Irgendwie und so ein ein bisschen

von Ulrike Gondorf

Bonn, 6. Dezember 2007. "Ja, Praktikum ist halt schwierig, irgendwann will man das auch nicht mehr." Pascal, Ende 20, hört wahrscheinlich vor seinem inneren Ohr das zustimmende und ein klein wenig resignierte Aufseufzen seiner ganzen Alterskohorte.

Das ist der gemeinsame Nenner, auf den sich alle verständigen können, sie sind sogar schon klassifiziert als eine eigene Spezies: Generation P – die Dauerpraktikanten, die mit abgeschlossener oder abgebrochener Hochschulausbildung auf der Suche sind nach einer festen Anstellung und doch immer wieder nur das Angebot für das nächste Praktikum finden, für ein Taschengeld oder o.V. – ohne Vergütung.

Praktisch, prekär und provisorisch
Seit fünf oder sechs Jahren ist das Phänomen in Deutschland in den Medien und in der öffentlichen Diskussion, das "P" erweist sich dabei als vieldeutige Chiffre. Es kann für "Praktikum" stehen, auch für "Prekariat", wie Menschen ohne gesicherte Existenzgrundlagen auf Soziologen-Neudeutsch heißen. Der Bonner Theaterabend legt noch eine andere Bedeutung nahe: "P" steht für Provisorium.

Provisorisch, auf Widerruf, in Arbeits- und Lebensverhältnissen mit täglicher Kündigung existieren die sechs Personen auf der Suche nach dem wirklichen Leben, die die Textcollage "Generation P" aus vielen Gesprächen mit Betroffenen herausdestilliert hat: Pascal, der verkrachte BWL-Student, der lieber beim Film anfangen möchte. Marie, die Idealistin, die mit einem hohen Anspruch an das Berufsethos Journalistin werden will und bei jeder Bewerbung in die Endrunde kommt – aber eben nicht ganz ans Ziel.

Nina, die junge Immigrantin, die sich "fünf Jahre ganz harter Arbeit" vorgenommen hat und dann oben sein will, nur weiß sie nicht wo. Vielleicht im Investment-Banking, weil dort am besten bezahlt wird? Auch Kai, Katja und Markus sehen nicht klarer.

Immer neue Bauklötze für die Phantasie
"Die fragt mich immer, was ich denn will, und die Frage hab ich nicht verstanden", berichtet Markus geradezu empört von einem gescheiterten Bewerbungsgespräch – und merkt gar nicht, dass er das Psychogramm der Generation P auf den Punkt gebracht hat. Die Bühne, aus weißen, beweglichen Wänden, Podesten, Würfeln montiert, gibt diesen nie erwachsen werdenden Kindern die Bauklötze an die Hand, mit denen sie immer neue Phantasielandschaften auftürmen und wieder über den Haufen werfen können.   

"Irgendwie" und "so’n bisschen" heißen die Leitmotive, die sich durch diesen Text ziehen. In der szenischen Einrichtung des Regisseurs Frank Heuel ist er kunstvoll-kunstlos montiert, durch Wiederholungen, Verschachtelungen und Sprechen im Chor erfährt er streckenweise die Verdichtung einer musikalischen Partitur.

Das fringe-ensemble, das Heuel 1999 in Bonn gegründet hat und das inzwischen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern an vielen Orten Theaterprojekte realisiert, hat Erfahrung darin, Spielvorlagen aus realen Gesprächsprotokollen zu entwickeln. Die kommt dieser Koproduktion mit dem Theater Bonn zugute, das seinerseits den drei Mitgliedern des fringe-ensembles noch drei starke Schauspieler an die Seite stellt. In Arne Lenk entdeckt man an diesem Abend eine virtuose Begabung zum Kabarett.

Der Lebenstraum vom "eigenen Ding"
"Generation P" ist eine gelungene Gratwanderung, zum Heulen komisch. Denn der Abend denunziert seine Helden nicht, aber er macht sie auch nicht nur zu tragischen Opfern zynischer Marktmechanismen. Natürlich: billige Arbeitskräfte werden gern genommen, wenn ein knappes Angebot eine übergroße Zahl von Bewerbern erpressbar macht.

Aber die Vertreter der "Generation P", die Wohlstandskinder toleranter 68er Eltern, die uns hier sozusagen im Originalton entgegentreten, haben sich auch perfekt eingerichtet im Provisorium, das ihnen keine wirklichen Entscheidungen abnötigt. Nicht für einen Beruf oder einen festen Ort, nicht für einen Partner oder für eine Familie (wie kann man daran denken, ehe man eine gesicherte Existenz aufgebaut hat?) Sie müssen flexibel bleiben – und erhalten sich darin die Ungebundenheit und frei schweifende Zukunftsphantasie, die eigentlich nur Kinder ausleben. "Äh, davon träum ich, mein Ding zu machen."    

Generation P
Theaterabend aus dokumentarischen Texten
Kooperation von Theater Bonn und fringe ensemble
Regie: Frank Heuel, Bühne: Ansgar Baradoy, Kostüme: Annika Ley.
Mit: Justine Hauer, Maria Munkert, Laila Nielsen, David Fischer, Arne Lenk, Raphael Rubino

www.theater-bonn.de

 
 
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