Müller-Mischung mit Tischfeuerwerk

von Rudolf Mast

Hamburg, 24. Februar 2013. Aus Berlin ist Trauriges zu vermelden: Im Deutschen Theater hatte Ende November 2012 eine Inszenierung von Dimiter Gotscheff Premiere, in der zahlreiche Stücke Shakespeares zur Sprache kommen. In der ersten Szene stellt Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige die Frage, was nach dem "Tod des Königs" passiert. Die folgenden gut drei Stunden befassen sich folgerichtig mit der Frage nach der Legitimation von Macht und deren Ausübung. Die Leistung der Inszenierung ist, dass sie dem Thema mit intellektueller Durchdringung, vor allem aber mit spielerischen Mitteln nachgeht und deshalb politisch ist, ohne je ideologisch zu werden. Genützt hat es ihr wenig: Die Kritiken waren ablehnend, das Publikum blieb aus, am 5. März läuft die letzte Vorstellung.

leeres010 560 krafft angerer hDer "Mann aus dem Fahrstuhl" – Alexander Simon mit Brandenburger Tor. © Krafft AngererDeshalb den "Theatertod" auszurufen wäre verfrüht – auch wenn so ein Gedicht Heiner Müllers überschrieben ist, dessen erste Worte der neuesten Inszenierung Gotscheffs den Titel geben. "Leeres Theater" hatte am Sonntag in der Hamburger Gaußstraße Premiere, der kleinen Spielstätte des Thalia-Theaters. Und wie "Shakespeare" am DT ist auch diese Inszenierung als Arbeit an und mit Fragmenten angelegt, hier in Gestalt von Texten Müllers aus, so die Ankündigung, der Zeit nach 1989.

Ein durchsichtiger "Mommsens Block"

Der historische Rahmen, in dem sich der Abend bewegt, wird schon in der ersten Szene abgesteckt, und das mit einfachsten Mitteln: Auf dem langen Tisch, der mit acht Stühlen unter einem übergroßen Lampenschirm steht (Ausstattung: Jochen Hochfeld), baut Barbara Nüsse ein Brandenburger Tor in Miniaturformat auf, hinter dem sie ein Tischfeuerwerk abbrennt, das die Mauer fallen lässt. Dann nimmt Nüsse am entfernten Ende des Tisches Platz und spricht "Mommsens Block", Müllers Langgedicht über die Unmöglichkeit, unter widrigen historischen Bedingungen zu schreiben, zu arbeiten, kreativ zu sein. Den monströsen Text spricht Nüsse so, dass er geradezu durchsichtig wird, und dazu steht nicht im Widerspruch, dass der Monolog eine geschlagene halbe Stunde dauert, ehe die erste Gruppenszene der sechs Darsteller folgt.

In dieser Struktur gleich der Hamburger Abend dem Berliner, der ebenfalls zwischen Einzel- und Gruppenszenen wechselt, und auch die Dauer der Aufführung ist gleich. Überhaupt sind die Gemeinsamkeiten groß, doch das gilt auch für die Unterschiede. Schließlich handelt es sich um andere Texte und um andere Schauspieler, und daraus ergibt sich auch ein anderes Spiel. Das zeigt sich bereits, wenn Alexander Simon zum zweiten Monolog ansetzt, "Der Mann im Fahrstuhl" aus dem "Auftrag" – ganz mochte Gotscheff auf Texte von vor der "Wende" nicht verzichten –, den er in gänzlich anderer Beleuchtung gänzlich anders gestaltet als Nüsse ihren, indem er nicht das Tempo, sondern die Lautstärke variiert.

Die Machtstrukturen verweigern

Kein Wunder, denn solche Texte sind nicht das tägliche Theaterbrot, und ein anderer Typus findet einen anderen Zugang. Auf faszinierende Weise erleben lässt sich das in der Folge auch an Oda Thormeyer, die die "Todesanzeige" spricht, Müllers Text zum Tod seiner Frau, Marina Galic mit den Frauenpartien der "Hamletmaschine" und, nach der Pause und einem "Panzerschlacht"-Duett aus "Germania 3" im Foyer, Sebastian Rudolph mit "Ajax zum Beispiel", der den Versen durch "falsche" Betonung neue Bedeutungen entlockt. Der letzte, ohne Bewegung im Raum vorgetragene Monolog gehört Patrycia Ziolkowska und "Herakles 2". Wie die Aufzählung belegt, kommen nicht nur verschiedene Darsteller mit anderen Spielweisen zu Wort, sondern auch unterschiedliche Textarten, Prosa, Lyrik und Drama, zu denen sich in den Gruppenszenen weitere Texte und Genres mischen.

