Siehe, der Mensch im Glaskasten

von Christian Baron

Naumburg, 23. Februar 2013. Zerzaust und sichtlich verwirrt sieht er aus, der alte Mann auf der Bühne. Wie er den Worten lauscht, die dieser kleine grüne Gnom mit riesigem Kopf über den Zauber des Dionysischen schwülstig formuliert. Interessiert, aber auch irgendwie stumpfsinnig. "Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches". Dass es dieser trostlose Greis selbst war, der einst als Jungspund jene pathetischen Sätze abfasste, kann er nicht wissen. Seine geistige Zurechnungsfähigkeit kam ihm schon vor elf Jahren abhanden. So bleibt er nunmehr sprachlos, als berufsmäßiger Unruhestifter im erzwungenen Ruhestand: Friedrich Nietzsche (Holger Vandrich) in seinen letzten Lebensstunden.

Zwei Herren im Haus

Hier setzt der Autor Rainer Lewandowskis mit "Ich bin ein göttlicher Hanswurst" an zu einer imaginären Reise durch Nietzsches Leben und Denken. Geblieben ist ihm zur Pflege nur noch seine Schwester (Katja Preuss), die am Werk des siechenden Friedrich herummanipuliert und sich einen bissigen Schlagabtausch mit Fritz liefert. Fritz (Betty Wirtz), das ist der erwähnte Wicht, der als Nietzsches Alter Ego umhergeistert, um die Erinnerung an intellektuell lichtere Tage wachzuhalten und ihrer Verfälschung durch die mit Hassliebe bedachte Elisabeth entgegenzuarbeiten.

goettlicher hanswurst4 560 nicky hellfritzsch uSchwere Last auf den Schultern: Holger Vandrich und Betty Wirtz © Nicky Hellfritzsch

Was ihm nicht gelingt, denn bewaffnet mit Schere und Klebstoff, schneidet die glühende Antisemitin einfach weg, was ihr nicht passt und flickt sich die Zusammenhänge nach Gutdünken neu zusammen, bis sie schließlich sogar anschlussfähig werden für die Nazi-Ideologie. Entsprechend antagonistisch teilt sich die Bühne in zwei Räume. Da wäre der leidende, in einem Glaskasten – der an seinen Naumburger Balkon erinnert – vor sich hin delirierende Nietzsche, ein in sich selbst gefangenes Subjekt. An der Wand steht "Ecce Homo", was nicht nur der Titel seiner Autobiographie ist, sondern im Deutschen auch programmatisch passend bedeutet: "Siehe, der Mensch!"

Innere Raserei

In einem Außen agiert der weise Fritz, der als nietzscheanische Jukebox daherkommt. Elisabeth wandelt zwischen diesen Welten, bisweilen tun dies jedoch auch die beiden Nietzsches. Symbolisiert wird damit das den Abend wesentlich kennzeichnende Abwägen zwischen dem von Nietzsche als das Apollinische bezeichneten traumhaft-scheinbaren, durch zuchtvolle Ordnung Gekennzeichneten (außen) und dem enthemmt-rauschhaften Dionysischen (innen).

Persönliche, tiefenpsychologisch bedeutsame Lebensstationen spiegeln sich stetig in diesem Kampf der beiden Dimensionen. Besonders viel Zeit nimmt die Aufarbeitung privater Scharmützel zwischen Friedrich/Fritz und Elisabeth ein. Da geht es in einer durch stürmisches Drehen der Vitrine plastisch dargestellten inneren Raserei um sein explosives Verhältnis zu Richard Wagner, seine ebenso leidenschaftliche wie erfolglose Schwärmerei für Lou von Salomé oder das Verhältnis der Geschwister zur Mutter. Einmal wirkt Nietzsche sogar urplötzlich komplett genesen und spaziert vergnügt durch Naumburg. In Kombination mit Betty Wirtz als Puppenspielerin, die dem wild räsonierenden Fritz durch expressive Intonation und variantenreiche Gestik eine Seele verleiht, erzeugt dieses siebzigminütige Gewimmel eine nebulöse Traumlandschaft.

Anregung für mehr

Auf Authentizität hat es Regisseur Martin Pfaff ohnehin nicht abgesehen. Davon zeugt zum einen die betonte Überhöhung von Kostümen und Maske. Wenn sich Elisabeth beim eifersüchtigen Wüten gegen Lou mal eben als Monster maskiert oder Friedrich sich den typischen Schnauzer abreißt und ihn seinem anderen Ich aufsetzt, dann wird damit dem Abend geradezu ostentativ jede reale Ebene entzogen und stattdessen ein assoziatives Feuerwerk gegeben. Ähnlich verhält es sich beim Umgang mit den historischen Fakten. Weder starb Nietzsche in Naumburg, noch konnte er im Endstadium gehen oder gar sprechen. Sei's drum: Wenn der Gnom im Glaskasten mit seinem geisteskranken Ich heftig kopuliert oder sich von diesem wie ein Baby zärtlich wiegen und streicheln lässt, während er selbstsicher aus dem eigenen Œuvre zitierend die Umwertung aller Werte fordert, dann lässt sich die intellektuelle Wucht seiner Ideen anschaulich erahnen.

Denken begriff Nietzsche als einen enthusiastischen Erregungszustand, er propagierte eine ekstatische Art, mit sich selbst befreundet zu sein. In ihren guten Momenten zeigt Pfaffs Darbietung in diesem Sinne, welches inszenatorische Potenzial in Lewandowskis Text steckt. Leider streift sie diese Aspekte nur grob. Wer wenig über Nietzsche weiß, kann deshalb nur Bahnhof verstehen. Dank der vielen Zitate bleibt diesem Teil des Publikums, sich am Nietzsche-Sound zu laben und über dessen poetische Qualität vielleicht sogar zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung angeregt zu werden. Alles in allem sicher nichts für ein tiefergehendes Verständnis seines radikalen Denkens. Als sequenziell-traumhafte Hommage an einen großen Denker taugt die Aufführung dagegen allemal. Oder im Duktus des Meisters: Viel Apollon, wenig Dionysos.


Ich bin ein göttlicher Hanswurst. Nietzsches Nacht der Erlösung (UA)
von Rainer Lewandowski
Regie: Martin Pfaff, Ausstattung: Andreas Becker.
Mit: Katja Preuss, Betty Wirtz, Holger Vandrich.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause.

www.theater-naumburg.de

 

Kritikenrundschau

Das von Martin Pfaff "grotesk umgesetzte und von den Darstellen mit beachtenswerter schauspielerischer Leistung aufgeführte Stück" sei eine "Hommage" an Nietzsche, schreibt Jana Kainz im Naumburger Tageblatt (25.2.2013). Wer Nietzsche nicht gelesen hat, wird seinem Bühnen-Alter-Ego Fritz und dessen Zitaten aus Nietzsches intellektuellem Schaffen zwar „nur schwer folgen" können. "Doch kann von einem 70-minütigen Stück auch schwer erwartet werden, Nietzsches Denken und Ideen verständlich aufzubereiten."

 

 
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