Aktionen // Attraktionen: Bilder eines Ausgestelltseins

von Tim Schomacker

Hamburg, 22. März 2013. Jemand drapiert Kunststofflaub am "Haunted Mansion". Jemand richtet Plastikenten zum Angeln und Schmalzkuchen zum Essen aus. Fahrgastlose Gondeln ruckeln durch den Frühlingsschnee. Erinnerungsfotoautomaten warten auf Menschen. Dann schallen zwei Böllerschüsse übers Hamburger Heiliggeistfeld. Die ersten Kinderwagen kommen, später die ersten Jugendlichen. Das Riesenrad, Wahrzeichen des Hamburger Volksfests "Dom", schaut Richtung Reeperbahn. Zu seinen Füßen hockt eine Schaubude. "Revue der Illusionen" steht auf der Fassade. Das steht da auch, wenn die fahrende Bühne nicht ausnahmsweise von Performern bespielt wird, die anderswo heimisch sind. Die Hamburger Performancegruppe "Geheimagentur" wagt den ungewohnten Sprung in die Atmosphäre aus dem Duft bratender Champignons und schnarrenden Stimmen aus Losbuden und Fahrgeschäften.

Schaubude und Schaubühne

Mit der Zurückhaltung von Gästen einer Familienfeier, die sich nicht recht wohlfühlen in ihrer Haut, treten zwei von der "Geheimagentur" auf die Metallstufen draußen. Sie zelebrieren eine Weile "diesen besonderen Moment, meine Damen und Herren, der sich lohnt, in die Länge gezogen zu werden". Sie lesen ihren Text von Klemmbrettern ab. Markieren so den zentralen Punkt ihrer Recherche unter echten (und echt anderen) Bedingungen: weniger parodistische Anverwandlung an eine andere Bühnenform als Suche nach einer gemeinsamen Geschichte. Nur wenige Leute bleiben länger stehen. Einige treten zögernd ins Innere der Schaubude.

Drinnen läuft ein klappriger Schwarzweißfilm über Revuegirls. Könnte Warhol sein. Ein Walross tritt auf, tanzt eine Choreographie zum berühmten Theme Song aus "Twin Peaks". Ein Hase im Anzug, draußen als "Meister der Mikroperformances" angepriesen, zelebriert ein karges Konzeptstückchen über das Motiv Sachen-bleiben-auf-dem-Tisch-wenn-man-das-Tuch-wegzieht. Ohne das Tuch wegzuziehen.

Heißhunger auf Thunfischsandwich

"Aktionen // Attraktionen" verweigert weitgehend den Moment artistischer Atemlosigkeit, konzentriert sich auf das Grundgerüst von Theater. Als Illusionskunst. Dafür zeigen "Geheimagentur" und Gäste in wöchentlich wechselnden Kurzprogrammen, mit dem Finger auf die psychologisch-technische Maschinerie. Die halbstündige Bilderfolge dieses Ausgestelltwerdens will Sideshow und Autoscooter mit der Historie von Performance verbinden – immer wenn genug Publikum kommt und zahlt.

Ein Hypnoseversuch beginnt mit der Erzählung des Früher-mal-hypnotisiert-worden-Seins der Hypnotiseurin und dem Verweis auf Yoko Onos "Book of Instructions". Und endet damit, dass der Hypnotisierte mit Heißhunger ein Thunfischsandwhich verspeist, wie es in Onos berühmtester Instruktion vorkommt. Bei den "disappearing acts" lesen Publikum und Performer das Schnittmuster der Darbietung gleichermaßen von der Leinwand ab. Er bittet das Publikum, sich die Augen zuzuhalten. Und versteckt sich erkennbar hinter der Leinwand. Diese magischen Momente sind dezidiert unkunstvoll. Wohl erst über vier Wochen (der "Dom" geht bis zum 21.4.) wird sich zeigen, ob und wenn ja was diese praktizierte Recherche in Erfahrung bringt. Und ob man das auch als Publikum erlebt – oder nur als beteiligter Performer.