Statt diese Individualität einem "Regiewillen" zu opfern, gibt Gotscheff dieser Andersartigkeit nicht bloß Raum, sondern arbeitet sie heraus. Dafür achtet er darauf, dass alle Monologe nahezu gleich lang sind, sodass die herkömmliche Unterscheidung von Haupt- und Nebendarsteller ihren Sinn verliert. Auf diese Weise holt die Inszenierung über das Spiel ein, was sie als "Inhalt" verweigert. Dafür hat sie gute Gründe, denn alles andere hieße, exakt die Machtstruktur zu reproduzieren, die Müller als Quelle von Gewalt thematisiert. Im Gegenzug verschafft sie sich die Möglichkeit, unter widrigen historischen Bedingungen zu arbeiten, kreativ zu sein.

In diesem "Schweigen des Theaters", wie Müller es vor 30 Jahren in einem Brief an Gotscheff genannt hat, besteht wohl die Klugheit von dessen Arbeit. Ob es ihr in diesem Falle nützt, Kritik und Zuschauer sie annehmen? Zu wünschen wäre es allen dreien, der Inszenierung, den Schauspielern und nicht zuletzt dem Publikum. Denn eines ist klar: Theater muss nicht immer so sein, und vielleicht sollte es das nicht einmal. Aber wenn es nicht einmal mehr so sein kann, dann ist wahrlich etwas faul.

 

Leeres Theater – Heiner Müller: Träume, Witze, Atemzüge
Regie: Dimiter Gotscheff, Ausstattung: Jochen Hochfeld, Dramaturgie: Carl Hegemann.
Mit: Marina Galic, Barbara Nüsse, Sebastian Rudolph, Alexander Simon, Oda Thormeyer, Patrycia Ziolkowska.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Alexander Kohlmann schreibt auf der Website von Deutschlandradio Kultur (24.2.2013, 23:05 Uhr), "die Tragik" Heiner Müllers sei Klammer dieses "musealen Theaterabends". Stark der Auftakt, wenn Barbara Nüsse im Dunkel der "Internationalen" lausche und "Mommsens Block" rezitiere, bei dem es Müller angesichts des Willens seiner Landsleute zur Vereinigung buchstäblich die Sprache verschlagen habe. Aber dann folge "doch wieder eine bloße Aneinanderreihung von Müller-Texten und Fragmenten", die nach über 20 Jahren "deutlich Patina angesetzt" hätten. Heiner Müller sei "kein zeitgenössischer Dichter mehr", aber Gotscheff inszeniere ihn "eins zu eins wie eh und je". Das "Drama des Intellektuellen, der von der Realität überrollt wurde", bleibe "unerzählt", dafür gäbe es ein "allerdings glänzend gespieltes Müller-Museum". Je länger man zuhöre, desto mehr fasziniere diese Wiederbegegnung. Das Museum wecke die Sehnsucht nach einem Müller von heute.

Michael Laages macht in Kultur heute auf Deutschlandfunk (25.2.2013) zwei Vorbemerkungen: gut, dass Gotscheff ohne "Familie", ohne die übliche "Entourage" arbeite. Und: natürlich handele es sich bei den Texten keineswegs nur um Müllers Spätwerk. Aus vielen Spielansätzen werde an diesem Abend nichts. Vom abgründigen Witzereißer Müller bleibe in Hamburg oft nur "Werbepoesie". Doch gebe es auch große Momente: mit Barbara Nüsses Vortrag von "Mommsens Block" und Alexander Simons "Mann im Fahrstuhl", der sei als Spielentwurf, von der Karriereleiter direkt in die Dritte Welt geworfen, immer noch ganz von heute. Anderes bliebe "hohl und fahl" und generell nehme sich der lange Abend an zusammen geschobenen Tischen manchmal "wie eine Leseprobe" aus. Das sei zu wenig: Wer Müller vor dem Museum retten wolle, "müsste wieder lernen, Müller und mit Müller zu spielen".

Dagegen schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (26.2.2013): überwiegend späte Müller-Texte montiere Gotscheff zu einer "erstaunlich spielfreudigen Collage". Es gebe wenig Gruppenszenen, dafür habe jeder in "dieser vorzüglichen Besetzung" seinen Soloauftritt. "Und so unterschiedlich sie sind, sehenswert sind sie alle". Es könne sein, dass Dimiter Gotscheff mit seinem "konsequenten Verweigern jeder Anbiederung an sein Publikum" der "wahre Avantgardist des Theaters" sei. Sein "Gedankentheater" behaupte sich mit den Mitteln des Spiels gegen den "monströsen Steinbruch des Müller-Textes" und lasse ihm "Raum zum Atmen". Ein "Theaterabend, wie es ihn selten gibt, der Lust auf die ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Autor und seinen Themen weckt ...".

 

 
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