Die Toten ficken die Lebenden

von Matthias Weigel

Berlin, 8./9. März 2013. Vom Wodka benebelt liege ich auf dem Bett, als Marcy vor mir zu tanzen anfängt. Ob sie für mich strippen kann, frage ich. Wortlos fängt sie an, im Séparée ihr Kleid herunterzuziehen, in der Enge reiben ihre Knie an meinen. Neben mir auf dem Bett sitzt eine andere Tänzerin, sie hat die Eieruhr mit den fünf Minuten in der Hand. Fünf Minuten lang wird Marcy alles machen, was ich sage. Ich habe sie beim Glücksrad gewonnen, für einen lächerlichen Euro Einsatz.

Was wäre, wenn ...?

Etwas zaghaft lässt Marcy ihren BH fallen. Ob ich ficken will, werde ich gefragt. Sie könne mir auch einen blasen. Ich glaube, sie würde es machen. Aber irgendwie habe ich das dumpfe Gefühl, dass ich es danach bereuen würde. Dann, wenn ich den "Club Inferno" wieder verlassen und wieder auf die trostlose Straße in Berlin-Wedding treten würde, wo gerade die Bullen ein paar Halbstarke vor einer Bar filzen. Dann würde ich mich verkatert umdrehen, und müsste damit klarkommen, dass ich gerade in einer von der Volksbühne veranstalteten Performance-Installation Oralsex mit einer Darstellerin gehabt hätte, neben der auf dem Bett sitzenden Signa Köstler, der Namensgeberin der Künstlergruppe Signa.

club inferno4 280 arthur koestler xDer Nachtclub als Hölle. © Arthur KöstlerWelche Konsequenzen es wohl hätte, wenn ich jetzt ja sagen würde, wo Marcys Hände schon in Nähe meines Reißverschlusses sind. Und wie es damit zu vereinen wäre, dass ich über den Abend schreiben muss. Aber nach diesen Gedanken ist die Stimmung eh dahin. Auf einmal ist es ganz erbärmlich, wie sie da tanzt. Sie soll sich wieder hinsetzen. Die Eieruhr klingelt, die Zeit ist abgelaufen.

Prügelnde Clowns

Ich lasse mich durch die Räume des Club Inferno treiben, ein Nachtclub, in dem – so geht die Geschichte – Prostituierte und Ausgestoßene Nacht für Nacht die Hölle nach Dantes "Inferno" nachspielen müssen. Es wird der Terror der Toten gespielt, die Verstorbenen machen den Hinterbliebenen das Leben zur Hölle. Da sind schlechtgelaunte Schwule, proletenhafte Ägypterinnen, ein dicker Glatzkopf, und der Chef Herbert Godeux, der seiner großen Liebe nachtrauert, seiner Mutter. Ihr Geist lebt weiter in Form von sadistischen Clowns, die auf die Darsteller einprügeln oder sie rannehmen. Die Toten ficken die Überlebenden.

Ich höre mir die Geschichtchen an, die brav aufgesagt werden. Eine Zuschauerin im Wald der Selbstmörder fragt sich, warum wir die Welt und uns selbst nicht so akzeptieren können, wie wir sind. Zwei Männer knutschen. Ein Kollege erzählt, dass er unter falschem Namen unterwegs ist und ich ihn Lukas nennen soll. Bei den Ketzern im sechsten Höllenkreis wird geraucht. Mir tut die Schauspielerin Siri Nase leid, die sich als Semiramis schon ein paar blaue Flecken geholt hat. Die Clowns verprügeln sie besonders gern.

