Überblicksehnsucht

von Simone von Büren

Bern, 30. April 2013. Eine leere schwarze Bühne. Die theatrale Entsprechung des leeren weissen Blatts. Auf Dias in diesen leeren Raum projiziert: Slogans von Menschen, die sich für eine Haltung entschieden haben, die eine Sache gefunden haben, für oder gegen die sie kämpfen wollen.

Koba Ryckewaert, die den Diaprojektor bedient, hat diese Entscheidungen noch vor sich, sie muss sich in der Welt erst noch positionieren. Dafür braucht sie einen Überblick. Sie will verstehen. Sie beginnt, schweigend auf grossen schwarzen Platten mit Kreide zu notieren. Sie fängt bei sich selber an: 18-jährig, Belgierin, studiert Sprachen, denkt zu viel, schläft nicht gut. Wir erfahren aus einzelnen hingekritzelten Worten, dass ihre Eltern geschieden sind und ihre Mutter nicht viel Geld hat.

Vom Ich zur Welt

Von diesem "Ich" aus breitet sich das Mindmap in "All That is Wrong" von Ontroerend Goed rasant aus. Ryckewaert, die schon in früheren Produktionen der belgischen Performance-Gruppe mitgewirkt hat, kommt fliessend von der individuell-persönlichen zur gesellschaftlich-politischen Ebene. Von der Mutter, die wenig Geld hat zur Bankenkrise; vom Vegetarismus ihrer Schwester zur Übervölkerung und globalen Erwärmung. Sie kommt aber genauso vom Generellen zum Konkreten, von "Krise" zu "Griechenland", von "Krieg" zu "Syrien", wobei man sich vom Konkreten und Individuellen mehr gewünscht hätte als von den grossen Schlagwörtern.

Mit wenig wird in der von Alexaner Devriendt inszenierten Aufführung viel erzählt. Kleinste Zeichen verändern die Gedankenkarte, die vor uns im schwarzen Raum entsteht. Schnell und entschieden gezogene Striche, die zwei Begriffe miteinander verbinden oder ein Wort durchstreichen. Ein hastig gesetztes Fragezeichen, ausgewechselte Buchstaben, die aus "Greece" "greed" machen. Ausgelöschte Worte, die nur eine dunkle Stelle hinterlassen, und erneut geschriebene.

Verfertigen der Welt beim Schreiben

Flink bewegt sich Ryckewaert hin und her, zögert zwischendurch kurz, bevor sie ein weiteres Wort setzt im Versuch, eine Ordnung zu schaffen, Zusammenhänge herzustellen, einen Überblick zu gewinnen. Denn "All That is Wrong" ist nicht eine Liste von Fakten oder Fragen, sondern ein Netzwerk von Dingen, die Bedeutung haben und beschäftigen. Wir sehen der jugendlichen Performerin beim Denken zu, können ihrem Schreiben Buchstabe um Buchstabe folgen. Jedenfalls zu Beginn.

Allthatiswrong1 560 RonnyWertelaers u"All that is wrong": Koba Ryckewaert und Zach Hatch  © Ronny Wertelaers

Denn dann spielt Zach Hatch, der ihr als Gehilfe auf der Bühne zur Seite steht, Aussagen ein über die Angst auf dem Finanzmarkt, die Ausbeutung in Sweatshops, über Folter und Kohlendioxidwerte. Sie provozieren Ryckewaert und liefern ihr Stichworte, die sie an der entsprechenden Stelle in ihrem Raster der Welt einzusetzen versucht. Das Wortgeflecht wird unterlegt von Stimmengewirr. Das Schreiben wird schneller, die Bewegungen hektischer, die Notate emotionaler. Zach, der irgendwann auch eine Kreide fasst und mitschreibt, filmt das Wortgeflecht und projiziert es auf eine schwarze Leinwand, wo es wie Wasser zu wogen beginnt. Je mehr der Überblick verloren geht, desto grösser wird die Bemühung um Klarheit - etwa indem einzelne, besonders gewichtige Begriffe wie Tod, Liebe, Politik, Krieg und Geld mit Metallbuchstaben gesetzt werden und im Kreidewirrwarr eine Hierarchie der Wörter schaffen.

Wer entscheidet, was wichtig ist?

Gegen Ende der einstündigen Performance, die zwischendurch ein wenig allzu eingespielt wirkt und vermutlich im Verlauf der Tournée etwas von ihrer Dringlichkeit eingebüsst hat, wird das Gedanken-Notat auf einer Meta-Ebene kommentiert. Ryckewaert fragt - diesmal mittels Hellraumprojektor an die Seitenwände projiziert – wer entscheidet, was wichtig ist. Sie gesteht, dass sie immer noch nicht frei sei von Apathie, Verleugnung und Gleichgültigkeit. Sie nimmt sich vor, keine Produkte von multinationalen Unternehmen mehr zu kaufen und grosszügiger zu spenden.

Der Fokus verschiebt sich so vom obsessiven, chaotischen, kreideverschmierten Notieren, vom dringenden Orientierungsversuch, von der atemlosen Überblickssehnsucht zu einem eigenartig kühlen Mea Culpa der Untätigkeit. Das ist schade. Denn was an "All That is Wrong" neben der visuellen Ebene vor allem fasziniert, ist der Moment der Suche nach einer Position, einer Haltung, einer Moral. Es ist die noch gar nicht gewertete Unordnung. Diese hat schliesslich auch die Form der Performance inspiriert: Welch vergänglicheres Notat gibt es als das in Kreide geschriebene auf einer Bühne.

 

All That is Wrong
von Ontroerend Goed (Gent)
Regie: Alexander Devriendt, Text: Koba Ryckewaert, Kostüme, Bühne: Sophie de Somere, Dramaturgie: Joeri Smet, Sound: Jasper Taelemans, Licht: Rob Van Ertvelde.
Mit: Koba Ryckewaert, Zach Hatch.

www.auawirleben.ch

 

Mehr zu Auawirleben 2013: Das Gastspiel von NO99 aus Estland mit Jeder echte Herzschlag beim Auawirleben-Festival in Bern beschrieb Brigitta Niederhauser.

 

Kritikenrundschau 

"Koba Ryckewaert, die 18-jährige Schauspielerin, will besser klarkommen mit ihren Wahrnehmungen. Immer schneller und immer atemloser schreibt sie all die Schlagwörter rund um die westliche Konsumgesellschaft auf große schwarze Tafeln. Stellt Verbindungen her, streicht durch, löscht aus", beschreibt Brigitta Niederhauser die Inszenierung im Bund (2.5.2013). Nur ist sie bei ihrer eindrücklichen Performance leider nicht allein. "Da ist noch Zach Hatch, der Videokamera und Computer bedient", er gebe auch Stichworte, schnappt sich ein Stück Kreide und schreibt auch mal mit, wobei er wie ein Agitator wirkt. "Zum Glück sind sie kurz, diese Momente, und Kobas unglaubliche Präsenz führt subito wieder zurück auf einen auch künstlerisch rundum überzeugenden Emanzipationsparcours." 

 

 

 
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