Was bist Du für ein Stalker, Mensch!

von Christian Rakow

Schwerin, 2. April 2013. Das muss er sein, der Gipfel der Verschwendung, der aberwitzige Ausstieg aus jeder auch nur annähernd rationalen marktwirtschaftlichen Verwertungslogik: "T.R.I.P. – Ein Open-World-Game für einen Zuschauer und über tausend Akteure". Soll heißen: Drei Mal am Tag lädt das Künstlerkollektiv Kulturfiliale in seiner vom Fonds Doppelpass geförderten Inszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater einen Zuschauer – in Worten: EINEN – auf eine gut zweistündige Reise durch die Schweriner Innenstadt. Macht drei Zuschauer pro Tag. Und auch wenn von den "tausend Akteuren" rundherum nur ein Bruchteil aktiv seine Rolle spielt bzw. zum Produktionsteam gehört, sind es immer noch eine Menge: "Kulturfiliale" mag nach Schlecker-Ruin klingen, aber es fühlt sich an wie purer Luxus.

"Folgen Sie dem Mann mit der Kapuze!"

"T.R.I.P." ist inspiriert von offenen Computer-Spielwelten, also von Games wie Second Life oder Grand Theft Auto, die ein Spieler frei erkunden kann, auch ohne konkrete Missionen zu erfüllen. Entsprechend betritt der Besucher – ausgerüstet mit einem Rucksack, Kopfhörer, iPod, etwas Geld, einer Straßenbahnfahrkarte und einem Schlüssel – die Schleuse zur "virtuellen Realität". Ein Spiel für Erwachsene (adults only) wird angekündigt. Und da keimen gleich wieder alle Befürchtungen auf, die interaktives Theaters nährt: Es ist ja noch nicht allzu lange her, dass mir in SIGNAs Club Inferno mit schöner Regelmäßigkeit das Hemd aufgeknöpft wurde. Auch denke ich an die Real-Life-Adventure von machina eX, bei denen man sich schnell ein bisschen blöde vorkommt, wenn man wieder zu langsam war, um einen Tür-Code zu knacken.

TRIPP 560 RamonaRauchbach uDie ganze Stadt ist eine Bühne / Und alle Fraun und Männer bloße Spieler. © Ramona Rauchbach

Tatsächlich sind die Befürchtungen hier unnötig, denn "T.R.I.P." entwickelt sich in eine ganz andere Richtung. Fast wie im traditionellen Theater ist der Besucher nicht zum Handeln aufgerufen, sondern zum Betrachten. Wie eine "Kamera" solle man sich bewegen, mal in die Totale blenden, also weiter weggehen, mal ganz nah "ranzoomen", erklärt ein hinreißend sympathisches Tutorial per Telefon.

Und dann bin ich in den Straßen von Schwerin. "Folgen Sie dem Mann mit der Kapuze", flüstert mir eine vermeintliche Passantin zu. Der Kapuzen-Mann ist Nils Zapfe, Schauspieler, das Gesicht erkenne ich. Jemand hält mitten in der Fußgängerzone ein blaues Schild hoch "Christian Track 1" und ich höre das melancholische London Town von Songwriter Simon Lynge und folge Nils Zapfe, der den Stand der "Aktion Tier" hinter sich lässt (er möge Tiere nicht so). Sind die beiden Country-Sänger an der Ecke bestellt oder einfach nur Entertainer im täglichen Trubel ihrer Stadt? Der "virtuelle Effekt", in dem sich Leben und Kunst, Inszenierungen erster und zweiter Ordnung, vermischen, setzt ziemlich schnell ein.

Spiel der Blicke und Perspektiven

"Unter 10 Grad darf man keine Tulpen kaufen", meint Zapf einmal am Blumenstand im Schlosspark-Center zu einer älteren Frau. Ganz beiläufig, mit traurigem Blick. So eine Figur ist das: streift verloren umher, redet kurz Leute an, streut schöne kleine Beobachtungen und treibt fort. Und ich hintendran. Irgendwann schaut mich eine Passantin im Trenchcoat mit einem kurzen durchdringenden Blick an. Und da geht die Kameraperspektive kurzzeitig verloren, weil dieser Blick völlig zu Recht zu fragen scheint: Was bist Du für ein Stalker, Mensch?

