Vom Stilbruch nie genug bekommen

von Thomas Rothschild

Basel, 8. März 2013. Ein Schlafzimmer, vielleicht in einem Hotel, mit blaugeblümter Tapete, türkisfarbenen Schleiflackschränken mit weit oben eingebautem Kühlschrank, ein Schminktisch mit Spiegel, Telefon und Blumenstrauß. Da könnte eine Boulevardkomödie passieren oder auch ein Stück von René Pollesch. Aber im Doppelbett sitzen ein Mann und eine Frau, er in der Uniform eines Hotelpagen, sie im Habit eines Stubenmädchens. Sie sitzen nicht nur da, sie singen. Da stakst durch das Zimmer eine bieder aussehende untersetzte Frau mit Handtasche und verlässt es wieder. Später wird sie mit einem Rückenkratzer Spaghetti aus der Handtasche holen und verspeisen. Nein, das ist keine Boulevardkomödie und auch kein Stück von René Pollesch. Wir befinden uns unverkennbar in der Welt von Christoph Marthaler.

"Immer dasselbe!!"

Thomas Bernhard habe immer den gleichen Roman geschrieben, Vivaldi habe keine vierhundert Konzerte geschrieben, sondern eines vierhundert Mal, Christoph Marthaler inszeniere immerfort die gleichen Einfälle. Solche Ansichten machen die Runde – kolportiert von Menschen, die Sonntag für Sonntag das gleiche Wiener Schnitzel essen. Wer Schnitzel mag, wird dagegen nichts einzuwenden haben. Wer jedoch Gulasch bevorzugt oder Kaiserschmarrn, mag dem Schnitzel ebenso wenig abgewinnen wie Strawinsky den Konzerten von Vivaldi.

kingsize4 560 simon hallstroem uIm Blümleintal zur süßen Ruh': Bendix Dethleffsen, Michael von der Heide, Tora Augestad. 
© Simon Hallström

Die Fans von Christoph Marthaler können von seinen Arrangements, seinen Bühnenkompositionen nicht genug kriegen, wie Bernhard-Fans von dessen Suaden oder die Fans der Commedia dell'arte, des Western oder des "Tatorts" von deren nur gering variierten Exemplaren nicht genug bekommen können. Marthaler – das zumindest werden auch seine Verächter konzedieren – ist in der gegenwärtigen deutschsprachigen Theaterlandschaft einzigartig, und was er immer wieder ausprobiert, vermag, wenn man dafür eine Antenne hat, stets aufs Neue zu faszinieren. Dem sprachorientierten Theater hat man in den vergangenen Jahren mehr oder weniger stereotyp das Bildertheater gegenübergestellt, und bei dieser Alternative muss man Marthaler ohne Zweifel dem Bildertheater zurechnen. Was ihn aber von den anderen Regisseuren dieser Richtung unterscheidet und im übrigen mit Thomas Bernhard verbindet, ist die starke Prägung durch die Musik. Damit ist nicht allein die Verwendung von Musik gemeint, die ja oft gedanken- und funktionslos auswuchert, sondern auch die Übertragung musikalischer Strukturen in die Kunst des Sprechtheaters.

Durch Abwesenheit zum Thema machen

Nach der aufwändigen Händel-Produktion Sale an der Zürcher Oper ist Marthaler nun zum intimen Format seines Basler Verdi-Verschnitts Lo stimolatore cardiaco zurückgekehrt, auf der Kleinen Bühne des Basler Theaters und einmal mehr mit der wunderbaren Schauspielersängerin Tora Augestad. "King Size" huldigt nicht einem einzelnen Komponisten, sondern dem Stilbruch als Prinzip. Ungeniert steht da Robert Schumann neben den Kinks oder der Münchner Freiheit, Beethoven neben Michel Polnareff, Alban Berg neben dem Lied von den Königskindern, die einander so lieb hatten. Ein Potpourri, das so selbstverständlich daher kommt, als gehörte es zum musikalischen Alltag. Diesmal verzichtet Marthaler auf stolpernde, einknickende, sich verrenkende Figuren. Dafür dürfen sie die typischen Posen von Liedersängern der Abteilung E-Musik, von Chanson-Interpreten und von Schlagersängern parodieren oder genau diese Posen durch Abwesenheit zum Thema machen.

kingsize2 560 simon hallstroem uMichael von der Heide  © Simon Hallström

Tora Augestad, Michael von der Heide und Bendix Dethleffsen, der Mann am Klavier, singen sich durch den Abend. Hinzu kommt Nikola Weisse, die Frau mit der Handtasche. Im Personenverzeichnis figuriert sie als Alma Lieder-Abend (geb. Schmürz). Le Schmürz ist eine Figur von Boris Vian, und der Hinweis deutet nicht nur die Richtung der von Nikola Weisse rezitierten Texte an, sondern auch eine der Inspirationsquellen von Marthalers Theater. Die Lautgedichte des Dadaismus oder die Kalauer des Chanteur Boby Lapointe sind weitere.

