Glück ist keine Option

von Annette Hoffmann

Basel 11. April 2013. Rosa Chiffon und lilafarbene Strümpfe schauen im Hintergrund unter der Blende hervor, die im Schauspielhaus des Theater Basel nur wenige Handbreit Durchblick lässt. Ganz Moskau scheint sich aufs Eis begeben zu haben, während für Lewin just auf der Eisbahn die Welt zusammenbricht. Kitty, die eben seinen Heiratsantrag abgewiesen hat, stolpert er von einem der in die Wand eingelassenen Fenster direkt vor die Füße. "Ich konnte nichts anderes erwarten", lautet sein Kommentar. In seinem zu großen, hellgrünen Zopfpulli, mit dem Seitenscheitel im blonden Haar und dem zerwühlten Gesichtsausdruck sieht er aus wie die Resignation in Person.

Mit wohlerzogenem Tolstoi-Rap

Glück ist hier keine Option. Jener berühmte Romananfang von Leo Tolstois "Anna Karenina" über die einander ähnlichen glücklichen und auf jeweils besondere Weise unglücklichen Familien entfällt in der Bühnenbearbeitung von Armin Petras. Es braucht ihn auch nicht, wird das Unglück doch unmittelbar anschaulich in Lewin. Bettina Oberli, die "Anna Karenina" für das Theater Basel inszeniert hat, verzichtet dennoch nicht auf ihn – wie überhaupt bei ihr mehr Tolstoi vorkommt als bei Petras. Der Rapper Kutti MC, der im Stück einen Diener gibt, wird ihn später in einem schweizerdeutschen Sprechgesang vortragen, der so wohlerzogen klingt, als liefen alle über einen sehr langflorigen Teppich, und der sich immer wieder zwischen die Szenen schiebt.

anna karenina1 560 judith schlosser uHingetupfte Sommergäste – Tolstois Figuren in Anne-Catherine Kunz' Kostümen. © Judith SchlosserBettina Oberli hat sich in der Schweiz bislang als Filmregisseurin einen Namen gemacht – zuletzt war ihre "Tannöd"-Interpretation in den Kinos – und verzichtet bei ihrem Theaterdebüt weitgehend auf Dekor. Die Bühne begrenzt ein meterlanger Spitzenvorhang, ein paar weiße gusseiserne Stühle stehen auf der Bühne. In den Farbkombinationen von Lavendelblau bis Eidottergelb wirken die Figuren wie hingetupfte Sommergäste. Ständig legt jemand den Rock ab, platziert ein Polster am Hintern oder vor dem Bauch, schlüpft aus einem Jackett oder zieht sich eine Bluse über das fließende Neckholderkleid (Kostüme: Anne-Catherine Kunz). Es sind solche Aktionen, die nicht allein die vergehende Zeit beschreiben, sondern auch einen Blick von außen auf diese Menschen versinnbildlichen.

Radieschen zum Bankrott

Das Welthaltige, das Tolstois Roman ganz wesentlich ausmacht, klammert Armin Petras aus: die Bauernfrage, die Organisation der Gesellschaft und die schwindende Legitimation des Adels. Stattdessen konzentriert er sich auf die Geschichte der drei Paare. Lewin (Martin Butzke) und Kitty (Judith Strößenreuter), denen das Publikum beim Verfehlen und Wiederfinden zusehen kann, Dascha (Cathrin Störmer) und Stefan (Florian Müller-Morungen), die sich entfremdet haben, und Anna (Zoe Hutmacher) und Karenin (Dirk Glodde).

Alle haben Anna Karenina geliebt: Karenin, ihr Gatte, Wronski, der die Ehe der beiden sprengen wird, vor allem ihr Erschaffer Tolstoi. Aber auch dessen Kollege Nabokov, der, unzufrieden mit Anna Kareninas Wahl, Wronski als nicht "sehr tiefen Mann" bezeichnete – an dieser Einschätzung orientiert sich auch der Baseler Wronski Silvester von Hösslins. Ansonsten sieht man Zeitgenossen auf der Bühne: viel hausfraulicher Pragmatismus (Radieschen auf dem Balkon angesichts des drohenden Bankrotts) und ehrlicher Trotz gegenüber der Provinz von Seiten Kittys.

Kein Halt auf schiefer Bahn

Im Gegensatz zu Petras lässt Oberli die gesellschaftliche Dimension nicht außen vor, was sich vor allem in der Interaktion der Schauspielern mit Alain Rappaports Bühnenbild spiegelt: Die Blende vom Anfang wandelt sich im Verlauf der 140-minütigen Inszenierung zu einer Abstraktion von Gesellschaft, zur Metapher sozialer Ausgrenzungsmechanismen. Sie wird zur schiefen Ebene, auf der sich Wronski und Anna, als sie längst ein Paar sind, nicht halten können, während Dirk Glodde als Annas Sohn sie spielerisch als Rutsche nutzt. Nach dem Eklat in der Oper wird sie gar zur Wand, die Anna Karenina isoliert.

anna karenina3 560 judith schlosser uWronski und Anna auf der schiefen Ebene. © Judith Schlosser

Was Oberlis Inszenierung auszeichnet, ist ein Wechsel von beinahe skizzenhaften Szenen und genauen Beobachtungen. Oft verhalten sich die Figuren dabei wie prosaische Erzähler ihrer selbst. Das glückt nicht immer. So wirkt Kutti MCs Sprechgesang wie ein Fremdkörper und auch Kittys Griff zu Rosemarie Tietzes Übersetzung, als sie sich Lewin bei der Erntearbeit vorstellt, braucht es nicht wirklich.