Mit 'nem Joker ins Séparée

Man sagt mir, dass ich feige bin. Kann man Feigheit daran messen, ob ich mich mit Essig taufen oder mich ausziehen lassen will? Welche Vorstellung von Mut wird bei Signa-Performances eigentlich eingefordert, und was hätte man davon, sie bedingungslos zu erfüllen?

club inferno2 560 erich goldmann hClowns – bei Signa nicht lustig, sondern brutal. © Erich Goldmann

Irgendwann später, ein paar Darsteller liegen schon fertig in der Ecke, pumpe ich Johannes an und kaufe mir von meinen letzten zehn Euro einen Joker. Was ich mit diesem goldenen Ding machen kann, weiß ich nicht, aber man sagt mir, ich solle ihn mit Bedacht einsetzen. Irgendwas zieht mich wieder in die Ecke von Signa Köstler und ich drücke ihr den Joker in die Hand. Ich bin gespannt, was passiert, aber sie schiebt mich nur erneut in die Kammer aufs Bett und stellt die Eieruhr. Wir reden, ich kann Fragen stellen. Dafür hätte ich nicht den Joker kaufen müssen. Ich hatte mir mehr erwartet, also stecke ich ihn unbemerkt wieder in meine Tasche.

Draußen erwischt sie mich und schreit mich an. Sie hätte sich bemüht, der Joker wäre ihre einzige Bezahlung und ich sei ein scheiß Dieb, ein verfickter. Ich gebe ihn zurück. Aber sie gibt keine Ruhe, holt ihren Chef. Was kann mir hier eigentlich schlimmstenfalls passieren? Sie schreien auf mich ein, ich soll mich entschuldigen. Mache ich. Auf dem Bauch robben, ihr die Füße küssen, ich mache alles mit, dann endlich ist Ruhe. Vom Adrenalin werde ich langsam nüchtern, habe Durst und bin müde. Außerdem will ich ihr keine Zeit geben, sich noch mehr Strafen auszudenken. Ich haue ab, aus dem schönen Budenzauber. Am nächsten Morgen riecht mein Pullover noch nach Club Inferno.

 

Club Inferno
von Signa
Konzept und Leitung: Signa Köstler, Arthur Köstler, Thomas Bo Nilsson.
Mit: Alexander Senner, Ana Valeria Gonzalez, Andreas Schneiders, Anne Hartung, Arthur Köstler, Dominik Klingberg, Emil Groth Larsen, Helga Sieler, Irma Wagner, Jenny Steenken, Johannes Köhler, Judith Fraune, Mareike Wenzel, Markus Klauk, Michael Behrendt, Mona el Gammal, Olga Sonja Thorarensen, Petra Gantner, Sebastian Sommerfeld, Signa Köstler, Silvia Petrova, Simon Steinhorst, Siri Nase, Steven Reinert, Thomas Bo Nilsson und Alexander Iwanov, Alexandra Koknat, Alexandra Zoe, Andrea Pani Laura, Annika Stadler, Bikash Chatterjee, Borghildur Indriðadóttir, Carolin Seidl, Eli Ingvarsson, Eva Costa, Georg Bütow, Gonny Gaakeer, Judith Seither, Kerstin Pollig, Marco Wiersch, Martin Heise, Rahel Schaber, Raphael Souza Sà, Özlem Cosen, Stefanie Mühlhan.
Dauer: bis zu 6 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de
signa.dk

 

Signa arbeiten site-specific und sind bekannt für ihre Parallelwelt-Installationen, in denen das Publikum aufgefordert ist, die Zuschauer-Position aufzugeben und aktiv an den Inszenierungen teilzunehmen. Bekannt geworden ist die Gruppe im deutschsprachigen Raum mit der Stadt-Simulation Erscheinungen der Martha Rubin für das Schauspiel Köln, mit der sie auch zum Berliner Theatertreffen 2008 eingeladen wurden.

