Heavenly's Creatures

von Tim Schomacker

Münster, 22. Februar 2013. Wenn das kein Bild für Stillstand ist: Ein großer Ventilator steht mitten auf der Bühne und dreht sich vor sich hin. Er sieht dabei aus wie ein Propeller, der von einem Flugzeug träumt. Darüber hängen Hollywoodschaukeln wie Damoklesschwerter. Sie gehe jetzt auf die Veranda, wird die höhere, wenn auch verarmungsbedrohte Südstaatentochter Heavenly – was für ein Name! – am Ende sagen, und werde warten, bis einer von beiden Männern wiederkommt.

Frau zwischen zwei Männern

Doch diese beiden Garanten für eine mögliche Zukunft als (Ehe-)Frau scheinen sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedet zu haben: Dick Miles, den herzensguten wie euphorischen örtlichen Haudrauf, zieht es allein zum Dammbauprojekt. Der wohlerzogene und noch besser betuchte Arthur Shannon erweist sich plötzlich als heiratsunfähig, weil nach dem Selbstmord der Bibliothekarin Hertha Nielson das Schuldgefühl an ihm nagt. Er hatte sie, die ihn schüchtern liebte, im Suff erst bedrängt und dann beleidigt. Hier der kraftvolle Fluss-Bezwinger, dort der von sich selbst geschockte Mann: Zwei konträre Interpretationen von Männlichkeit verstellen Heavenlys Zukunftsaussichten.

fruhelingsstuerme2 560 jochen quast uÜbergriffig: Florian Steffens als Arthur Shannon bedrängt Lilly Gropper als Hertha Nielson
© Jochen Quast

In der Verandaschaukel

Im Bühnen-Mississippi von Tennessee Williams' 1937 geschriebenem, vor kaum zehn Jahren erst uraufgeführtem Drama "Frühlingsstürme" bleibt Heavenly die Veranda. Ihrem Taschentuch entströme ein "traurig süßer Duft, wie die Erinnerungen von alten Jungfern", heißt es. Herauswollen und nicht können. Elementare Freiheiten beschäftigen Williams im Jahrzehnt der Great Depression. "Frühlingsstürme" ist eingerahmt vom Bergarbeiterdrama "Candles to the Sun" und dem Dreiakter "Not About Nightingales" über einen Hungerstreik von Gefängnisinsassen.

Ist dort die Auflehnung, das Mühen um eine verbesserte Lebenssituation klar umrissen (Gewerkschaftsgründung, Hungerstreik), muss Maike Jüttendonk als Heavenly in Frank Behnkes deutschsprachiger Erstaufführung im Zaudern, in der letztendlichen Verweigerung der Liebes- und der Vernunftheirat den Aufstand proben. Sie sitzt die Entscheidung aus, um sich einen Rest Entscheidungsfreiheit zu erhalten. Um den Preis, selbst auf der traurig-süßen Verandaschaukel zu enden. Jüttendonk legt ihre Heavenly diskret an, ihr Spiel verrät nie, ob (und wenn ja wie weit) diese Figur jener Rolle innerhalb des strengen Sozialregimes der ländlichen Südstaaten-Mittelschicht voraus ist.

Prekäre Heiratspolitik

Als beim arrangierten Date mit dem reichen Arthur (Florian Steffens mit nicht versiegender Freude am Ausgestalten von Shannons kleinen und großen inneren Dämonen) schnell der gebührende Gesprächsstoff ausgeht, sagt sie: "Mutter sagt, ich bin eine Ignorantin. Da hat sie Recht." - "Hat sie nicht", antwortet er, worauf sie spottet: "Das ist schrecklich ritterlich von dir." Um sich dann besagtes Taschentuch zu Häschenohren gefaltet an den Kopf zu halten und kieksend die Dummheit selbst zu spielen – womit das Gegenteil gleich bewiesen wäre.

