Gottgleicher Märchenonkel

von Leopold Lippert

Graz, 15. März 2013. Schauspielhaus-Intendantin Anna Badora hat sich einiges vorgenommen. Gemeinsam mit dem österreichischen Autor und erfahrenen Antike-Neuschreiber Michael Köhlmeier will sie die Orestie nach Aischylos neu erzählen, diesmal aus dem Blickwinkel der Frauenfiguren. Im Programmheft spricht Badora von einer "Aneignung", die mit der Männerzentriertheit der antiken Vorlage rund um Tochter-, Ehegatten- und Muttermord bricht. Logischerweise bringt diese Verschiebung auch eine Titeländerung mit sich: Die Version im Grazer Schauspielhaus heißt schlicht "Klytaimnestra".

klythaemestra1 560 lupispumaParkhausauffahrt zum Palast: "Klytaimnestra" © Lupi Spuma

Man möchte dabei an Elfriede Jelinek denken, die eine derartige Überschreibung eben erst wunderbar kalauernd und schauderhaft präzise an der Geschichte von Orpheus und Eurydike vorgenommen hat. Man möchte dabei auch an die zahlreichen Neuinterpretationen antiker Stoffe in der feministischen Theorie von Hélène Cixous bis zu Judith Butler denken, die längst überfällige neue Lesarten in den politischen Diskurs eingebracht haben. In Graz läuft das mit der feministischen Aneignung aber irgendwie anders. Wenn hier Elektra (Pia Luise Händler) voller Wut an die Adresse ihrer Mutter Klytaimnestra brüllt, "Frauen sind eine ewige Quelle des Unheils für die Menschen", dann findet man das im Publikum unglaublich lustig. Und wenn der uralte Kalauer von rational agierenden Frauen, die eigentlich bloß verkappte Männer sind, wiedergekäut wird, dann japsen die Grazer vor Freude.

Tod im schwarzen Negligé

Dazu kommt, dass für eine kritische Auseinandersetzung mit männlicher Diskurshoheit die dünnen Frauenkleidchen erstaunlich kurz sind und die Frauenfiguren auch sonst recht konventionell greinen, jammern, wehklagen und in Tränen ausbrechen. Nur Katharina Klar, deren flapsige Unbekümmertheit als Kassandra wohltuend skurril ist und Steffi Krautz, die sichtlich um eine möglichst differenzierte Darstellung ihrer Klytaimnestra bemüht ist, brechen hier mit den Stereotypen. Doch auch Krautz wirft sich nach dem Mord an Agamemnon (Stefan Suske) wie ein schutzsuchendes Mäuschen an ihren Liebhaber Ägist (Jan Thümer als fabelhafter axtschwingender Patrick Bateman-Verschnitt) und prophezeit: "Er wird uns ein mutiger und mächtiger Schild sein!" Dass Klytaimnestra dann später von Orest (Christoph Rothenbuchner) noch ihrer Robe entledigt wird, bevor sie im schwarzen Negligé umgebracht wird, ist da irgendwie nur konsequent.

Bildungsauftrag erfüllt, Feminismus tot

Auf der schneckenförmigen, beweglichen Betonbühnenkonstruktion von Raimund Orfeo Voigt, die zuweilen an die Auffahrt zu einem Parkhaus erinnert, sucht Badora die Balance zwischen erzählerischen, teils chorischen Wortkaskaden im ersten Teil und Blut, Schweiß und brutaler Körperlichkeit nach der Pause. Die konsequente Mehrfachbesetzung des ohnehin riesigen Ensembles samt aufwändigem Kostüm-, Perücken- und Schnurrbartwechsel lässt das wahre Schlachtfeld allerdings in der Garderobe vermuten.

Die Konstante in diesem antiken Figurenreigen bildet schließlich Michael Köhlmeier selbst, der immer wieder überlebensgroß und beinahe gottgleich auf die Wellblechwand an der Bühnenvorderseite projiziert wird, um als allwissender Geschichtsprofessor die notwendige Kontextualisierung vorzunehmen. Köhlmeier entscheidet sich dabei für eine didaktische Mischung aus plattem Historismus und einer seltsamen Psychologisierung der antiken Figuren in heutigem Jargon. Das ist völlig ironiefrei gemeint und in derart paternalistischem Duktus vorgetragen, dass es fast schon unfreiwillig komisch wirkt. Der Bildungsauftrag ist jedoch allemal erfüllt, und der Märchenonkel kriegt selbstverständlich den größten Applaus.

 

Klytaimnestra
Nach der Orestie des Aischylos, Mitarbeit Michael Köhlmeier
Regie: Anna Badora, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Werner Fritz, Video: Philipp Haupt, Dramaturgie: Regina Guhl.
Mit: Steffi Krautz, Sebastian Klein, Thomas Frank, Stefan Suske, Martina Krauel, Angelina Berger, Pia Luise Händler, Claudia Maria Kainberger, Evi Kehrstephan, Katharina Klar, Alina Müller, Franziska Plüschke, Noa Schmidt, Jan Thümer, Michael Köhlmeier.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Um Peter Steins Prosafassung habe Regisseurin Anna Badora weiter Texte "geordnet, die einigermaßen gut zueinanderfinden und insgesamt eine überraschend handliche neue Coverversion des alten Mythos ergeben", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (18.3.2013). "Darin stiehlt niemand den Frauenfiguren die Show." Das seine "keine Frauen aus Fleisch und Blut, die vielleicht hie und da ein kleines Bier trinken, nein, sie verkörpern vielmehr Prinzipien, die unabwendbar für sich einstehen. Von dieser Wucht abgesehen" gehe die Inszenierung allerdings "recht didaktisch vor", sie sei "eher langatmig und schulmeisterlich aufbereitet", man könne sie "als veranschaulichenden Appendix zum Mythologie-Unterricht empfehlen."

"Konzentriert, in der Kälte wie im Schmerz", hätten die Darsteller in "Klytaimnestra" "konträre Szenen aus unterschiedlichen Texten dargestellt", meint Norbert Mayer in der Presse (17.3.2013). Mit der Videoprojektion des Autors "Michael Köhlmeier" ergebe sich dann aber "ein Verfremdungseffekt, der die Qualität dieser von Intendantin Anna Badora inszenierten Collage steigert". Für ältere Hörer stelle sich "sofort ein beruhigender Effekt ein: In diesem Ton hat dieser Autor einst im Radio griechische Mythen erklärt. Leise, sanft macht er das Ungeheure verständlich, das Ungeheuer Mensch. Und diese ernste Kommentierung, der rote Faden für zweieinhalb Stunden, trägt erheblich dazu bei, dass die Revue gelingt."

Für Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (18.3.2013) stehen ebenjene Videoszenen mit Köhlmeier "für das grundlegende Dilemma dieser Bühnenarbeit: Sie hat übergroßen Erklärungsbedarf, weil sie in knapp zweieinhalb Stunden durch eines der großen Dramen der Antike hetzt und dabei unbedingt Haltung demonstrieren will." Eine "unangenehme Atemlosigkeit" durchziehe "diese farben- und pointenreiche Inszenierung", der Zuschauer werde "durch die Erzählung hindurch getrieben, ohne dass seine Wachsamkeit einen Anker findet, seine Empfindung fokussieren kann: Alles bleibt alles flüchtig, jedes Schicksal, jedes Argument, das der Text anreißt." Ein "exzellentes Ensemble" halte "tapfer dagegen, allen voran Steffi Krautz, die als Klytaimnestra immer wieder ihre innere Raserei aufblitzen lässt."

 

 
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