Der Himmel ohne Geigen

von André Mumot

Berlin, 8. März 2013. Wenn man verliebt ist, also so richtig, mit allem Drum und Dran, dann soll der Himmel ja voller Geigen hängen. Im Berliner Ensemble hängt da nur eine, und auch nur kurz. Dafür samt Bogen und in bequemer Greifhöhe, so dass Ferdinand von Walter, der angeblich so heiß und inniglich Verliebte, sie sich schnappen kann, als es schwierig wird mit seiner Luise. Erst kratzt er nur unwirsch schief auf ihr herum, dann immer wilder und wird schließlich ganz tobsüchtig dabei. Und dann zerschlägt er das hübsche Instrument mit reichlich Gekeuche auf dem Boden. Rockstars machen so was. Und kleine Kinder. Auch Schauspieler im Berliner Ensemble. Anschließend sagt Luise übrigens recht trocken: "Walter, Gott im Himmel, was soll das?" Man will es vielleicht nicht gleich zugeben, aber im Grunde steht sofort fest: Es ist der Satz des Abends.

Claus Peymann, der große alte Berliner Intendanten-Querulant, hat "Kabale und Liebe", Schillers funkelndsten fünfaktigen Gefühlsausbruch, inszeniert – in seinem Haus, wo Stücke, wie er gern betont, noch vollständig und so aufgeführt werden, wie sie geschrieben wurden, und wohin sich die Kritiker sowieso nur begeben, um alle Veranstaltungen unsiono zu verreißen. Man verfängt sich nicht gern in dieser Spirale mangelnder Originalität (beide Seiten nicht), aber dann geht doch wieder alles von vorne los.

Zirkusclowns

Dann sieht man nämlich, wie das komplette Ensemble an der nackten Bühnenwand steht und alle, die gerade nicht dran sind, bedeutungshubernd und bedeutungslos auf ihren Auftritt warten, während vorn in einem Kreidekreis die armen Bürger in schlichtem Klischee-Weiß unterwegs sind und die böswilligen Herren vom Hofe hauptsächlich Schwarz tragen und auch ein bisschen wie Zirkusclowns aussehen (was sich, wie wir seit Steinbrück wissen, für Politiker ja nicht gehört.) Der Präsident von Walter, den Joachim Nimtz mit professioneller Verve zur popanzigen Selbstgefälligkeitskarikatur veralbert, muss jedenfalls mit orangefarbener Perücke und auf Stelzen herumlaufen, durch die er anderthalb Köpfe größer ist als alle anderen und die prompt unter ihm wegknicken, als sich sein Sohn zum ersten Mal gegen ihn stellt.

kabale3 560 monika rittershaus uSabin Tambrea, Antonia Bill, Joachim Nimtz, Martin Seifert, Traute Hoess. © Monika Rittershaus

Diese oberflächlichen Illustrationen sind sinnfällig, sehr lau und trist und niemals ernst zu nehmen. Alles, was politisch oder emotional wahr und echt sein könnte, relevant im Gestern oder im Heute oder im Irgendwann, wird in stumpfer Regie- und Ausstattungsroutine zum Verschwinden gebracht. Ins von Achim Freyer entworfene Bühnenbild kommen dabei Stühle von der Decke getrudelt (ein bescheidener für die Bürgerlichen und ein ebenfalls um Stelzen verlängerter für den Hof) und für Lady Milford (Katharina Susewind) eine rosa Schaukel, auf der sie beim Schaukeln edel, hilfreich und gut und irgendwie erhaben und tragisch sein muss, aber nur sehr nett und fehl am Platze wirkt.

Die Liebe eine Suchanzeige

Es gibt Momente, wenn Martin Seifert als Miller den Präsidenten aus seiner bürgerlichen Stube schmeißt zum Beispiel, in denen man daran erinnert wird, wie viel Kraft in Schillers Szenen steckt, was für herausfordernd gefühlige, verletzlich ungestüme Figuren er entworfen hat. Bei Peymann dürfen sie meistens jedoch nur profan sein, schnoddrig oder forciert aufmüpfig. Wenn Antonia Bills Luise zum Beispiel den berühmten Satz von den Schranken des Unterschieds, die einstürzen müssten, aufsagt, tritt sie an die Rampe wie auf die Kanzel und hebt die Stimme. Aber nicht nur diese kurz und knapp abgehaltene soziale Anklage verpufft, weil sie die Inszenierung zu keinerlei Assoziationen, zu keinen weiterführenden Gedanken, zu keinen realen Bedenken verleitet.

