Die unerträgliche Leichtigkeit des Heilig-Seins

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 7. Dezember 2007. Auf den besten Moment des Abends müssen die Zuschauer drei Stunden lang warten: Dann hält Johanna ihren Schlussmonolog, geht forschen Schrittes in den Bühnenhintergrund und lässt die Tür leise, aber bestimmt ins Schloss fallen. Black. Ein starker Abgang für die Jungfrau von Orleans, die ihr Heil hoffentlich im Jenseits findet.

Franziska Hackl spielt sie als äußerlich zartes Mädchen, das mit der göttlichen Lizenz zum Töten auf die Schlachtfelder des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England zieht. Beseelt von ihrer göttlichen Mission vollbringt das Kind wahre Wunder. Die Regisseurin Schirin Khodadadian inszeniert das, wie von Schiller gewünscht, als Tragödie mit romantischem Einschlag. Seinen weichgespülten Blick auf die wahnsinnige und unheimlich faszinierende Figur Jeanne d'Arc macht sie sich zu eigen und gibt ihrer Johanna doch einen ganz eigenen, kindlich-fröhlichen Touch.

Witzfigur mit wehendem Haar

Johanna ist bei ihr naive Gotteskriegerin, die nichts vom Leben und alles vom Himmel weiß. Mal klingt das Mädchen wie eine verbohrte Sektenanhängerin, mal wie ein altkluges Gör. In ihrem weißen Kleidchen und den derben Stiefeln an den Füßen wirkt sie wie ein unschuldiger Teenager und zögert doch nicht, dem Feind ihre Lanze ins Herz zu bohren. Alles im Namen der heiligen Vaterlandsliebe, die auch ihrem König Karl VII. gilt. Der ist in Mainz ein Waschlappen von einem Mann. Ein Weichei, das die Schlacht schon verloren gibt, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Gregor Trakis spielt den König als Witzfigur mit wehenden Haaren und Schlabberlatz vor der Stirn. Seine Truppe sieht aus wie eine gelangweilte Zuhälterbande, Graf Dunois (Florian Hänsel) wirkt so schmierig wie der später wieder eingemeindete Herzog von Burgund (Felix Mühlen). Die feindlichen Engelländer hingegen machen einen einigermaßen smarten Eindruck, was der romantischen Liebe-auf-den-ersten-Blick-Szene zwischen Johanna und dem englischen Feldherren Lionel (Thomas Prazak) nur gut tut.

Bohrende Unschuld

Denn die Regisseurin inszeniert diesen Wendepunkt als hübsch beschwingte Neckerei. Johanna scheint befreit. Zum ersten Mal nicht in Gottes Auftrag unterwegs, wirkt sie fast glücklich – jedenfalls für einen kurzen Augenblick. Doch ihr Glaube sieht keinen Himmel auf Erden für sie vor. So kehrt sie der Welt schließlich den Rücken. Jenseits des echten Lebens lässt es sich ja auch viel leichter heilig sein.

Carolin Mittler, die auch für die Kostüme verantwortlich ist, hat dem Ensemble einen riesigen Bretterverschlag auf die Bühne gestellt, der, auf einem Gerüst befestigt, als fahrbarer Szenenwechsler fungiert. Am Anfang durchtrennt die Bretterwand schräg die Bühne, im Laufe des Abends markiert das Gerüst immer wieder unterschiedliche Orte. Die Bretter lassen sich herausnehmen, dienen den Akteuren dann als Waffen und das ganze Gerüst als stimmungsvoller Geräuschemacher: Während der Gefechte fliegen Rüstungen darüber oder schrammen Schwerter an den Eisenstangen entlang. Bei Angriffen erstürmen die Schauspieler die Bretterwand und nehmen sie wie eine Festung ein. Mehr Kriegskulisse ist nicht nötig. Das Grauen als tolles Brett(er)spiel.