 

Kritikenrundschau

Die "glitschig-grobe Atmosphäre aus Einladung und Abstoßung, Höflichkeit und Anmaßung, Geheimniskrämerei und Verhör", die Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (11.3.2013) beim Empfang ihrer "Einladung" empfunden hat, "wird auch zwei Tage später im Club vorherrschen". Und dieser Club werde eine Qual "für jeden – nicht körperlich, aber psychisch. Denn wer sich einmal in die klaustrophobischen Parallelwelten von Signa begibt, der wird nicht ohne Blessuren davonkommen. Denn Signa spielen kein Theater, sie bauen mit größter Genauigkeit hyperrealistische, hermetische Lebensräume auf und lassen Spieler wie Zuschauer darin miteinander "Erfahrungen" machen. Auch das ist natürlich nichts anderes als Theater, doch da diese Spiele von fünf, sechs, Stunden gedanklich keine Ausgänge lassen, steckt man in ihnen so fest, wie die Verdammten in Dantes Höllenkreisen." Doris Meierhenrichs Bewunderung indes gilt der Ausstattung: Wenn man eintrete "in den rot-goldenen Empfangssaal, ist alles so reich und detailverliebt auswattiert, dass man sich die Augen reibt."

Das Signa-Team arbeite "nicht mit Räumen, die aus sich selbst heraus bereits aufgeladen sind", schreibt Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (11.3.2012). "Was hier entsteht, entsteht erst zusammen mit den Zuschauern. Und zwar mit einer hermetischen Perfektion, die ebenso einmalig wie faszinierend ist. Es sind vollkommen in sich geschlossene Systeme." In denen müsse man sich als Zuschauer "ständig überlegen, was man tut oder besser lässt." Im konkreten Fall des "Club Inferno" gerate "alles aus dem Ruder, Nacktheit greift um sich. Und Gewalt." Und Pauly berichtet: "Ständig werde ich in den Po gekniffen, von nackten Füßen berührt, zimperlich darf man hier nicht sein. Je später der Abend, desto schwüler, schmutziger und erbärmlicher wirkt das alles."

Das Projekt bleibe immer kenntlich "als theatralische Behauptung", findet Michael Laages im Deutschlandfunk (11.3.2013). "Vielleicht ist das sogar die stärkste Schwäche." Ob es Signa gelungen ist, durch all die Höllenkreise des Klubs hindurch "das Bewusstsein des Abgrunds zu wecken bei dieser und jenem", weiß Laages nicht zu sagen. "Die Szenerie will stark sein, ist aber oft bloß ruppig und rüde. Der große Moment der Berührung, der Bruch mit der Natur in der Aufhebung aller Grenzen, die Kunst und Theater naturgemäß setzen, bleibt rar."

"Wohlfühlzone? Ist hier nicht", konstatiert Udo Badelt im Tagesspiegel (11.3.2013). Die Rahmenhandlung um den Spielcasinobesitzer Herbert Godeux sei überflüssig, Dantes neun Höllenkreise seien es nicht. "Das Ganze ist Geisterbahn und Party zugleich. Die Beklemmung hört nie auf." Der Terror des interaktiven Theaters werde hier in Reinform verübt.

"Wüssten wir nicht, dass Sörensen/Köstler selber in den Hauptrollen auftreten und das Ganze sowieso nur so tut, als ob es ernst sei, fühlten wir uns in Anbetracht der dargestellten Demütigungen zu Einspruch verpflichtet. Und schon haben sie uns erwischt – exakt diese Reaktion erfüllt, was Signa beabsichtigt", schreibt Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (12.3.2013). "Club Inferno" sei jedoch leider "hauptsächlich bemühend. Abgesehen vom hübschen Dekor (...) (so viel Aufwand, so wenig Ertrag, seufzt man halb gerührt), nervt hier alles", der schmierige Gastgeber, die Animierdamen und Toy Boys, die Dante-Figuren, die "brav" Mythologie aufsagten. "Einzig aus Höflichkeit ihnen gegenüber tut man hier so, als langweilte man sich nicht fürchterlich." Fragt sich am Ende: "Wieso überhaupt das ganze Theater? Gibt es in Berlin denn keine echten Nachtklubs?"

 
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