Bald bin ich tot und habe nichts geschafft

von Nikolaus Merck

Weimar, 16. März 2007. "Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen" ist das sechste Theaterstück der noch nicht 30jährigen Berliner Autorin Tine Rahel Völcker. Fünf thirty somethings in einem östlichen „Randbezirk“. Plattenbau, Beton, Suff und Nazis - vielleicht nur eingebildet, vielleicht real -, eine Art post-sozialistischer Lebenssackgasse. Wer von hier noch nicht abgehauen: ist schon tot. Sogar die wenigen Bäume, an denen Herr und Hund das Bein heben, werden morgen abgestorben sein.

Holm und Johanna sind gerade eingezogen. Ein Liebespaar auf der Flucht vor der Gesellschaft. Der genialische Jung-Architekt Holm will nichts mehr bauen – "steht doch genug rum" –, er bastelt lieber Modelle, die er danach zerstört. Johanna will endlich in Ruhe ihre Examensarbeit über den Nationalsozialismus fertig schreiben. Um ohne Aussichten auf Einkommen in der selbst gewählten Askese zu überleben, brauchen die beiden den guten Freund Fritz. Der steckt ihnen nicht nur das nötige Geld zu, der Schüchterne ist auch unsterblich in Johanna verliebt, bloß traut er sich nicht, mit ihr aus "der gleichen Chips-Tüte" zu essen.

Dazu kommen Alexander, Holms minder begabter, aber skrupelloser Kollege und seine Freundin Chantal mit guten Verbindungen und Lust auf exotische Lebenswelten. Natürlich geht’s wie es gehen muss. Alexanders Lockungen, ein Einkaufzentrum zu bauen, kann Holm nicht lange widerstehen. Chantals Verführungskünste tun das Ihre dazu, dass er seine Überzeugungen so rasch ablegt, wie er sie wohl angenommen hatte. Während es dem Verlierer Fritz nicht einmal gelingt, auf "Irrenwärter" umzusatteln, wird Johanna wirklich verrückt. Sie driftet in eine von Nazis und Krieg beherrschte Wahnwelt ab, glaubt, dass Holm gestorben und statt seiner ein Mieter mit gleichem Aussehen bei ihr eingezogen sei. 

Ei! 

Ei! möchte man beim Lesen ausrufen, ei, da seid ihr ja wieder ihr Mythengespinste, ihr guten Bekannten alle miteinander: Holm, das Genie mit Verweigerungs-Attitüden, Potential zum Oscar Wilde genauso wie zum Landkommunarden mit Una-Bomber-Neigungen; Johanna, die Märchenprinzessin im Alptraumasyl, an der Seele wund wie eine Prinzessin auf der Erbse am Po. Oder Chantal, bedrohliche Muse vom Ausmaß einer Alma Mahler-Werfel, böse Fee und Schweizer Exzentrikerin, die ihr Leben in der Platte als hippe Kunstaktion inszeniert. Alles gut gemachte Karikaturen, Personal einer "Gefährdete Jugend Ost"-Soap, aber in Wirklichkeit Archetypen, die in Märchen à la Grimm oder Hollywood von je her die Probleme des Erwachsenwerdens aufführen.

Die Uraufführung des Werkes in Weimar hat Tilman Köhler besorgt. Erstaunlich, wie der just zum Berliner Theatertreffen eingeladene 27-jährige alle Fallen des Realismus souverän umgeht. Keine Lebenswelt-Gerätschaften auf der Bühne des E-Werks, bloß Karoly Risz’ hölzernes Spielelement, links und rechts von Zuschauertribünen eingefasst. Ein Regal für Menschen, die anstatt miteinander nur gegen die Wand, wie gegen ein Brett vorm Kopf anreden. Erzählstark Susanne Uhls Kostüme, besonders Paul Enkes dandyeske Holm-Kluft, in creme mit lichtgrauer Weste und karierten Schuhen – ein Augenschmaus.

Und selbstverständlich legen die jungen Schauspieler Paul Enke, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Jonathan Loosli und Antje Trautmann das Grundproblem klar dar: Wie wächst ein Ich, entwickelt sich "Identität", hin und her gerissen zwischen Gesellschaftszwängen und eigenen Überzeugungen? Wenn sie gemeinsam um ihr Regal herum marschieren und rufen, immer lauter und drängender rufen: "Bald bin ich tot und habe nichts geschafft", klingt mit Don Carlos’ "23 Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan" folgerichtig auch Schillers Tarzanschrei aller deutscher Identitätsdramatik im Ohr.

Zuviel, zu lang, zu Suada 

Aber die gleichfalls fast Schillersche Ausmaße annehmenden Suaden zehren die spielerischen Elemente, die Abstraktionen, mit denen sich Köhler die Plattheiten der Textvorlage zunächst vom Leibe hält, je länger der Abend dauert zusehends auf.

Dabei hatte es so schön begonnen. Mit Orie Takada, die oben auf dem Dach des Menschenregals fremdartige Töne in ein Mikrophon sang. Derweil aus dem roten Schein der Unterwelt (in der Unterbühne) die Spieler mit sackartigen Masken wie  Lemuren sich empor wanden und geschmeidig das Spielgerüst erkletterten.

Diese wie Energie pur wirkende Spiellust wird den ganzen Abend über nicht versiegen. Sie wird noch leuchten und jede Haltung, jede Rede gleichsam von innen vibrieren lassen, wenn Holm vor Scham in den Erdboden versinken möchte, weil er seine Ideale für ein Appel und ein Einkaufszentrum verraten hat, wenn Johanna am Kiosk auf SS-Schergen stößt oder im eingebildeten Widerstandskampf gegen die Nazis ihre nackte Haut beschriftet, um sich selbst in eine "Quelle" für zukünftige Historiker zu verwandeln.