Doch zunehmend gewinnt die Inszenierung an Rhythmus und Intensität – nicht zuletzt dank Zoe Hutmachers Anna, die nicht die morphiumabhängige, getriebene Frau ist, sondern jemand, der fürchtet, mit dem Geliebten auch sich selbst zu verlieren. Längst trägt sie das Haar nicht mehr streng hoch gesteckt, sondern offen, der Blick ist leuchtender, der Gang freier, so als hätte sie mit dem ungeliebten Ehemann viel Ballast abgeworfen. Und doch wirft sie keinen Schatten, noch bevor sie Wronski mit Vorhaltungen und Vorwürfen zermürbt, steht er einmal so vor ihr, dass das diagonal einfallende Licht nur seine Silhouette an der Wand sichtbar werden lässt – ihr Körper geht ganz in seinem auf. Diese "Anna Karenina" ist womöglich weniger theatralisch als der Roman, vielmehr eine Parabel über das Gelingen und Misslingen von Liebe.

 

Anna Karenina
nach Leo Tolstoi und Armin Petras
Regie: Bettina Oberli, Bühne: Alain Rappaport, Kostüme: Anne-Catherine Kunz, Licht: Cornelius Hunziker, Dramaturgie: Bettina Ehrlich, Martin Wigger.
Mit: Martin Butzke, Dirk Glodde, Silvester von Hösslin, Zoe Hutmacher, Kutti MC, Florian Müller-Morungen, Cathrin Störmer, Judith Strößenreuter.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

Zum ersten Mal wurde Armin Petras' Roman-Adaption von "Anna Karenina" 2008 durch Jan Bosse auf die Bühne gebracht, mit Fritzi Haberlandt und Milan Peschel in den Rollen von Anna und Wronski.

 

Kritikenrundschau

Als "anregendes Puzzle, bei dem einzelne Teile hell aufleuchten, andere blass bleiben oder fehlen – aber er ist keine Minute langweilig", schildert Alfred Schlienger den Abend in der Neuen Zürcher Zeitung (13. 4. 2013). Als besonderen Kunstgriff betrachter der Kritiker die Besetzung des Dieners mit dem Performance-Poeten Kutti MC (Jürg Halter). Denn der Berner Mundart-Künstler ziehe, so Schlienger, kommentierend "eine subtile schwebende Spur durch den Abend, die gegenwärtig macht, ohne anbiedernd zu wirken". Auch insgesamt hat der Kritiker den Eindruck als geniesse die Filmregisseurin und Theaterdebütantin Bettina Oberli "die Befreiung vom Filmrealismus und feiere die Möglichkeiten der theatralischen Abstraktion". Sie unterkühle den Liebesrausch, das Pathos und lasse lieber Zorn und Verzweiflung explodieren. Ein Rätsel aber bleibt dem Kritiker über den ganzen Abend hinweg, "warum Anna diesem unterspannten, weder lässig noch charmant wirkenden Hölzling Wronski so verfallen sein soll".

Sehenswert findet Michael Baas von der Badischen Zeitung (13.4.2013) die Inszenierung. Zwar würden Text und Inszenierun gehörig "brechten". Allerdings gereicht das dem Abend grundsätzlich zum Vorteil, wie man den Ausführunges des Kritikers entnehmen kann.

Von einer "beeindruckenden Leistung des Ensembles" spricht Dominique Spirgi in der Baseler Tageswoche (13.4.2013). Die Regisseurin habe die Szene "eine Art Labor der gesellschaftlichen Konventionen" angelegt. Die ganze Gesellschaft sei im Hintergrund stets anwesend. "Und wenn sich vorne an der Rampe intime Szenen abspielen, bekommen dies die andern aus den Augenwinkeln mit." Erst im zweiten Teil des Abends könnten Anna Karenina und Wronski alleine sein. "Aber eine angenehme Intimität ist das nicht. Der Boden, der zur abgrenzenden Wand hochfährt, beengt den Raum, der so zur beengenden klinischen Zelle wird."

Ein Glücksfall dieser Inszenierung sei besonders das Bühnenbild von Alain Rappaport, schreibt Rosemarie Tillesen im Konstanzer Südkurier (13.4.2013). Doch trotz vieler intensiver Momente bleibt der Abend aus Sicht dieser Kritikerin seltsam spröde.

 

 
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