 

Die Bühne ist mein Wald: schwarz-weiße Ichkonstruktionen

Ortswechsel. Inmitten ihrer auf rechtsprechende Körperschaften (internationaler Strafgerichtshof, Vatikanisches Konzil) gerichteten Spielzeit-Residenz in Bremen, beschäftigen sich Gintersdorfer/Klaßen in "Die Bühne ist mein Wald" auf Kampnagel gewissermaßen mit der inneren Gerichtsbarkeit: Ichkonstruktionen nach Freud und Lacan. Wohl weil ein Teil ihres derzeitigen Arbeitsensemble aus dem frankophonen Westafrika stammt (und weil Hubert Fichtes auf dem Programmzettel prägnant zitierter ethnopoetischer Band "Psyche" immer eine Auseinandersetzung wert ist), geht es um die Frage nach einer "afrikanischen Psychoanalyse". Und darum, wie Freud in "Totem und Tabu" Afrika als Metapher benutzt. In bewährter Methode des Gesten doppelnden und Sprache übersetzenden Duos spielen Gadoukou la Star und Hauke Heumann eine Exposition des Themas. Das anschließend in ineinander verschobenen biographischen Erzählungen, choreographischen Konstellationen und hier reduzierter, dort eruptiver Körperarbeit durchgespielt wird.

Im Lacanschen Zelt

"Freud hat das für euch geschrieben", sagt Gadoukou, "er wusste gar nicht, dass wir das mal lesen". Macht man das Fass Europa vs. Afrika einmal auf, kriegt man den Deckel kaum wieder drauf. Selbst wenn – wie in Gadoukous späterer Erzählung von den 5-Uhr-morgens-Ansprachen seiner Eltern – klar wird, dass sein "Afrika" eher in Paris liegt als im Animismus. Und er, der sackschlapp im Raum hängt beim Erzählen und von Heumann und Kollegen angestrengt gestützt werden muss, ja auf einer doch sehr europäischen Kunst-Bühne steht.

Heumann bittet das Publikum bald unter ein mit weißem Tuch rasch quer über die Bühne gezogenes Zelt – "ein bisschen wie ein Lacanscher Seminarraum" – und berichtet von seinen Originalitätszweifeln als Performer. Immer wieder wird in parallelen Aktionen das Spiegelmotiv bemüht. Manchmal, irritierend, ist es "einfach da" als Bild, dann wieder als akustisch äußerst reizvolles Solo, bei der der Tänzer sich um und in eine knackende Spiegelfolie windet.

randompeople2 560 gintersdorfer klassen u© Knut Klaßen

Getanzte leere Rede

Die Unmittelbarkeit des Spiels inmitten der Zuschauer macht aus diesem ersten von drei auf einander aufbauenden Abend zwar keine performte Analyse. Aber es reißt die bisweilen deutlich spürbare Barriere zu den Akteuren angenehm ein. Stargast dieser Produktion ist der frühere Staatsanwalt und gelegentliche Schlingesief-Schauspieler Dietrich Kuhlbrodt. In einem auf quietschenden Sohlen über die Bühne ruckelnden Duo ("Was machen wir hier eigentlich?") diskutiert er mit Heumann, warum Lacan dann doch immer dem System Sprache verpflichtet bleibe. Beide setzen Lacans Diktum von der Bedeutung der "leeren Rede" (also des Nicht-Info-Anteils von Sprache) unmittelbar um in ein choreographisches Bild. Wie weit man an diesem Abend gekommen sei, sei schwer zu sagen, meint Kuhlbrodt. Aber morgen Abend sei auch noch ein Abend. Lädt ein zum Weiterschauen und bedankt sich für's Kommen. So beginnen an diesem kalten Hamburger Frühlingstag gleich zwei Serien – die aufregender Details zum Trotz sehr auf ihre eigene Fortsetzung vertrauen.

 

Aktionen // Attraktionen
von Geheimagentur / Random People
Mit: Augusto Corrieri, Florian Feigl, God's Entertainment, goodcopbadcop, Joy Harder, Mark Harvey, Manuel Muerte, Jim Osthaarchic red park, Otmar Wagner und anderen.
Dauer: jeweils 30 Minuten / 4 Wochen

Die Bühne ist mein Wald
von Gintersdorfer/Klaßen
Von und mit: Marc Aschenbrenner, Gotta Depri, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Monika Gintersdorfer, Hauke Heumann, Knut Klaßen, Dietrich Kuhlbrodt, Jesseline Preach, Eric Parfait Francis Taregue alias SKelly.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.kampnagel.de

 

Kritikenrundschau

Im Hamburger Abendblatt (25.3.2013) schreiben Rezensenten asti/-itz über "Die Bühne ist mein Wald": Franck Edmond Yao sei das einsame Glanzlicht von "fünf Viertelstunden psychologischen Geschwafels und Getaumels im Raum". "Die Freud-Kritik aus der Sicht des betroffenen 'Primitiven' aus einem 'animistischen Kulturkreis' wäre interessant gewesen, doch sie wird verschenkt." Gintersdorfer/Klaßen seien ihrer eigenen Ambition hier offenbar (noch) nicht gewachsen.

 

 
Kommentar schreiben