Es klingt eigenartig, doch die Inszenierung scheitert zuletzt an der bravourösen Energie, mit der Köhler und seine  Rasselbande noch die Desillusionierung darzustellen versuchen. Wo sie recht besehen die Schmerzen der Ent-Täuschung, wohlmöglich eine Art inneres Verstummen ereilen müsste: nichts davon. Bloß Augenrollen, Armeschlenkern und Haareraufen. Erwartbar und überflüssig die apokalyptische Geste am Schluss, wenn Johanna den Krieg in ihrem Kopf überlebt hat und Holm endgültig auf und davon geht: Im Höllen-Rotlicht vom Beginn steht Holm allein und Bomben regnen auf seine, auf unsere Welt.

 

Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen (UA)
von Rahel Tine Völcker
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl.
Mit: Paul Enke, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Jonathan Loosli, Orie Takada, Antje Trautmann.

www.nationaltheater-weimar.de


Kritikenundschau

Die Meinungen über Tilmann Köhlers Uraufführung von Tine Rahel Völckers Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen sind gemischt aber in der Summe eher positiv (21.3.2007).

Volker Trauth beschreibt in Fazit auf Deutschlandradio (16.3.2007) wie großartig er das Spiel des Hauptdarstellers Paul Enke fand (woran Zweifel erlaubt sind), er sah das Talent von Köhler bestätigt, fand aber wie andere auch, die Inszenierung franse am Ende aus.

Wolfgang Hirsch schreibt in der Thüringer Landeszeitung von der "beklemmenden Potenz", die Köhler durch "dem Spielcharakter der Wirklichkeit abgewandte Momente" gewönne,  beschwert sich aber ein bisschen über die Längen des Textes um am Ende Ina Pionteks "Jeanne d'Arc der postsozialistischen Vorstadt" und die ganze Aufführung zu einer eindringlichen Zeitdiagnose hochzujubeln.

In der Thüringer Allgemeinen schreibt Henryk Goldberg, dass er sich nicht recht für Figuren und Plot interessieren konnte, das Problem "solcher Abende" sei, dass die Figuren ständig unter einer "auch künstlich erzeugten Spannung" stünden (recht hat der Mann), die von den "Vorgängen selten getragen" würde.

Irene Bazinger in der FAZ war, wie üblich, wenn sie in den Osten reist, eher milde gestimmt und sah, trotz einiger Einwände, die sie aber der Jugend der Beteiligten zuschreibt, eine "treffliche" Aufführung mit einem "tollkühn aufspielenden" Paul Enke als Holm.

"Eine solche Uraufführung kann sich ein Autor nur wünschen", bilanziert  Roberto Becker im Neuen Deutschland (20.3.2007) seine Kritik. In einem Absatz seiner interessanten Auseinandersetzung mit Völckers Stück bringt er die Architekturkritik ("gescheiterte urbane Verdichtung der Moderne") mit den "Symptomen einer Lebens- und Sinnkrise der nach Achtundsechzig Geborenen" in Zusammenhang (hmmm!), um zu bemängeln dass "materielle Armut zur Alternative für Aussteiger" würde, weil denen aber der Rückweg nicht endgültig versperrt sei, gelte das gar nicht wirklich, bliebe die selbst gewählte Askese der Mittelstandskids immer eine "Perspektive von Außen" - soll woll heißen, wer nicht in echt arm ist, der kann gar nicht mitreden. Na dann, Oskar Lafontaine.

Katrin Bettina Müller in der taz (20.3.2007) entdeckt überraschenderweise schon in der Unterzeile in Völckers Stück den "protestantischen Narzissmus als Widerstand gegen eine falsche Welt". Sie weist auf die Korrespondenz von Text und Inszenierung hin, wenn es bei Völcker heißt:  "... man muss die Quellen der Ablenkung aufs Äußerste reduzieren. Dann ist man frei im Kopf", registriert sie "Blumenkohlköpfe" als "fast die einzigen Requisiten der Aufführung". Den entscheidenenden Verdacht gegen das Stück, von dem sie aber auch die Inszenierung nicht ausnimmt, lautet: "Jeder ihrer Figuren hat die Autorin sehr genau konturierte Strategien, sich mit den Fragen des Sinns und der Teilhabe an der Gesellschaft auseinanderzusetzen, mitgegeben; allein, gerade weil sie den Weg von Karriere, Egoismus und Konsum nicht gehen wollen, verheddern sie sich in einem Gestrüpp selbstbezüglicher Reflexionen. Und je wütender sie die Partizipation am Falschen verweigern, desto mehr wächst der Verdacht, dass sie sich die Bösen draußen vor der Wohnungstür selbst erfinden, als Rechtfertigung ihrer Existenz im Widerstand."
How, ich habe gesprochen.

Und ganz spät, es ist ja nur Weimar, klappt auch noch Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung hinterher. Unübersehbar, dass er Völckers Stück für rechten Unsinn hält, wohl kaum besser als die früheren, "kraftlos hingetupften". Er äußert sich freundlich, wobei Herablassendes mitschwingt, über Schauspieler und Regie, interessiert sich aber viel mehr für die besondere architektonische Weimarer Konstellation mit ihrer Konfrontation von Bauhaus, ideell, deshalb nicht zu sehen, und Nazi-Gauforum, nicht zu verfehlen oder zu umgehen am Rand der Innenstadt.

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