Vor allem die Liebe, um die sich hier alles drehen sollte, ist unter einem solchen Himmel ohne Geigen nirgends aufzuspüren. Unendlich weit weg ist sie, und kein Charme, kein Leuchten in den Augen, keine Berührungen finden statt, die sie zurückholen könnten. Sabin Tambreas Ferdinand ist kaltschnäuzig und unbeherrscht, ein Geigenzertrümmerer, der gern mit vorgerecktem Unterkiefer spricht, als wolle er sich vor allem als harter Hund qualifizieren.

Paartherapeutenalptraum

Antonia Bill wiederum darf (offenbar aus Scheu, sie könnte zu verzagt und weibchenhaft erscheinen) ebenfalls nur wenig zarte Töne anschlagen. Mal erinnert sie in ihrem verhuschten Beleidigtsein frappierend an Piratin Marina Weisband, mal steigert sie sich in exzessives Ganzkörperschluchzen und zunehmend manieriertes Verzweiflungsgelächter hinein. Und wenn Luise und Ferdinand zusammentreffen, wird es ganz schlimm. In diesem Paartherapeutenalptraum einer Schillerverödung sind die beiden Liebenden besserwisserisch, pampig und unwirsch zueinander, gehen sich also gegenseitig und irgendwann auch dem Publikum auf die Nerven.

Es gibt Beziehungen, das wissen wir alle, für die es sich auch in Krisen zu kämpfen lohnt. Diese gehört ganz sicher nicht dazu. Ein Dilemma, das nicht nur sämtliche Kabalen vollständig sinnlos erscheinen lässt, sondern auch den ganzen Abend. Man ächzt sich trotzdem voran, trinkt die Giftlimonade, die Spirale dreht sich unbarmherzig weiter, und auf die Frage "Gott im Himmel, was soll das?" wird schon wieder keine Antwort gegeben.

 

Kabale und Liebe 
von Friedrich Schiller 
Regie: Claus Peymann, Bühne und Lichtkonzept: Achim Freyer, Kostüme: Achim Freyer, Wicke Naujoks, Dramaturgie: Jutta Ferbers, Herrmann Beil.
Mit: Joachim Nimtz, Sabin Tambrea, Thomas Wittmann, Katharina Susewind, Norbert Stöß, Martin Seifert, Traute Hoess, Antonia Bill, Laura Mitzkus, Gerd Kunath. 
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause 

www.berliner-ensemble.de

 

Das Team Claus Peymann und Achim Freyer arbeitete am Berliner Ensemble zuletzt für Frühlings Erwachen (Premiere im Dezemeber 2008) zusammen.

 

Kritikenrundschau

Am Premierenabend besprach Volker Trauth die Inszenierung auf Deutschlandradio (8.3.2013): Peymann streiche die "verlogene Versöhnung" des Schlusses zwischen Präsident und Ferdinand. Außerdem übertrage er die Regieanweisungen Schillers in ein modernes Formgefühl. Peymann suche weder nach "sozialem Gestus" noch nach "historischer Konkretheit", er suche nach "einem Spielgestus". Er löse das Stück in einzelne Kampfszenen auf, mit je eigenen Haltungen gingen die Schauspieler in den Ring. In den besten Szenen brenne da die Luft. Es gebe starke Bildmetaphern, wenn der Präsident auf Stelzen ins Wanken gerate, "ein Koloss auf tönernen Füßen", oder wenn sich ein Ring aus Autoscheinwerfern schräg stelle, sei eine Welt aus den Fugen. Ferdinand und Luise spielten, wie schwer es sei eine gemeinsame Sprache zu finden. Antonia Bill habe "große Momente" in Luises Ausbrüchen, Sabin Tambrea fehle es an "Spannkraft" in Körper und Sprache. Unter den Schauspielern gebe es ein "großes Leistungsgefälle".

