Der Krebs des Betrugs

von Gerd Zahner

Zürich, 12. April 2013. Manche Romane müssen auf die Bühne. Wie ein Fluss das Mühlrad antreibt und das Mühlrad wieder das Wasser, umfließen solche Bücher die Vergangenheit und die Zukunft zugleich. Die Bewegung setzt sich im Andern fort.
Felix Krull ist so ein Roman.

Strukturen, die uns täuschen

1910 finden sich die ersten Notizen zu den Bekenntnissen in den Notizbüchern von Thomas Mann. Thomas Mann wird über Jahrzehnte daran arbeiten und die Idee des Betruges wird für ihn nie seine Brisanz verlieren, in keinem Jahrzehnt seines langen Lebens. Vielleicht der schönste Witz der Literatur, dieses Buch am Ende hat seinen Schöpfer betrogen, denn genau in dem Moment, als er es fertig stellen wollte, verstarb Thomas Mann, weshalb es unvollendet blieb.

Felix Krull, geboren kurz nach der Deutschen Reichsgründung, ist wie dieses Reich selbst eine Täuschung. Unfähig zur inneren Entwicklung, vollzieht sich seine Existenz im äußeren Schein, im Etikettenschwindel. Dies ist ja das Wesen des Hochstaplers, innen leer und außen mit Schminke. Felix Europa.

felix krull2 560 tanjadorendorf ttfotografie uVier mal Felix Krull  © Tanja Dorendorf | TT Fotografie

Die Idee von Lars-Ole Walburg und Andrea Schwieter, Felix Krull auf vier Personen zu verteilen, ist eigentlich schon der Erfolg des Abends. Waren es früher Individuen, sind es heute Gruppen oder Gebilde, die uns täuschen – Banken, Sekten, das Theater vielleicht. Europa gewiss. Und weil Klaus Brömmelmeier, Denis Geyersbach, Patrick Güldenberg und Milian Zerzawy diesen Krull mit vier Gesichtern als einen einzigen spielen und alle andern Rollen gleichfalls ihre Gesichter bekommen, begreift man leicht: ein Hochstapler ist eben heute kein einzelnes Wesen mehr sondern eher eine maligne Struktur, die sich auf verschiedene Rollen verteilt, sich so wuchernd immerzu vermehrt und schließlich alles zerstört. Als Magnet des Betruges funktioniert die Sprache, die Menschen wie Eisenspäne in die vorgefertigten Formen zieht.

Chor und Solist in einem: Krull

Die Bühne ist ein glänzendes Schwarz und die vier Krulls bewegen sich darin soapnah wie vier Fernseh-Tenör – zunächst mit weißen Hemden, grauen Anzugshosen und schweren Gesten. Einer umarmt den andern in einer Art Stimmentanz. Bilder aus Sätzen und kleinen Gesten, werden zu Spiegeln, in dem man einzene Romanszenen aber bald auch die Gegenwart finden kann. Das Rheinland, die berühmte Musterungsszene des Romans, Paris, die Stadt der Finanzbetrüger. Das also, was Zürich heute ist.
felixkrull 280h taniadorendorffttfotografie uVexierbild mit Hochstaplern
© Tania Dorendorf | T+T Fotograf

Krull singt, tanzt, ist immer Chor und der Solist in einem. Zu erzählen und erzählt zu werden, wird an diesem Abend eins. Auch darin täuschen wir uns also, macht er deutlich, die Unterschiede zwischen Fiktion und Wirklichkeit sind längst verschwunden. Alle betrügen. Alle sind betrogen.

Walburg lässt seine vier Schauspieler rasch über den Daumen der Zeit laufen, wie Bilder im Blätterkino, mit Sprüngen durch Fiktion und Wirklichkeit. In der Geschwindigkeit, mit der sich die  Täuschungen vollziehen, entsteht ein ganz neuer Krull. Ein Krull, der sich in der Wiederholung spiegelt. Gesicht und Maske wechseln sich ab, von einem zum andern, der immer der Selbe ist.

Wie wahnsinnige Jahreszeiten

Die vier Zürcher Krulls spielen das mit großer Leichtigkeit. Das Betrügen wird in ihrem Spiel wahr, weil es so sympathisch ist, gekonnt und voller Charme. Die Kulissen wechseln rasch, fallen ab, erneuern sich, wie wahnsinnge Jahreszeiten, der gelbe Salon, die insolvente "Schauweinwelt", immer anders, immer neu. Die Zeit wird schal in Aufzugswelten. Im Spiegelhimmel der Schlussszene werden dutzende Krulls neu geboren. Der Krebs des Betrugs. Schön anzusehen. Die Fassung von Lars- Ole Walburg und Andrea Schwieter entdeckt in diesem Krull schließlich auch eine Figur, deren eigentliche Tragödie in dem Augenblick besteht, da man als Zuschauer begreift, er, dieser Hochstapler, wird nie seine Aktualität verlieren. Wird ewig weiter betrügen müssen. Wie auch der Roman: ein literarisches Fragment, dazu verdammt, sich in der Wirklichkeit fort- und fortzuschreiben.

Die Zürcher Inszenierung nimmt Tuchfühlung auf mit dem Dickicht aus Täuschung und Betrug, das uns heute umgibt, ohne sich drarin zu verfangen – und uns stattdessen darüber lachen lässt. Ein leichter, schöner, kluger Abend. Neunzig Minuten, kurz, aber ein kluger Betrüger braucht eben nicht länger. Starker Applaus.

