Hasse die Provinz wie dich selbst

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 20. April 2013. "Die Basis ist die Mittelschicht", sagt einer der Dreißigjährigen, "davon hängt alles ab. Vor allem bei Cremetorten." Irgendwie gehören sie alle dieser Mittelschicht an, die da bei Hannes und Heidi eingetrudelt sind. Auf der Baustelle, wo irgendwann ein schmuckes Einfamilienhaus entstehen wird als endgültiges Zeichen des Angekommenseins und des eigenen Platzes, den die beiden im Leben gefunden haben. Aber derweil ist dort nur ein Aushub. Ein großes Loch. Hannes, der Gastgeber, ist vor allem mit Erdeschaufeln beschäftigt. Und mit sich selbst.

Lebensplanung ist nur ein Wort

Aber das sind sie ja alle, auf diesem Flecken Erde, den sie Heimat nennen und wortreich hasslieben. Hasse die Provinz wie dich selbst, denn "Provinz ist dort, wo die Welt sich verlaufen hat." Sie haben sich alle verlaufen: Hannes, Heidi, Sopherl, Moritz, Vroni, Bimbo und Alf. Die persönlichen Verstrickungen der Dreißigjährigen gäben einige Folgen für eine Soap Opera her, aber in Wirklichkeit trägt jeder seine individuelle Soap Opera im Herzen.

Der Österreicher Thomas Arzt, der für "Alpenvorland" im Vorjahr den Autorenpreis beim Heidelberger Stückemarkt bekommen hat, ist genauso alt wie seine Protagonisten. Ein interessantes Alter, weil da zum ersten Mal das Uneinlösbare in den Lebensentwürfen ungeschönt zutage tritt. Das Leben ist nur scheinbar auf Schiene. "Lebensplanung" entlarvt sich als ein zu euphemistisches Wort.

Wortmord und Tortenschlacht

Da wird also heftig Standort bestimmt. In kleinen "Spielszenen" lässt Thomas Arzt seine Altersgenossen zu zweien oder mehreren aufeinander los. In der Atmosphäre der Baustellenparty ergibt sich hier ein Dialog, dort ein Streitgespräch. Wie diese Figuren beziehungsmäßig miteinander verheddert sind, könnte bald Mord und Totschlag herrschen. Es wird aber nur eine Tortenschlacht an der Baugrube, nach 25 Minuten schon. Davor und danach lässt der Autor die Figuren mit viel Raffinement und in wohl gebauten Sätzen um sich selbst kreisen.

alpenvorland1 560 christianbrachwitz xvon links: Björn Büchner, Jenny Weichert, Michaela Schausberger, Katharina Wawrik, Klaus Köhler, Markus Subramaniam und Manuel Klein   © Christian Brachwitz

Austriakische Katastrophiker

Irgendwie sind da lauter Jungphilosophen auf der Baustelle des Lebens unterwegs. "Ich bin jetzt von Gehalt", sagt Moritz, weil er endlich eben dem Prekariat entschlüpft ist und das erste Monatssalär auf dem Konto hat. "Ich importiere die Freiheit in Bierdosen", trompetet Bimbo, für den die Spritztour über die nahe Grenze nach Tschechien schon der Gipfel an Welthaltigkeit ist. Vroni, schwanger von einem ungewissen Techtelmechtel, "liegt nicht das Sakrale, als säkularer Mensch". Wertediskussion muss natürlich auch sein, und sei's das Reflektieren über die Arbeit der Frau "in einer Schwanz-Welt".

Die Szenenfolgen – in einer österreichischen Traditionslinie mit Ödön von Horváth oder Franz Molnár – werden von Monologen aufgebrochen. Da steigen die Protagonisten gleichsam aus dem Stück aus und heben zur großen (oder kleineren) Selbstreflexion an. Sie sagen dann gescheite Dinge wie "Dort, wo Menschen sind, sind Katastrophen", oder "Daheim kommen die Katastrophen immer verlässlich".

Das dritte Stilmittel ist der Chor. Immer wieder tut sich das Ensemble zusammen und schleudert Paraphrasen von Liedern ins Publikum, mit archaischer Kraft, massiv wort-gedrechselte Anklagen gegen Land und Leben. Da tun sich Thomas Bernhard'sche Abgründe auf. Ach ja, Thomas Arzt war ja auch Bernhard-Stipendiat des Linzer Landestheaters. So ist er als Dramaturg und Autor dorthin gekommen, wo "Alpenvorland" nun uraufgeführt und bejubelt wurde.