Für Heavenlys prekäre Position in der Heiratspolitik der finanziell angezählten Familie findet Behnke gleich zu Beginn ein schönes Bild: Inmitten der Ausgelassenheit ihrer Affäre funktioniert Dick Miles (Maximilian Scheidt lässt ihn geschickt zwischen Kraftprotz und Freigeist oszillieren) seine Angebetete zur maskentragenden Bauchrednerpuppe um, quiekt-spielt vom Bühnenrand lähmenden Hausfrauenalltag ins Publikum.

fruehlingsstuerme1 280 jochen quast uVon Männern verschaukelt: Maike Jüttendonk als Heavenly Critchfield © Jochen Quast

Aufgekratzter Stillstand

Auf David Hohmanns abstrahierter, neben Schaukeln und Ventilatoren nur wenige sprechende Requisiten in viel Fläche stellender Bühne ist Behnkes Inszenierung das Bemühen, den Text vorzustellen, deutlich anzumerken. Manche Szenen geraten etwas lang, weil Williams seine Figuren gern mal sagen lässt, was sich auch spielen ließe. Prägnanter wird's, wenn Behnke die engagierte Sozialstudie durch den Groteskefilter schickt. In David-Lynch-mäßiger Überdeutlichkeit läutet Mutter Esmeralda (Carola von Seckendorff) das Telefon heim: Statt des familienexistenzsichernden Arthur-Anrufs muss sie eine Nachricht des familienexistenzgefährdenden Dick verleugnen. Wie geborgt aus einem John-Waters-Film feuern beim späteren Gartenfest die alten Schachteln der besseren Gesellschaft Arthurs Namen durch Mikrophone – und tanzen zur einlullenden (wenn auch letztlich erfolglosen) Endlosschleife ihren bizarr-langsamen Swing. Aufgekratzter Stillstand.

Auch wenn "Frühlingsstürme" in Williams' Literaturkurs durchgefallen und in des Dramatikers Schublade verschwunden war: Wer befürchtet hatte, das Frühwerk sei aus gutem Grund so lange nicht zu Aufführung und Übersetzung gelangt, sah sich getäuscht. Klassiker wie "Endstation Sehnsucht" oder "Die Katze auf dem heißen Blechdach" mögen Figuren pointierter, vielleicht dramaturgisch geschickter herausarbeiteten. "Frühlingsstürme" reiht sich ein in eine lebendige amerikanische Tradition, an Enttäuschung und Enge sich abarbeitende Lebensentwürfe von Frauen zu erzählen – von den Romanen Edith Whartons ("Age of Innocence") bis zu jüngeren TV-Serien wie "Mad Men" oder "Gilmore Girls".


Frühlingsstürme (DEA)
von Tennessee Williams
Deutsch von Renate Wiens und Wolfgang Wiens
Regie: Frank Behnke, Bühne, Kostüme: David Hohmann, Musik: Kai Niggemann, Dramaturgie: Friederike Engel.
Mit: Regine Andratschke, Lilly Gropper, Claudia Hübschmann, Maike Jüttendonk, Hartmut Lange, Maximilian Scheidt, Florian Steffens, Carola von Seckendorff.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-muenster.com


Kritikenschau

"Frühlingsstürme" sei ein "packendes Stück", findet Manuel Jennen in der Münsterschen Zeitung (25.2.2013), "und es ist seiner Zeit weit voraus". Williams verleihe seinen Figuren eine Intelligenz und Reflektiertheit, die noch heute erstaunten. Begeistertes Lob zollt er dem Ensemble, dessen Sprechniveau sich seit dem Intendanten- und Ensemble-Wechsel "geradezu erschütternd gesteigert" habe: "Dieses Verdienst kommt dem neuen Schauspieldirektor Frank Behnke zu, der in den 'Frühlingsstürmen' angenehm zurückhaltend und konzentriert Regie führt."

Überraschend sei die Grundkonstellation im Tennessee-Williams-Stück "Frühlingsstürme" nicht, schreibt Harald Suerland in den Westfälischen Nachrichten (25.2.2013). Deshalb komme einem dieses Frühwerk des amerikanischen Dramatikers "geradezu vertraut" vor. Behnke hole in seiner DEA "seine Schauspieler so oft wie möglich an die Rampe, sorgt für eine dezent abstrahierende Darstellung, bei der stets Klarheit über die Schauplätze der Handlung herrscht". Und er vertraue "ganz auf die Kraft des Protagonisten-Trios". "Der große Premierenapplaus dieser Erstaufführung galt allerdings in erster Linie dem famosen Ensemble."

"Ein echtes Fundstück" hat Jürgen Berger erlebt, wie er in der Süddeutschen Zeitung (2.3.2013) kundtut. Behnke habe das figurenreiche Stück entschlackt und zeitspezifische Passagen gestrichen. "Vor allem aber kann Behnkes Inszenierung mit hoch engagierten Schauspielern punkten, was wiederum daran liegt, dass Tennessee Williams schon in jungen Jahren ein Meister der melodramatischen Tiefenschürfung war. Schauspieler lieben so was."

 

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