Die große Ausuferung

von Katrin Ullmann

Hamburg, 30. April 2013. Wenn Bernd Grawert als Dimitrij Karamasow zwischen seinen beiden Geliebten hin und her hetzt. Wenn er stolpert, taumelt, Glück verspricht und Geld. Wenn er zwischen dem Liebeswahn von Katerina Iwanowna (Alicia Aumüller) – "Ich will ein Möbelstück sein. Der Teppich unter Ihren Füßen" – und dem wortlos provozierenden Beinballett von Patrycia Ziolkowska als Gruschenka um eine Entscheidung ringt. Wenn Grawert mit erregter Stimme und Katerinas Geld zu Gruschenkas Held werden kann. Wenn er rennt, bebt, schwitzt und seinen schweren Militärmantel (Kostüme: Ilse Vandenbussche) doch nicht ablegt.

In jedem lauern Jähzorn und Exzess

Wenn er – viel, viel später an diesem Abend, an dem Luk Perceval Dostojewskis "Brüder Karamasow" am Hamburger Thalia Theater zur Aufführung bringt – seiner Gruschenka wieder begegnet. Wenn sein ganzes kantiges Gesicht weint vor Fassungslosigkeit, als er sie wiederzuerobern scheint. Wenn Patrycia Ziolkowska ihn zielsicher und in Höchstgeschwindigkeit durch eine Achterbahn der Gefühle jagt. Wenn sie mit heiser-heiterer Stimme lacht und betet, gurrt und bereut. Wenn sie mädchenhaft wegrennt und sich aufbäumt, wenn sie zappelt, flüchtet, tanzt und auch mal in seine Arme fällt.

Wenn Alexander Simon als Aljoscha Karamasow gefühlsverwirrt ins Stottern gerät, die menschlichen Abgründe und (seine) verirrten Gefühle nicht mehr in Worte zu fassen vermag, er seinen Gottesglauben mit dem älteren, homophoben Bruder Iwan (Jens Harzer) ausdiskutiert. Wenn er, ruhig und erdverbunden, seine These der Kollektivschuld vertritt. Wenn sich später Iwans stete Menschenkritik ("In jedem lauert die Bestie des Jähzorns, des Exzesses") als tragisch verzweifelter Ausdruck von Einsamkeit und Verzweiflung offenbart. Wenn sich Luk Perceval all die Zeit nimmt, um seine Darsteller in einen philosophisch-religiösen Disput über Mensch, Gott und Welt ausufern zu lassen. Wenn er sie dem Liebeswahn verschreibt, wenn er sie Märchen, Poeme und Fabeln erzählen lässt, allesamt zum Überlaufen gefüllt mit Wortbildern.

Dann ist das großes Sprach- und Sprechtheater mit absolut großartigen Schauspielern. Und natürlich steigen Aufmerksamkeit und Begeisterung für dieses diskursintensive und damit recht handlungsarme Unterfangen, befindet sich der Sitzplatz im vorderen Drittel des Parketts.

karamasow2 560 ArminSmailovic hIn den Klanggestängen: Jens Harzer als Iwan Karamasow © Armin Smailovic

Schuld, Unschuld, Gott, Unsterblichkeit

Die Themen, die verhandelt werden, sind ebenfalls groß: Schuld, Unschuld, Wahrheit, Verantwortung, Gott und Unsterblichkeit. Schließlich handelt Dostojewskis Roman aus dem Jahre 1881 eigentlich auch von einem Kriminalfall. Fjodor Pawlowitsch Karamasow, der Vater der drei ungleichen Brüder, bei Perceval überzeugend gespielt von Burghart Klaußner, wurde umgebracht. Also gilt es, den Mörder zu finden. Verdächtigt werden (fast) alle. Am Ende gesteht Smerdjakow (spitzmündig und verdreht: Rafael Stachowiak), Fjodors unehelicher Sohn, die Tat und nennt zugleich Iwan, seinen ahnungslosen Anstifter, den "Hauptmörder". Verurteilt jedoch wird Dimitrij. Dessen Hass und seine Eifersucht auf seinen Vater waren das überzeugendste Mordmotiv.

