Das Publikum niederrringen!

30. April 2013. In einem sehr ausführlichen Gespräch mit Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (27.4.2013) erzählt Herbert Fritsch von seiner Kindheit, seinem Werdegang, seinen Erlebnissen beim Theatertreffen und seinen Überzeugungen.

Über den ersten Auftritt beim Theatertreffen 1990

"Miss Sara Sampson, das war die erste Einladung für den Frank [Castorf], vom Residenztheater München ... ein Riesenskandal. Da ging die Post ab. Da habe ich losimprovisiert, was ja noch absolut unüblich war. Meine Bühnenpartnerin Silvia Rieger hat sich mit den Worten 'Sag Bescheid, wenn du fertig bist, Herbert' in die Garderobe verabschiedet."

"Ja, das Theatertreffen war damals noch so richtig heilig. Da hat die Kunst der Provokation noch funktioniert. Man muss sie übrigens auch beherrschen. Einfach Würstchen in den Hintern stecken, das reicht nicht." - "Und die Leute damals, die hatten sich auf uns eingeschossen. Die wollten uns fertigmachen. ... Insofern war das mit 'Miss Sara Sampson' schon genau das Richtige. Da war mir von vornherein klar, dass das Feinde sind, da unten. Das ist ja sowieso so, dass das Publikum da unten im Dunkeln ein Ungeheuer ist, mit dem ich kämpfen muss, ein vieläugiges, vielarmiges, vielköpfiges Ungeheuer, das ich niederringen muss. Besiegen."

Die Erwartungen an das Theater

"Ich habe [auf der Probe] auch nie das Stück dabei. Interessiert mich nicht. Mich interessiert, was in dem Moment passiert. Das Handwerk besteht darin, dass ich wie ein Adler gucke, wenn es anfängt zu laufen. Ich achte auf Timing, auf die Musik. Das soll Rhythmus haben. Der Impuls muss da sein. Es muss laufen. ... Da setzt mein ganzes Theater an. Die Erwartungen an das Theater, die es hier gibt, die sind doch hanebüchen. Wirklich! Kommt mal runter, Leute! Das ist ein Brett, da stehen Leute drauf. Wenn die was hermachen und die Zuschauer zum Lachen bringen, hysterisieren können, ist das schon ein Riesenschritt. Aber die Künstler wollen ja heute mit dem Theater die Welt erklären und die Menschheit verbessern. Da könnte ich reinschlagen. Wenn die Leute das Theater einfach nur genießen können, ist das doch wunderbar. ... Ich will ... keinem Bürgertum die Maske vom Gesicht reißen. Das passiert ja ständig und hat nichts verändert. ...

Was ist denn Sinn?

Wir leben in einer Welt voller Sinn. Die Leute schlagen sich die Köpfe ein wegen irgendeinem Sinn. .... Was soll denn daran einen Sinn haben? Was hat Sinn für einen Sinn? Die Realität ist doch nichts anderes als ein Dauerschwindel, warum soll ich die auf der Bühne auch noch fortsetzen? Ideologien, Religionen sind doch längst bankrott. Und jetzt soll ich da irgendwelchen Sinn basteln auf der Bühne? Nein! Das Einzige, was man auf der Bühne machen kann, ist die Sinnlosigkeit zelebrieren. Und zwar so, dass sie Spaß macht, die ganze Sinnlosigkeit, dass sie Lust macht. Lasst uns einen draufmachen, das ist das einzige Sinnvolle.

(jnm)

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