Gottesfürchtiges Geschwätz

Khodadadian befreit die Geschichte aus ihrem historischen Rahmen, indem sie ihr ein zeitloses Gesicht verleiht. Dabei vertraut sie so manches Mal auf stille Momente, die einem bisweilen allerdings ebenso auf die Nerven gehen wie das gottesfürchtige Geschwätz der heiligen Johanna. Schon gleich zu Beginn kommen die Schauspieler auf die Bühne, ohne dass einer Anstalten machte, etwas zu sagen. Solche in sich gekehrten Augenblicke und Verzögerungen bringen den Abend aber nicht voran, sondern ziehen ihn nur unnötig in die Länge.

Aus der theatereigenen Zeitung erfahren wir, dass die Frage nach der Menschlichkeit in dieser Inszenierung im Zentrum stünde: "Was macht uns zum Menschen? Was heißt es, ein Mensch zu sein? Kann man in Zeiten von Krieg und Verrohung menschlich bleiben?" Dazu hätten wir gern noch mehr erfahren und nicht nur, dass Johanna längst nicht so überirdisch ist, wie sie tut. 

 

Die Jungfrau von Orleans
von Friedrich Schiller
Regie: Schirin Khodadadian, Bühne und Kostüme: Carolin Mittler.
Mit: Franziska Hackl, Gregor Trakis, Florian Hänsel, Felix Mühlen, Thomas Prazak.

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

"Mit viel Tempo", schreibt Ursula Böhmer in der FAZ (10.12.2007), erzähle Regisseurin Schirin Khodadadian vom Auf und Ab des Glaubenskampfs um die "Jungfrau von Orleans". Am Ende geht Johanna mit einem gemischten Text von Schiller und Felicitas Hoppe ab, unnötig befindet Frau Böhmer, man habe schon kapiert, worum es gehe. Bei Schiller sei "der Himmel los", bei Khodadadian "der gesunde Menschenverstand". So gut sich das alles ansehe, für Schillers "klassische Sprachmusik" habe Khodadadian kein Ohr. Sie bleibe die Sprache schuldig. "Hier spricht man Schiller, aber modern. Ohne Rhythmen, Ritardandi und Accelerandi oder gar Fermaten. Man artikuliert rasend schnell. Ein Presto ohne Musik. Schiller ohne Schillern."

In Mainz sei "gut zu sehen", dass es Friedrich Schiller "nur am Rande um religiösen Fanatismus zu tun" war, vielmehr sei es ihm "um einen politischen und auch politisch motivierten Fanatismus" gegangen, schreibt Judith von Sternburg auf FR online (10.12.2007). Unvermittelt werde so in Khodadadians Aufführung "aus einem Haufen tölpelhafter, frustrierter Männer tatkräftige Anhänger einer charismatischen Anführerin". Weil indes Schirin Khodadadian Johanna so sehr möge, "wie ja auch Schiller sie sehr mochte", falle es schwer, "die Gotteskriegerin in ihr zu entdecken". Die weitgehende Ungebrochenheit, mit der die Regisseurin dem Dichter folge, "hat einen Vor- und einen Nachteil". Der Vorteil sei "die unpeinliche Erzählweise." Manchmal dürfe es auch einfach still sein. Dann bemerke man den Nachteil. In diesen Pausen "findet nichts statt, außer dass nicht gesprochen wird."

Stefan Benz im Darmstädter Echo (10.12.2007) schüttelt rundweg den Kopf: Franziska Hackl als Johanna komme "mit Rock und wärmender Weste daher wie eine Pädagogikpraktikantin" und habe sicher "keine göttliche Mission, nur einen erzieherischen Auftrag". Und ebensowenig hätte "die Regisseurin eine Vision". "Statt romantischer Tragödie gibt es Waffenstillstandsverhandlungen mit einem Klassiker: Nur irgendwie ohne Verluste durchkommen". Die Verluste aber gäbe es dann doch: Die Inszenierung sei "ohne Kraft, ohne Idee und über weite Strecken ohne jene Sprechkultur, die dieser Klassiker erfordert".

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