Perceval inszeniert die Romanfassung, die er gemeinsam mit Susanne Meister erstellt hat, in einem Labyrinth voller Klanggestänge von Annette Kurz (Bühne) und Ferdinand Försch (Musik und Klanginstallation). Die meterlangen, vom Schnürboden hängenden Rohre machen sich ganz gut im Licht, klingen natürlich ab und an, aber öffnen leider auch die Tür ins Kunstgewerbliche. Ein weiterer Sinn erschließt sich – selbst wenn man die zudem ratlos auf der Bühne herumstehende Glocke länger betrachtet – leider nicht. Der Abend fasziniert durch umwerfende Schauspieler in großen, sprachgewaltigen Auftritten. Doch er hat auch große Längen, verheddert sich in Details, Erklärungen und Wiederholungen. Percevals Zugriff auf den Roman erscheint fast ehrerbietig sanft. Brechungen sind völlig fern und Heutiges muss draußen bleiben. Willkommen im 19. Jahrhundert.


Die Brüder Karamasow
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski
Regie: Luk Perceval, Bühne und Klanginstallation: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Musik und Klanginstallation: Ferdinand Försch, Musikalische Beratung: Lothar Müller, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Alicia Aumüller, Marina Galic, Bernd Grawert, Jens Harzer, Burghart Klaußner, Benjamin-Lew Klon, Peter Maertens, Alexander Simon, Rafael Stachowiak, Patrycia Ziolkowska.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.thalia-theater.de


Dostojewski gibt es regelmäßig auch von Volksbühnen-Chef Frank Castorf. In Leipzig inszenierte Sebastian Hartmann jüngst Dostojewskis Traum eines lächerlichen Menschen.

 

Kritikenrundschau

Nach Meinung von Anke Dürr (Frankfurter Rundschau, 2.5.2013) hat Perceval seine Inszenierung der "Brüder Karamasow" "eindeutig zu stark reduziert". "Die Entscheidung, den Roman nicht viel simpler zu machen, als er ist", sei mutig, der Preis allerdings hoch: Die Schauspieler müssten sich "meist in langen Monologen durch die Textmassen pflügen" und täten dies "mit großem Ernst". Wie sich die Protagonisten auf Schemeln "die philosophischen Grundfragen um die Ohren" hauten, habe zeitweilig "die Anmutung einer Familienaufstellung"; der Kriminalfall sei hingegen bloß Rahmenhandlung. Spielmomente seien selten, "es muss Strecke gemacht werden im Fortgang der Handlung". Jens Harzer kämpfe sich "in einem sensationellen Kraftakt durch seinen mehr als halbstündigen Monolog vor der Pause, als würde er die Gedanken tatsächlich gerade erst denken". Bernd Grawert wirke manchmal, "als wolle er die Größe des Textes beglaubigen durch die Energie, mit der er ihn brüllt". Perceval gebe "uns in seinem vierstündigen philosophischen Parforce-Ritt die Antwort (...): Niemand ist unschuldig."

Matthias Heine von der Welt (2.5.2013) findet Percevals Inszenierung stellenweise durchaus "hochkomisch" und würdigt neben den Scheiteln und Glatzen der Darsteller ausführlich das für ihn anspielungsreiche Glockenspiel-Bühnenbild von Annette Kurz. Besonders schön findet Heine die Szene zwischen Simon und Galic, "eine der schönsten Liebesszenen der gesamten Weltliteratur". Bis zur Pause hat der Kritiker "all dem gebannt, wie angenagelt" gelauscht, diese ersten zwei Stunden vergingen "wie ein irrer berauschender Traum". Danach zerschlage Perceval allerdings wieder einiges von dem Aufgebauten. "Und zunehmend ungeduldig wartet man darauf, dass die Regie noch einmal irgendwas Überraschendes und Bezauberndes mit dem Glockenspiel-Bühnenbild anfängt. Aber nein. Es endet still verläppernd. Als hätten alle nach 240 Minuten einfach vor Erschöpfung nicht mehr weitergewusst."

Armgard Seegers vom Hamburger Abendblatt (2.5.2013) hat einen "großen, wirklich großartigen Theaterabend" gesehen. Das "glänzende Ensemble (...) jagt, tobt, fleht, bebt durch vier Stunden voller Gefühle und Gedanken, durch Sinnsuche und Selbstsuche". Dies sei die "kongeniale Übersetzung" eines der "bedeutenden Werke der Weltliteratur" auf die Bühne. "Thema, Interpretation und Gestaltung finden hier perfekt und sinnlich zusammen."