Die Macht der Musik hinter der Szene

Und doch: So komisch "King Size" ist, so sehr die Bilder und die schrägen Einfälle zum Lachen reizen – das Stück wirkt zugleich ergreifend, in einem ganz altmodischen Sinne schön. Das ist die Macht der Musik. Mozarts Ensembleszene aus "Figaros Hochzeit" siegt noch, hinter der Bühne gesungen, über die Groteske, die man vorne sieht.

Der Zufall will es, dass in Zürich einen Tag nach Marthalers jüngster Produktion eine Arbeit des übrigens exakt gleichaltrigen Herbert Fritsch Premiere hat. Es ist, nach der Zwischenstation einer Offenbach-Operette, seine erste Operninszenierung; Marthaler hat sich auf diesem Gebiet schon seit längerem bewährt. Eine reizvolle Konstellation: die beiden profiliertesten Vertreter eines körperbetonten Theaters, unterschieden vor allem durch das Timing, in unmittelbarer Nachbarschaft. Man kann das mögen, muss aber nicht. Wsewolod Meyerhold jedenfalls hätte seine Freude gehabt.

Und das Premierenpublikum bei "King Size"? Es bestand offenbar aus Marthaler-Fans. Jubelnder Applaus, der nur eins bedeuten konnte: Hoffentlich bald wieder.

 

King Size. Eine enharmonische Verwechslung (UA)
Ein Liederabend von Tora Augestad, Duri Bischoff, Bendix Dethleffsen, Michael von der Heide, Christoph Marthaler, Sarah Schittek, Malte Ubenauf und Nikola Weisse
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sarah Schittek, Tasteninstrumente / Musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Tora Augestad, Bendix Dethleffsen, Michael von der Heide, Nikola Weisse. 
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

In Basel sahen wir von Christoph Marthaler neben Lo stimolatore cardiaco (11/2011) auch schon Meine faire Dame (11/2010), Wüstenbuch (3/2010) und La Grande-Duchesse de Gérolstein (12/2009).


Kritikenrundschau

Verglichen mit "Meine faire Dame" vor zwei Jahren sei dieser neue Marthaler-Liederabend in Basel nur ein "Kammerspiel im Doppelbett, ein Dämmerschoppen für ein Schlummerpaar: keine beigebraunen Altkleider, keine stilecht vergammelten Anna-Viebrock-Möbel, kaum Stolpern, Slapstick, Scheitern", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.3.2013). Es herrsche "heitere, wohltemperierte Stimmung". In allem "glänzt" dieser Marthaler-Abend "wieder einmal durch die gänzliche Abwesenheit von Hektik, Handlung, Lärm und Text, von gesellschaftlicher Relevanz und postdramatischen Innovationen, ist aber immer noch schöner und auf sanfte Weise verstörender als alles, was das neue, junge, wilde Basler Schauspielteam in dieser Saison gezeigt hat."

Dieser neue Marthaler "kommt, ganz wie im improvisiert getackerten Programmflyer angekündigt, "frisch, licht und romantisch" daher", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (11.3.2013): "Es ist ein Abend ohne Risiken und Nebenwirkungen – nicht nur für die eingeschworene Marthaler-Gemeinde, die sich auch an den für alle anderen nicht unbedingt himmlischen Längen in den mitunter mehrstündigen Produktionen des Schweizers ergötzen kann, sondern für alle Liebhaber von musikalischen Parodien, die sich nicht im puren Effekt erschöpfen: wenn auch die Lust am Slapstick die sanfte müde Marthaler-Melancholie an diesem Abend fast vollständig verdrängt."

Die Handtasche von Alma Lieder-Abend wird Christian Fluri von der Basellandschaftlichen Zeitung (11.3.2013) zum Symbol dieses Abends: Die Tasche ist "Tresor ihrer vergangenen Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse"; und "es sind solche Zeichen von feinem Humor, die 'King Size' eine erzählerische Tiefe geben und eine vertrackte, ja verschrobene Poesie, die Marthalers Abenden eigen ist." Nikola Weisse verkörpere Alma Lieder-Abend als große "Meisterin und Geist dieses abgründig komödiantischen Liederabends."

"King Size" sei "poetischer als 'Meine faire Dame' und stiller als das meiste, was man bisher an Marthaleriaden gesehen hat", schreibt Sigfried Schibli in der Baseler Zeitung (11.3.2013). Marthaler und sein Musikberater Bendix Dethleffsen würden die "Demarkationslinien" zwischen Pop und Klassik "mit dem Leichtsinn von Ballonfahrern" überfliegen. Humor ziehe sich "wie ein feines Ostinato" durch diesen pausenlosen Abend. Nur "Gesellschaftskritik" fehle, dafür gebe es Kunst "nicht zu knapp".

 

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