Das Leben der Aussortierten

von Jens Fischer

Hannover, 23. Februar 2013. Mit vollendetem Schweigen antwortet er auf jede Art von Romantik-trunkenem Anhimmeln. Aber nicht nur der Himmel ist leer. Auch die Bühne sieht aus, als wären dort längst alle ausgezogen – und als sollte das die innere Leere der Protagonisten spiegeln. Nur Spuren ihres Daseins sind noch wahrnehmbar, einige Fotos an den Wänden, Müll und ein paar Bücher auf dem Boden. Schlagermusik aus den guten alten Zeiten weht durch die Luft.

Zeit zum Abschiednehmen

Eine strahlend unsichere Frau schleppt als Erinnerungsalbum eine Matratze herein – wegen der dort gespeicherten Körperflüssigkeiten. In ihrem Prinzenglauben küsst eine arbeitslose Musikerin mal wieder einen froschhässlichen Mann. Ein Junge (Johannes Schumacher) grummelt hasserfüllt Bier in sich hinein. Um Liebesreste herauszupressen, klammert sich eine Frau (Lisa Natalie Arnold) an ihren Mann (Christian Kuchenbuch), der schon längst nichts mehr empfindet in seinem gelangweilten Selbstmitleid. Es ist Zeit zum Abschiednehmen: Fluchten in die nächste Stadt, mal rüber nach Amerika, in Nostalgie, den Alkohol oder Freitod. Nur ein hyperaktiver Freak (Hagen Oechel) erträumt eine selbstbestimmte Zukunft wider die eigene Verlorenheit – mit immer neu abstrusen Geschäftsideen.

heaven2 560 karl-bernd karwasz uMenschen in Schräglage: Lisa Natalie Arnold und Christian Kuchenbuch © Karl-Bernd Karwasz

"Heaven (zu tristan)" von Fritz Kater, Dramatiker-Ego des Regisseurs Armin Petras, derzeit noch Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters, will so schäbig und tragikomisch sein wie das Leben am Rande des globalisierten Kapitalismus. Da dieses keine großen Geschichten mehr hervorbringt, verwebt das Stück die Fragmente gescheiterter Geschichtchen und gebrochener Biografien zu einer lockeren Folge von Mono- und Dialogen. Wobei der präzise Realismus mit Zitaten der philosophischen, soziologischen und poetischen Weltliteratur gemästet wird.

Plattenbauparadiese zu Abrisslandschaften

Kater ist bekannt, beliebt und ausgezeichnet für diesen Stil, schreibt viele solcher Stücke. Aber nachgespielt werden sie selten. Die Hannoveraner Inszenierung des Kater-erfahrenen Sascha Hawemann ("we are blood" in Leipzig 2010) ist erst der dritte Versuch, mit dem Tristan-Mythos aus dem Nichts des ostdeutschen Alltags in den Himmel abzuheben. Von Bitterfeld-Wolfen aus, wo die Sonne einst nur fahl durch Tonnen von "Flugasche" schimmerte, wie Monika Maron in ihrem so betitelten Roman die "schmutzigste Stadt Europas" beschrieb. Mit der Wende kam die Entvölkerung. Plattenbauparadiese wurden zu Abrisslandschaften, Industrieareale zu Brachflächen. Mit den Wiedervereinigungs-Euro sind zwar historische Gebäude hergerichtet, Spaßbäder, Einkaufszentren, Fahrradwege gebaut, aber eine ökonomische Dynamik ist nicht so recht initiiert worden. Warten auf Aufschwung.

Das Hannoveraner Produktionsteam hat das vor Ort recherchiert und eine Diaschau mitgebracht, will aber nicht Heimatkunde betreiben oder gar Ostalgie fördern. So wird der Handlungsort weniger konkret, mehr als Metapher verstanden. Eine soziale Realität, die Menschen als unbrauchbar aussortiert. "Posttraumatische Depression" attestieren sie sich in dem Stück. "Ich habe kein Weltbild, ich habe nur eine Reihe von Brüchen in mir gesammelt".