Eberhard Spreng sagt in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (9.3.2013): "Es ist kurios: Hier will ein Theater erklärtermaßen die Stücke der Klassiker möglichst werktreu auf die Bühne bringen und kann doch trotz massiver Striche nicht einmal den Plot halbwegs plausibel vom Anfang bis zum Ende durch erzählen." Anders als bei Schillers "Jungfrau von Orleans" vor sechs Jahren mache Peymann dieses Mal "weder eine historische Distanz sichtbar, bei der man über das Verhalten der Figuren wenigstens erstaunen könnte, noch skizziert er Verbindungslinien, in denen die bürgerliche Tragödie aus heutiger Sicht wieder aufleuchten könnte. Da ist buchstäblich nichts zu sehen außer aufgedrehten Witzfiguren rings um hohle Floskeln deklamierende Protagonisten."

Wieder einmal "ungeheuer vorhersehbar" sei diese Peymann-Inszenierung geraten, sagt Ute Büsing im Inforadio des rbb (9.3.2013). "Es beginnt mit der bekannten Schwarzweiß-Malerei. Wie aufgepumpte Comicfiguren im weißen Zwirn pellen sich Papa und Mamma Miller aus dem schwarzen Bühnenschlund." Im Ganzen lasse Peymann in der "für seine Verhältnisse recht radikalen Strichfassung des Schillerschen Fünfakters" kein "Inszenierungsinteresse erkennen".

"Peymann versinnbildlicht das Drama ins putzig Clowneske", schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (11.3.2013). "In dieser märchenhaft zweigeteilten Welt der bunten Farben und Formen müssen Hofschranzen tuntenhaft stöckeln, während Sabin Tambrea als guter Ferdinand jugendwütig ausschreitet und kampfeslustig die Zähne bleckt. Norbert Stöß trägt als intriganter Haussekretär Wurm schwarze Strumpfmaske und erinnert mit seinen Rockschößen fatal an Willy aus der Biene Maja. Und die puffige Pelzstola, die Thomas Wittmanns Hofmarschall von Kalb spazieren führt, staubt bei jedem Trippelschritt so, dass die ganze Szenerie immer wieder in einer weißen Puderwolke verschwindet."

Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (11.3.2013) hätte "die Premiere von Peymann zur Abwechslung lieber einmal nicht verrissen". Jedoch: Wie "schnell hat einen der Missmut wieder im Würgegriff!" Schiller-Zitate würden mit den "erstbesten dazugehörigen Emotionalitäten und Charakteristika" vorgetragen: "Zitterpathos, Wutstampfen, Unterwürfigkeitsknickser, Bösigkeitsgrinsen, Leidenschaftsgedampfe, Autoritätsgeknatter und Verzweiflungsgeknietsche." Keine der Regungen "entsteht aus einer Spielsituation, nichts kommt aus der flüchtigen Wahrheit des Theateraugenblicks, alles wird auf Ansage veranstaltet. Das ist spielfreies, geheimnisloses Theatrigkeitstheater: Aufteilung und Illustration von literarischem Text."

Claus Peymann inszeniere Schiller "wie eine quälende Übung für den Deutschunterricht", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (11.3.2013). "Alles wird typenselig in didaktisch bemühter Überdeutlichkeit ausgestellt. Die Figuren sind bis zur Karikatur versimpelt, als würde der Regisseur seinem Publikum nicht recht zutrauen, sich ohne solche Grobzeichnung für Schillers Geschichte der Liebe in Zeiten des Duodez-Absolutismus zu interessieren." Gegen das Schiller-Pathos würden "Zirkuseffekte" gesetzt. "Allein, je krampfhafter Peymann komisch sein will, desto dröger wird sein Schiller-Zirkus."

Auf Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.3.2013) wirken Peymanns "bedauernswerte Schauspieler" so, "als wüssten sie überhaupt nicht, was sie hier tun oder lassen sollen". Die Inszenierung erscheint ihr "wie eine uninspirierte Laienaufführung, in der jeder froh ist, wenn er seine Sätze halbwegs und ohne zu stottern über die Rampe kriegt". Die Kritikerin wähnt sich gar momentweise im Kasperletheater, dabei befinde man sich doch "in einem Theater, das von sich in Anspruch nimmt, in der Hauptstadt mit an der Spitze zu stehen ..." Es sei dies ein "völlig flacher" Abend, "dem es an jeder künstlerischen Vision und handwerklichen Kraft mangelt".

 
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