Flucht in die Kunst

von Michael Stadler

München, 23. April 2013. Die Magie eines Festivals, die hängt gar nicht unbedingt mit der Qualität der einzelnen Inszenierungen zusammen, sondern liegt in diesem geballten Übermaß an Eindrücken, die plötzlich kreuz und quer im Gehirn funkende Verbindungen schlagen können, diese zufälligen Motive, die sich nicht durch ein Stück, sondern von Stück zu Stück ziehen – sie drängen sich einem auf. Beim Radikal-jung-Festival werden die Analogien zwischen zwei Inszenierungen, beide eingeladen aus Tel Aviv, sogar in einem Moment gleichzeitig hörbar. Da steht Yoav Bartel als Volkstanzlehrer auf der Kleinen Bühne des Volkstheaters. Er hat das Publikum bereits in die Performance "Shall we dance" eingesponnen, hat mit einer Zuschauerin ein paar Schritte geübt. Dann hört man dumpf eine Etage tiefer, im Erdgeschoss, wo die große Bühne liegt, das Wummern von Techno-Beats.

shallwedance 560a orenshkedy uYoav Bartel mit einer Zuschauerin in "Shall we dance" © Oren Shkedy

Und erinnert sich an den Abend, den man schon drei Tage vorher erlebte und der gerade unten noch mal gezeigt wird: "Mein Jerusalem – A Performance by Sabine Sauber". Michal Weinberg verkörpert eine ostdeutsche Fotografin, die nach dem Mauerfall in den Westen zieht und dort erst mal Einsamkeit erlebt. Sie freundet sich mit einem Schwulen an, der sie ins Berliner Nachtleben einführt. Und dann tanzt sie eben, allein vor einer Leinwand, auf der psychedelische Muster wabern, zum Techno.

Unten und oben jeweils eine Kunstfigur, die Einblick in ihren Lebensverlauf gibt, oben und unten ein sich authentisch gebendes Tänzeln auf dem Grat zwischen Biografie und Fiktion, auch sehr viel Spaß, aus dem sich der politische Ernst, ohne sich aufzudrängen, langsam herausschält. "Shall we dance" wurde vom spielenden Yoav Bartel geschrieben. Regie führten seine Lebenspartnerin Abigail Rubin und ebenfalls er selbst. Die Show, die Bartel alias Aithan Harrari im weißen Hemd abzieht, ist zunächst mal sehr unterhaltsam, weil er es versteht, mit luftigem Tanzlehrercharme das Publikum einzuwickeln. Wie gern man doch seinen Anweisungen folgt. Und wie nah die Assoziation zu den Choreographien des Militärs liegt. Die Moves sind dort nur zackiger, und der Tonfall ist ein anderer.

So klingen die ostdeutschen Frauen

Auch die Bewegungen der Fotografin Sabine Sauber haben etwas Militärisches. Jeder Schritt wirkt wie abgezirkelt, jede Verrichtung führt sie exakt aus. Sämtliche Dinge, die sie berührt, selbst eine Zigarettenkippe, verstaut sie – nomen est omen – säuberlich in durchsichtigen Plastiktütchen. Später, beim Publikumsgespräch, kommt die Diskussion auf, dass Autor und Regisseur Eyal Weiser mit seinem Team des Tmuna Theater Tel Aviv tief in die Klischeekiste gegriffen hat. So sieht also eine typische ostdeutsche Künstlerin aus, so spricht sie also.

meinjerusalem 560  gadidagon uOssi? Wessi? Michal Weinberg in "Mein Jerusalem" © Gadi Dagon

Hartkantige Kurzhaarfrisur, hartkantiges Englisch, in das sich die auch nicht gerade weichen deutschen Wörter schleichen. Schauspielerin Michal Weinberg verteidigt leidenschaftlich, ebenfalls beim Publikumsgespräch: So klingen nun mal die ostdeutschen Frauen, die sie kennt. Und ja, das sei schon ein joke, aber an dieser Figur wurde auch sorgsam gearbeitet. Was erkennbar ist. Eine skurrile, schillernde, traurige Figur ist diese Sabine Sauber. Nachdem sie sich in Berlin zum Partygirl gemausert hat, probiert sie sich sexuell aus. Auf der Leinwand lässt sie eine Foto-Parade der Männer und Frauen laufen, mit denen sie geschlafen hat, stempelt sich bei jedem Namen den Körper ab. Die Vereinnahmung durch die anderen ist jedoch nur vorübergehend: Leicht und sorgfältig wischt sich das Fräulein Sauber die Stempel-Tattoos wieder ab.