 

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
nach dem Roman von Thomas Mann
Fassung: Lars-Ole Walburg und Andrea Schwieter
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Gwendolyn Bahr, Licht: Frank Bittermann, Dramaturgie: Andrea Schwieter.
Mit: Klaus Brömmelmeier, Denis Geyersbach, Patrick Güldenberg, Milian Zerzawy.
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr Felix Krull? Bastian Kraft zeigte seine Version des Spiels 2011 im Münchner Volkstheater, für die er auch dem Preis des Festivals Radikal Jung erhielt. Zeitgenössischen Formen der Hochstapelei ging 2012 am Theater Kiel Tobias Rausch mit den Lunatiks Produktionen nach.


Kritikenrundschau

Walburgs Thomas-Mann-Abend habe "eine ganz und gar verbindlich-verspielte Anmutung" und sei "eine freundliche Aufforderung zur Bewunderung", findet Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (15.4.2013). "Wenige Requisiten, eine Perücke, ein Halstuch, genügen, um in kurzen Anekdoten – szenischen Miniaturen – Spielorte und Figuren zu evozieren". Die "Welt um Krull herum ist nichts als Vorstellung, Schein; real ist einzig sein Wille". Der "aufgepfropfte Schluss" erscheint dem Kritiker als "Sündenfall der Inszenierung, die bis dahin so schön Schein, Sein und gesellschaftliches Rollenspiel ins irisierende Flimmern brachte. Hier wird Regisseur Walburg, was Romancier Thomas Mann gerade nicht ist: eindeutig und moralisierend." Bei "allem komödiantischen Charme der Inszenierung" blieben "Zwischentöne" und "die (auch erotischen) Ambiguitäten der Figuren" ebenso wie "Thomas Manns philosophischer Spaziergang zwischen Parodie und Humanismus" auf der Strecke.

Walburg sei es "gelungen, die Essenz des Romans wunderbar leicht und vergnüglich auf die Bühne zu bringen", schreibt Anna Ospelt für das Onlineportal der Basellandschaftlichen Zeitung (14.4.2013). Die "Vervierfachung des Protagonisten" ermögliche es, "den Monolog spielerisch in Szene zu setzen." Die Akteure ließen dabei "keine Sekunde Langeweile aufkommen." Sie "schlüpfen gekonnt von einer Rolle in die andere, mimen manchmal allein, manchmal zu zweit, manchmal zu viert den liebenswerten Schelm und verweisen so witzig auf die allzeit mögliche Vertauschbarkeit der Gesellschaft, die Krull listig zu nutzen weiß."

Alexandra Kedves schreibt im Zürcher Tages-Anzeiger (15.4.2013): Schulklassentauglich, eine richtig adrette, richtig deutsche Sonntagskaffeetorte sei die Inszenierung von Walburg, gut gemacht, sauber angerichtet - und komplett überraschungsfrei. Klaus Brömmelmeier, Denis Geyersbach, Patrick Güldenberg und Milian Zerzawy würden sich gegenseitig die Gesten und die Zitate zuwerfen, rasch skizzierten die "tollen Akteure" den kindlichen Grössenwahn. Die Musik der Band Les erzähle die ganze Geschichte noch einmal - als Volkslied, als Schnulze, als Michael Nyman'sche Variation. Zwischen Musik und Gesang gäbe es "lustige Sprechnummern voller Pointen und Pantomimen, die Perücken würden auf- und abgesetzt wie die Rollen. Fazit: "Wir wurden nicht verführt und auch kein bisschen irritiert". Der Regisseur habe Wrelativ unterhaltsames und total reflektiertes, tiefstapelndes Theatertheater ohne Risiko geboten", zum "Gähnen langweilig".

Stephan Reuter schreibt in der Basler Zeitung (15.4.2013): Die Krull-Viererbande trumpfe "charmant" auf. Klaus Brömmelmeier, Denis Geyersbach, Patrick Güldenberg und Milian Zerzawy spielten und erzählten Krulls Abenteuer "kongenial", wie aus einem Munde. Das Quartett verströme "schamlose Eitelkeit", sehe "blendend" aus, gebe sich vorbehaltlos "der Erotik des Erzählten" hin und verhalte sich dabei so flexibel wie Robert Schweers Wanderbühnenbild. Das sei vielleicht auch die einzige Erkenntnis des Abends: "Erfolgreiche Hochstapler sind immer vollendete Schauspieler." Überraschend sei das nicht, aber man könne auch nicht alle Tage vier Verführungskünstlern dabei zusehen, mit welchen Tricks sie sich "ein ganzes Publikum um die Finger" wickelten.

Martin Halter schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.4.2013): Das Theater stelle demonstrativ seine Mittel und Tricks aus. Das Krull-Kollektiv zeige verschwörerisch feixend seine Virtuosität her, das Publikum erkenne sich in den Spiegeln von Robert Schweers Bühne wieder. Andrea Schwieters Spielfassung ändere "fast nichts" an Thomas Manns "preziösen Satzgirlanden" und mische nur zum Ende hin ein paar O-Töne von zeitgenössischen Anlagebetrügern und Hochstaplern wie Jürgen Harksen oder Gerd Postel unter. Der Abend verlaufe "glatt und heiter, ganz ohne Eklats und Kopfweh". Aber selbst die neunzig Minuten würden einem manchmal lang: Walburgs "Krull" sei nur eine "gefällige Aneinanderreihung von Anekdoten, Pantomimen und Synthesizer-Klängen, ein Potpourri ohne erkennbare Struktur oder gar Widerhaken".

 

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