In Heimat verstrickt

Ein insgesamt lohnender Text, der den Theatermachern in die Hände spielt. Regisseur Ingo Putz geht die Sache unprätentiös an, belässt den Ton moderat leise. Keine Schablonen, sondern viel Natürlichkeit im Ensemble. Das ist nicht selbstverständlich bei einem so sprach- und gedankenbastelnden Autor.

Eine Bretterbühne mit Ausnehmung in der Mitte ist die "Baustelle". Wer nicht dran ist, setzt sich seitlich neben die Pawlatsche, ist also da und weg zugleich. Auch das ein Bild fürs Verstrickt-Sein mit einer Situation, die mit "Heimatgefühl" nur schwammig beschrieben ist. Diesem Gefühl Kontur zu geben, wenigstens ein Stück mit dem Seziermesser unter die dicke Haut einer fatalen Resistenz gegen die große Welt zu kommen – das ist ja Absicht von Thomas Arzt. Aber: "Am Ende sind wir nur Landeier." Der Konter lässt nicht auf sich warten: "Landeier sind wenigstens bio." Galgenhumor im Alpenvorland.

 

Alpenvorland (UA)
Schauspiel von Thomas Arzt
Regie: Ingo Putz, Bühne: Stefan Brandtmayr, Kostüme Cornelia Kraske, Dramaturgie: Elke Ranzinger.
Mit: Björn Büchner, Jenny Weichert, Katharina Wawrik, Markus Subramaniam, Michaela Schausberger, Manuel Klein, Klaus Köhler.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.landestheater-linz.at

 

Kritikenrundschau

Schon im ersten Chor seziere Thomas Arzt "die Sprache der obrigkeitstreuen Heimatliebe, ordnet die Worte neu, legt unreflektierte Anbetungsriten offen", schreibt Wiltrud Hackl im Standard (22.4.2013). Dies sei eine "gekonnte Strategie, die der Autor mehrmals im Text anwendet: Hymnen, Kinder- oder Weihnachtslieder werden als liturgische Teile einer gesellschaftlichen Ordnung bloßgestellt, die keinen Sinn, sondern nur noch Rhythmus und Baugrund anzubieten hat." Arzt sei "ein genauer Zuhörer und Beobachter, vor allem wenn es die eigene Generation betrifft, holt, wie er es selbst nennt, die 'Laute aus dem Maul der Leute'. Damit kann man auch scheitern oder zumindest enervieren." Ingo Putz überinszeniere nicht und belasse "Text und Sprache in ihrer klaren, ernüchternden Form".

Andreas Hutter konstatiert im Neuen Volksblatt (22.4.2013), dass Thomas Arzt "mit Bernhard nicht nur den Vornamen, sondern literarisch auch die Hassliebe zur Heimat gemein" habe. In dem "völlig zurecht" in Heidelberg ausgezeichneten Stück unterbrächen die Chöre und Monologe der Protagonisten gekonnt "gleichsam als Punkt und Beistrich die Spielszenen" und bildeten "die Interpunktion der ebenso gescheiten wie witzigen, aus dem Leben gegriffenen und bisweilen deftigen (Tortenschlacht und so) pausenlosen zwei Stunden". Regisseur Ingo Putz habe "das Beste" getan, "was er tun konnte: Er ließ den sprachlich wohlgesetzten Dingen im gelungenen Bretter-Bühnenbild von Stefan Brandtmayr und stimmigen Kostümen von Cornelia Kraske mit eher sachten Eingriffen ihren Lauf."

Thomas Arzt sei ein "kräftig zupackender, dramaturgisch klug aufbauender Situations- und auch sanfter und poetischer Figurenerzähler", freut sich Silvia Nagl in den Oberösterreichischen Nachrichten (22.4.2013). "Ihm ist der analytische Ernst ebenso zu Eigen wie die spielerische Ironie, der leichtfüßig tänzelnde Humor ebenso wie tiefschürfende Gedankenarbeit." Und mit "Alpenvorland" sei ihm "ein wirklich großer Wurf gelungen!" Die Figurenkonstellation sei "nah am Leben geschrieben – in einer unserem Dialekt nahen Kunstsprache." Die Inszenierung werde durch das "homogene, famose Schauspiel-Team" getragen.

 
Kommentar schreiben