Phantomschmerzen amputierten Lebens

Sehr genau hat Hawemann jeder dieser verlorenen Seelen einen Sprachgestus und ein kleines körpersprachliches Repertoire erarbeitet, sie zu Typen geformt. Es sind resignierte Haltungen zu sehen, durchpulst von Phantomschmerzen amputierten Lebens. Bewegungen geschehen im Widerstreit mit der Notwendigkeit, sich neu entwerfen zu müssen. Immer zu laut übertüncht werden die Physiognomien der Traurigkeit mit Frohsinn. Oder charmantem Kitsch: mal wieder Stern am Himmel eines anderen Menschen sein. Zum Weinen komisch, wie sich dazu Sarah Franke und Camill Jammal mit dem glitzernden Gefunkel von Lichterkettern behängen, um einander im Dunkeln anzulocken.

Auch sonst wird gern mit dem theatralen Material übertrieben, sodass es häufig lustig ist, den Figuren beim Leiden zuzuschauen. Richtig famos nebenbei gelingt es dem Ensemble (herausragend: Johanna Bantzer), immer wieder die Verzweiflung fragil mit Sehnsucht zu unterfüttern, dezent zu individualisieren, also nicht nur zum Mitschmunzeln, -lachen, -denken anzuregen, sondern auch zur Empathie zu verführen.

Trotzdem: Ironische Regie und einfühlsames Spiel und Überbauproduktion mit all den Text-Assoziationen und lustvolles Herausstellen des Spiel-im-Spiel-Charakters amalgamieren die Szenen nicht. Der Abend zerfällt, kann die Entwicklung zum großen "Tristan und Isolde"-Liebestod-Finale nicht verdeutlichen – bleibt Collage einer Atmosphäre: Leben in einer Stadt ohne Perspektive, in einer Gesellschaft ohne Utopien, wo die Melancholie den Personen zu Kopf steigt, lethargisch macht. Geradezu tschechowesker Leerlauf.


Heaven (zu tristan)
von Fritz Kater
Regie: Sascha Hawemann, Bühne und Kostüme: Alexander Wolf, Dramaturgie: Lucie Ortmann.
Mit: Lisa Natalie Arnold, Camill Jammal, Johanna Bantzer, Christian Kuchenbuch, Hagen Oechel, Johannes Schumacher, Sarah Franke.
Aufführungsdauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhannover.de


Mit seiner eigenen Uraufführungsinszenierung von "Heaven (zu tristan)" aus Frankfurt war Armin Petras 2008 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen.

 

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In unserem Niedersachsen-Schwerpunkt erschienen der Überblicksartikel von André Mumot Punktsiege auf dem platten Land sowie zahlreiche Besprechungen, die im nachtkritik.de-Lexikon-Beitrag Niedersachsen-Schwerpunkt versammelt sind.

 


Kritikenrundschau

"Heaven (zu tristan)" sei ein "bemerkenswertes Stück", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (25.2.2013). "Es ist realistisch, politisch, packend, witzig und tiefgründig." Es besitze "ein großes Thema (den Abbau Ost), ein paar hübsch miteinander verwobene Handlungsstränge und eine ziemlich beeindruckende geistesgeschichtliche Grundierung". Bei Sascha Hawemann auf der Bühne werde nun aber "ohne Unterlass hochtourig geblödelt" und dick aufgetragen. "Von Figurenzeichnung kann im Grunde kaum die Rede sein, denn fein gezeichnet ist hier nichts, alles ist eher mit breitem Pinsel gemalt". Dabei wäre es eine Herausforderung gewesen, "dem Stück, das zum groben Spiel einlädt, etwas Feines, Leises, Vorsichtiges entgegenzusetzen".

Hawemann "hat die Figuren zu Typen gesteigert und aufgedreht – die Phonstärke steht auf heftig", schreibt Evelyn Beyer in der Neuen Presse (25.2.2013). "Das stärkt die Theatralik, riskiert aber die Vielschichtigkeit." Kater mische das "Sozialkritische mit historischen und mythischen Stoffen auf" (wie mit der Tristan-und-Isolde-Fabel), und auch in der schrillen Inszenierung "schwillt gegen Ende manch Wagner-Ton düster dräuend zwischen der sonstigen Schlager-Lala an und bringt einen Hauch Tragik rein". Aber oft "droht in dem immer übersteuerten Treiben das Mitfühlen auf der Strecke zu bleiben, wird man als Zuschauer zum Voyeur des sozialen Grusels".

 

 
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