Sein und Nichtsein

von Martin Pesl

Wien, 5. April 2013. Haben Sie mal einen deutschen Text in ein englisches Sprachausgabeprogramm eingegeben? Das ist lustig, weil die Software auf einen für sie völlig sinnfreien Text einprogrammierte Phonetik anwendet, die blecherne Stimme dabei aber die gleiche Mischung aus Gleichmut und Engagement an den Tag legt wie sonst.

So ähnlich ist das auch am Ende von "A Piece of Work", dem zweiten Performance-Experiment mit Computern, das die New Yorker Regisseurin Annie Dorsen realisiert (nach "Hello Hi There" 2010, als zwei Rechner miteinander auf der Bühne konversierten). Da werden nicht mehr die Szenen, die Sätze oder die Worte aus Shakespeares "Hamlet" auf eine riesige Leinwand projiziert und dabei gleichzeitig von einer Computerstimme verlesen, sondern eigentlich nur die Buchstaben, durcheinandergewürfelt aufgrund sogenannter Markow-Ketten, entstellter Kauderwelsch. Bis der Algorithmus, Hauptdarsteller des Abends, mit dem Befehl "sys.exit(0)" nach einer guten Stunde sich selbst und die ganze Show ausschaltet.

Hamlet in Computerstimmen

Zuvor haben wir mitangesehen, wie der Computer "Hamlet" immer kleinteiliger dekonstruiert hat. Zum Einstieg gab es noch eine Art "Hamlet leicht gekürzt" mit ein paar Kernsätzen aus allen Szenen und verschiedenen figurenspezifischen Computerstimmen, später Reihen von Repliken, die alle aus drei Worten bestehen, oder lauter Sätzen, die mit "What" beginnen oder auf "my lord" enden. Bestimmte Signale sind mit Technik gekoppelt: Die Regieanweisung "(Flourish.)" löst Fanfaren aus, beim Wort "lights" flackert einmal das Licht, etc. Insgesamt fünf Mal wird das Stück anhand komplizierter Suchbefehle ausgeworfen.

apieceofwork 560c brunopocheron uHamlet zerstückelt – Scott Shepherd in Annie Dorsens "A Piece of Work". © Bruno PocheronIn der ersten Reihe des Zuschauerraums sitzt auf einem Drehstuhl Scott Shepherd, einer der wichtigsten amerikanischen Theaterschauspieler (The Wooster Group, Elevator Repair Service). Er interagiert im Zuge des Abends einige Minuten lang mit dem digitalen Ausgabeprogramm, allerdings ist nicht ganz klar, wie. Hat er die einzelnen Worte, die fast gleichzeitig, während er sie ausspricht, auf der Leinwand erscheinen, auswendig gelernt? Nach welchem Prinzip flackert manchmal das Licht während seines sinnentleerten, weil eben nur noch Worte neu aneinanderreihenden Monologs, der ironischerweise wiederholt die Zeile "To be AND not to be" enthält (also wohl doch nicht vollends einem Zufallsgenerator überlassen wurde)?

Willkür der Technik

Geht das zusammen, physisches Sein (Theater) und virtuelles, also Nicht-Sein (die digitale Welt)? Ähnliche Fragen, wie sie demnächst auch die von nachtkritik.de initiierte Konferenz Theater und Netz stellt, wollte wohl auch Annie Dorsen mit ihrem neuesten Projekt aufwerfen. Das Aufwerfen verkommt hier aber zum bloßen Auswerfen: von Daten, von Textmodulen, von Technik. Für die Zukunft des Theaters ist ihre Antwort äußerst pessimistisch: Das Wort allein regiert in Dorsens digitaler Welt, so wie Computerprogramme ja auch von Spracheingaben abhängig sind, alles andere fällt dem Zufall anheim, aber selbst der ist programmierbar.

So schmunzelt man anfangs noch über ein reizvolles Experiment und findet mit gutem Willen die eine oder andere Satzneuschöpfung poetisch. Danach ermüdet und frustriert die unergründliche Willkür der Technik nur noch – zumindest einen beträchtlichen Teil des Premierenpublikums, das frühzeitig den Raum verließ und den armen Scott Shepherd alleine in Reihe eins sitzen ließ. Gut möglich, dass deshalb dieses bisher in Seattle und Oslo gezeigte Stück Arbeit, das, wie es heißt, jeden Abend neu entsteht, diesmal besonders kurz ausfiel (65 statt veranschlagter 80 Minuten) und somit Wesentliches vorenthielt.

 

A Piece of Work
von Annie Dorsen
Konzept und Regie: Annie Dorsen, Sounddesign: Grégory Beller, Szenografie / Video: Jim Findlay,
 System Designer und Programmierer: Mark Hansen, Lichtdesign / Technik: Bruno Pocheron, Ruth Waldeyer, zusätzliches Programmieren: Scott Shepherd, Dylan Fried, Paul Calley.
Mit: Scott Shepherd.
Dauer: 1 Stunde 5 Minuten, keine Pause

www.brut-wien.at
www.anniedorsen.com

 

Beim Wiener Tanzfestival ImPulsTanz 2010 zeigte Annie Dorsen mit Magical eine feministische Zaubershow.

 

Kritikenschau

"Die Sprache ist eine exzellente Tänzerin", befindet Helmut Ploebst durchaus angetan im Standard (7.4.2013). "A Piece of Work" mache deutlich, "wie raffiniert sie auf das Spiel des Automaten reagieren kann: Denn dieses Hamlet-Spiel findet erst in den Köpfen der Zuschauer statt, wenn diese verfolgen, wie die Sprache die Bits und Bytes der Maschine beutelt." Dorsens penibel und mit entwaffnender Intelligenz gebaute Struktur lasse auf die Realität blicken - "auf die begründete Furcht des Menschen davor, wie er selbst die Maschinen einsetzt und versucht, die Verantwortung für das, was mit ihnen angerichtet wird, auf diese Maschinen abzuschieben".

"Diese Inszenierung ist nur etwas für entschlossene Fans experimenteller Literaturaspekte, der Rest wird  durch sie im besten Falle melancholisch, schlechtestenfalls im Groll abgehen", findet hingegen Norbert Mayer in der Presse (8.4.2013). Shepherd besitze eine hohe Musikalität, er komme richtig in Fahrt im Zweikampf mit dem Computer: "Die Töne beginnen zu vibrieren, Lichteffekte werden generiert." Am Ende aber regiere die Maschine und mische den "Hamlet" noch einmal wie in einer Endlosschleife kräftig durch: "Hamlet wird also konsequent entwertet. Dieses Finale des Zufalls ist leider der entbehrliche Teil."

 

 

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