht ihre Fremd-Beziehung und dann doch wieder nicht. Und natürlich kriegen sich die drei darüber in die Haare, wackeln Freundschaft und Seelenleben.

wespen2 560 dieter wuschanski uSebastian Tessenow, Michael Pempelforth und Julia Berke  © Dieter Wuschanski

Wenn's regnet, wird man nass

So dreht Wyrypajew die Schraube immer weiter und Regisseur Boyer lässt seine Akteure angemessen Absurdes tun. Donald klettert bewaffnet aufs Dach-Bett. Sarah beginnt mitten im Gespräch kleine silberne Jesusfiguren auf Kreuze zu schrauben, ihr Mann Robert wird die Figuren einfach an die Wand nageln, kreuz und quer. Wenn von drei Tagen Regen die Rede ist, tritt Robert in eine Art Duschkabine und kommt pitschnass wieder raus. Und da man schon mal dabei ist, kommt man auf Gott und die Welt zu sprechen, auf Adam, Eva, den Apfel und den Baum, die Rolle der Frau (Sarah möchte so gerne einem Mann dienen, findet aber keinen, der das wert wäre). Und den Präsidenten, der wehrlose Kinder bombardieren lässt, bringt der Text auch noch im (Streit-)Gespräch unter, bei dem die drei mal kuscheln, mal sich anfauchen. Und wenn am Ende sich alle in Dankbarkeit umarmen, wie zum Schluss eines Seminars, bei dem man mal einfach über alles reden konnte, hat man eine hübsche, kleine, absurde Komödie gesehen – nicht mehr, nicht weniger.

 

Wespen stechen auch im November (Uraufführung)
von Iwan Wyrypajew, Übersetzung: Stefan Schmidtke
Regie: Dieter Boyer, Bühne und Kostüme: Ralph Zeger, Dramaturgie: Esther Holland-Merten. Mit: Julia Berke, Michael Pempelforth, Sebastian Tessenow.
Dauer: 1 Stunde 5 Minuten, keine Pause

www.theater-chemnitz.de

 

 
Kritikenrundschau

"Iwan Wyrypajew hat ein kluges Stück geschrieben, das philosophische Fragen nach Wahrheit, nach Wahrnehmung und Erkenntnis in einem alltäglichen Wohnzimmer verhandelt", schreibt Marianne Schultz in der Chemnitzer Freien Presse (23.2.2013). "Regisseur Boyer packt das Stück in einen banalen Alltag, seine Inszenierung gibt dem Ganzen nicht nur Denksport auf, sondern zeigt auch, dass Worte – und es fallen an diesem Abend sehr viele Sätze in einem aufgeheizten Schlagabtausch – auch Taten auslösen."

Von "einem schwachen Stück" und einer "redlichen Inszenierung" berichtet Hartmut Krug in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (22.2.2013). In Wyrypajews Text "prasselt" ein "Fragen- und Geschichtengewitter von widerstreitenden Haltungen und Antworten auf die Zuschauer ein. Die sich in diesem entwicklungs- und spannungslosen Redestück voller Klischees der bösen Wahrheiten wie in einer Dramatikerbastelstube fühlen."

Das Stück wisse nicht recht, was es eigentlich will, schreibt Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung (13.3.2013). Es beginne als ein Konversationsdrama. Im folgenden versteige sich die Debatte zunehmend ins Existenzielle, mit Gott und Schuld und Unglück und Einsamkeit als zentralen Themen. "Es sind Dinge, die in ihrer Allgemeinheit die Rolle desjenigen, der sie zu sprechen hat, sprengen und sich gar nicht mehr agieren lassen, außer in der leeren Übertreibung." Die Regie setze aufs Requisit; die Schauspieler müssten "allerhand unmotivierte Sachen tun". Müllers Fazit: "Wieder einmal verlässt man das Theater mit dem Eindruck, dass die Schauspieler mehr können als Regie und Stückeschreiber." Das sei traurig und tröstlich zugleich, "denn auf die Schauspieler kommt es an."

 

 
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