Beruhigt es, dass ich die Passantin später wiedersehe, auffällig hinter einer Zeitung hervorlugend? "T.R.I.P." verstrickt in ein Spiel der Blicke und der Perspektiven. Erst im zweiten Teil meiner Reise, als ich einer eher wortkargen Frau mit rosa Schal folgen soll (Charlotte Puder), gewinne ich Vertrauen in meine "Kamerafertigkeiten", rücke ganz nah heran, als sie mit ihrem Lebenspartner telefoniert. Ein kleines Alltagsdrama schält sich heraus: ihr Freund sucht einen neuen Job, höre ich aus ihrem Handy. Und sie verbringt ihren Tag im Automaten-Spielcasino (deshalb ein Spiel nur für Erwachsene!), trinkt heimlich aus einem Flachmann, bringt ihre Wäsche zum Waschsalon, während ich dazu Rolf Dieter Brinkmann aus dem iPod lausche. "Die Panik der vielen einzelnen Personen, die nie richtig gefickt haben...".

chrakow schwerin uFrisch vom Kopierer am Baum: das Foto des NachtkritikersKühne Antiökonomie

"T.R.I.P." ist ein lyrischer Spaziergang, eine Steigerung der Sinne, mit immer dichteren poetischen Momenten. Mein Foto hängt an Straßenlaternen wie das Bild eines Vermissten. "Schließe die Tür und begreife, dass niemandem etwas fehlt, wenn du fehlst", werde ich später von Thomas Brasch lesen. Mit Charlotte Puder suche ich in einem Park ein kleines Kreuz mit einer Wachskerze auf, wie sie zu Dutzenden für Tote auf den endlosen mecklenburgischen Alleen stehen. Und ihr Telefon klingelt, Nachricht vom Freund (mehr davon nicht, wegen der Spoiler-Gefahr).

In der verlassenen Kellerkneipe "Kurties Kajüte", in der noch der Fußball-WM-Spielplan von Südkorea 2002 hängt, bleibe ich allein zurück. In der Jukebox läuft Rette mich von Nena. Auf einem Tisch liegt aufgeschlagen ein Buch von Max Goldt "QQ", darin steht: "Geliefert wird, was jemand bestellt hat. Das ist nicht nach guter Künstler Art. Sie bieten etwas an oder hauen einem etwas um die Ohren. Geliefert wird im kommerziellen Pop." Und ja, darum geht es auch, in diesem so kühn antiökonomischen Open-World-Theaterprojekt: nicht mehr liefern, nicht mehr eine Masse an Kunden bedienen. Der Künstler verschwendet sich. Für viele oder für einen.

Irgendwann auf dem Weg war eine Passantin an mich herangetreten und hatte mir mein Horoskop vorgelesen: Ich solle bunte Lackschuhe tragen, um Akzente zu setzen. Und meine schlechte Laune werde verschwinden, weil die missgestimmte Venus mich verlässt. Und ja: Mein Glückstag ist Dienstag, also heute, der Premierentag in Schwerin. Recht hat das Horoskop.

 

T.R.I.P.
Ein Open-World-Game für einen Zuschauer und über tausend Akteure
von Kulturfiliale
Konzeption: Ursula Bergmann, Philippe Goos, Katherine Halbach, Karoline Hoefer, Ramona Rauchbach, Marco Storman, Tanya Weiler, Nils Zapfe.
Realisation: Katherine Halbach, Lina Kröhnert, Franziska Oehme, Charlotte Puder, Ramona Rauchbach, Nils Zapfe.
Dauer: variabel, rund 2 Stunden, keine Pause

www.kulturfiliale.de
www.theater-schwerin.de

 

Mehr lesen? In einem Essay hat Christian Rakow im November 2012 die Frage Wie Medienkunst und Computerspiele auch die Theaterästhetik beeinflussen einmal grundsätzlich beleuchtet.

 

Kritikenschau

In der Schweriner Volkszeitung (9.4.2013) stammelt Volker Kunkel vor Glück: "so etwas habe ich noch nicht erlebt"! Man entdecke als Mitspieler eine neue Welt gleich neben der vertrauten, "als wäre man wie Alice in ein Wunderland eingetaucht, dessen Kulissen – die Stadt mit ihren Einkaufstempeln, Straßen und Plätzen – man eigentlich kennt, durch die man aber nun als Voyeur, Verfolger, Verfolgter und Verschwörer wandelt. Atemlos, mit allen Sinnen hellwach, die Fantasie entflammt wie selten, ohne das Gefühl haben zu müssen, wie ein Theaterzuschauer in der ersten Reihe auf die Bühne gezerrt zu werden."

 

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