Volker Corsten beschreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.5.2013) den Prozess der Roman-Verknappung: von 1200 auf 90 Seiten, "Nebenstränge gekappt, die philosophischen Diskurse komprimiert, das Personal auf wenige Figuren und die auf ihren absoluten Kern reduziert" – und dennoch hätte die Theaterfassung für seinen Geschmack "gegen Ende ruhig noch ein paar Seiten kürzer sein dürfen", also dann, wenn es in der Krimihandlung zur Sache geht. Alle Figuren würden hier "mit viel Liebe betrachtet", Krimi und Prozessausgang interessierten Perceval hingegen nicht. Lobende Worte findet der Kritiker für den "sakral anmutenden" Bühnenraum : "Eine heilige Halle, in der Lehrer Perceval mit seinen Schüler für alles Nebulöse, Schwierige erstaunlich klare und kräftige Bilder findet, für das vermeintlich Klare, Schlichte aber oft nur wässrige und matte." Hier stehe Simon als Aljoscha "mit der Stoik eines tibetischen Mönches" als "staunender, still mit sich kämpfender Novize im Zentrum – und er ist dabei meist sehr allein unter lauter Irren".

Dirk Pilz von der Neuen Zürcher Zeitung (2.5.2013) ist not amused. Im Inneren des Romans "glüht ein (christlich-existenzialistisches) Glaubensdrama" und wimmele es "von Begriffen, die unserer Gegenwart zusehends zu Fremdwörtern werden". Perceval jedoch versuche, sie, "durchaus zeitgeisttypisch, allesamt ins Psychologische zu übersetzen, in Schwitz- und Schreianfälle, in stumpfe Blicke und hysterische Ausbrüche". Das alles wirke steril, weil sich die Inszenierung verhalte "wie ein Religionswissenschafter, der (...) die Strudel des Glaubens beobachtet und beschreibt, aber fern von ihrer Kraft und Gefahr bleibt. Der psychologische Bühnenblick erkennt hier überall nur Sonderbare, für Seelen ist er blind." Mit "fatalen Folgen für die Figuren": Die Darsteller hätten nur die Möglichkeit, sie zu Solisten oder zur Karikatur zu machen. "Dass man miteinander spielte und nicht nur Worte, Gesten und Blicke hin und her schubste", komme sehr selten vor. Ärger sei aber noch, "dass die Figuren zu Exoten mutieren, zur Ausstellungsware; man kommt sich wie in ein Menschenmuseum versetzt vor, das lauter traurige Exemplare extremer Gefühle und Gedanken vorführt". Damit produziere die Inszenierung "nichts als wohlige Schauder über 'die Extremen' und macht sie zu 'anderen'". Der Zuschauer könne hier höchstens die "Groschenroman-Erkenntnis" mitnehmen, "dass jeder Glaube und jede Wahrheit irgendwie relativ ist und alle Extreme irgendwie komisch sind".

Peter Kümmel ist ins Theater hinein gegangen und aus der Kirche heraus gekommen. In der Zeit (8.5.2013) schreibt er, Perceval unternehme den "irrsinnigen Versuch" die "Brüder Karamasow" zu spielen an einem besonderen Ort. In jener "halben Höhe" nämlich, in der zu sehen sei, dass Erde und Himmel zusammenhängen. "Vom Schnürboden hängen lauter Stahlpendel in den leeren schwarzen Bühnenraum hinab", bei "allgemeinem Tumult stoßen sie tieftönend gegeneinander". Selbst wenn die Figuren miteinander kämpfen, erzeugten sie so eine "Art höheren Einklang". Die Pendel seien "Standleitungen zu Gott", nur benutze sie niemand. Das Spiel erinnere an die übliche Methode heutzutage Romane auf die Bühne zu bringen: Ein Spieler verkörpert eine Romanfigur und erzähle zugleich von ihr. Diese Manier habe Perceval so verfeinert, dass man bei ihm glaube, hier werde "etwas entdeckt, was sonst unbemerkt geblieben" wäre. Alexander Simon, Jens Harzer und Bernd Grawert werden arg gelobt und sehr schön ihr Spiel beschrieben, Burghart Klaußner spiele in der Gerichtsszene sowohl den Staatsanwalt als auch den Verteidiger, "in fliegendem Wechsel, als zische ein Sichel durch ihn durch und spalte den Mann, ohne dass er zerfiele, erst Ankläger, dann Verteidiger. Warum? Weil das Gute und das Böse in dieser Welt so dicht beieinander sind wie Hälften, die gerade erst gespalten wurden." Im Theatersaal aber spüre man am Ende "die Großzügigkeit von Menschen, die zumindest an diesem Abend erlebt haben, was es bedeutet, wenn Gerechtigkeit herrscht – nämlich auf der Bühne", und die nun den Wunsch nach Vergebung aller Sünden verspürten.

 
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