Künstlerin dank Mauerfall

Bei Aithan Harrari hat sich die Biografie in den Körper unauslöschlich eingeschrieben. Sein Knie schmerzt seit der Militärzeit beim Grenzschutz. Er erzählt dem Publikum, wie er einst ins Gefängnis wanderte, weil er auf Geheiß seines Vorgesetzten eine Gruppe Palästinenser am Grenzposten mit vorgehaltener Waffe tanzen ließ. Als er entlassen wurde, sah er sich erneut den Schikanen seiner Stubenkameraden ausgesetzt. Einer brach ihm das Knie. Aus dem Krankenhaus entlassen erschoss Aithan den Übeltäter, konnte jedoch eine Gefängnisstrafe vermeiden, weil er das Gericht überzeugen konnte, dass der Schuss sich versehentlich aus seiner Waffe löste. Einen Preis hat er jedoch schon nach seiner ersten Haft gezahlt: Seine Freundin Reut verließ ihn.

Sabine Sauber erzählt, selbstentfremdet in der dritten Person, wie sie überraschend die große Liebe findet, einen israelischen Studenten in Berlin. Für seine Promotion geht er zurück in die Heimat. Sie kommt mit und nimmt wieder Reißaus, als er von ihr ein Kind will. Diese Sauber flüchtet vor dem wahren Leben, hinein in die Kunst. Der Fall der Berliner Mauer, von ihr gefilmt (in Wahrheit kann man das Video auf Youtube finden) löst ihren Entschluss aus, Künstlerin zu werden. Als sie sich verliebt, hört sie auf zu fotografieren. Sie muss der Welt für eine Weile nicht mehr hinter einer Kamera begegnen. Später sendet sie ihrem Ex-Lover eine Fotoserie, die sie in Israel aufgenommen hat.

Was ist wichtig?

Auch dort findet sie Mauern – die Assoziationskette reicht bei Eyal Weiser bis zu den inneren unüberwindlichen Grenzen. Am Ende einsam legt sich Sabine Sauber nackt, nur von einem weißen Laken bedeckt, auf eines der Bretter, die sie aus der rückwärtigen Holzwand ihres nüchternen Bühnenhabitats heruntergelassen hat. Dort hat sie auch die Plastiktüten mit den von ihr benutzten Objekten hingehängt – Beweisstücke, Kleinodien eines Künstlerlebens. Das Sammeln erscheint manisch, das Fotografieren als Schutzmechanismus, Ersatzbefriedigung und Trost. Zuletzt integriert sich Sabine Sauber in die Bühneninstallation, wird selbst zur Kunst. Und ist's schon immer gewesen.

Aithan Harrari fordert das Publikum am Ende auf, seine (erfundene) Biografie, die Menschen darin zu vergessen. "Was ist wichtig?", fragt er. "Der Tanz, der Tanz, der Tanz." Und bringt alle noch mal zum Aufstehen und Mittanzen.

 

Mein Jerusalem - A Performance by Sabine Sauber (UA)
von Eyal Weiser
Aus dem Hebräischen ins Englische übertragen von Natialie Fainstein und Keren Ida Nathan
Regie: Eyal Waiser, Kostüme: Inbal Liblich, Licht: Omer Shizaf, Dramaturgie: Itzik Giuli
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Mit: Michal Weinberg.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Shall we dance (UA)
von und mit Yoav Bartel / Home Made Ensemble Tel Aviv
Regie: Abigail Rubin und Yoav Bartel, Choreografie: Abigail Rubin, Bühne: Nadav Bame’a.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause


www.muenchner-volkstheater.de

Mehr zur diesjährigen Ausgabe von Radikal jung? Alle Inszenierungen mit ihren Nachtkritiken finden sie in der Festivalübersicht.

 

Kritikenschau

"Mein Jerusalem" sei einerseits "ein fabelhaftes Schelmenstück, andererseits eine brillante und punktgenaue Metapher auf die Verhältnisse" Israels, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (22.4.2013). Auch formal sei das, was Weinberg mache, "von erlesener Güte und so voller Charme, dass man völlig fasziniert und voller Freude zuguckt".

 
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