Im Kopfkino der Obsessionen

von Sabine Leucht

München, 30. April 2013. Zum Schlussapplaus nimmt Stephan Kimmig Steven Scharf in die Arme – und da schaudert es einen ein wenig, denn gerade noch war dieser Schauspieler so tief in die Selbstverachtung hinabgestiegen, in den Ekel vor seinem nicht marktkompatiblen Fleisch; und hoffentlich auch ein wenig vor seiner Fixiertheit auf die "willigen, geschmeidigen und muskulösen Mösen" der Thailänderinnen. Berührbar schien dieser Michel mit der Nerdbrille und der an der Grenze zum Überschnappen kratzenden Stimme nur für seine Geliebte Valérie. Aber die ist schon in Michel Houellebecqs Roman eine absonderliche Kreatur. Und das will was heißen.

Spermafluss von Nord nach Süd

Mit "Plattform" (2001) hat der französische Autor einen weiteren fetten Scheit auf die Empörungsglut gelegt, die er seit Erscheinen seines Erstlings "Ausweitung der Kampfzone" regelmäßig entfacht. Denn nicht nur propagiert seine Hauptfigur unverhohlen den Fluss von Geld und Sperma vom erkalteten Norden in den hungrigen Süden, der Roman wimmelt auch von platt explizierten Geschlechtsakten und muslimischen Mordgesellen. Einer von ihnen schneidet Michel endgültig von seinem kurzen Liebesglück ab, das der Kulturbeamte Anfang 40 vielleicht nur in seinen Gedanken konstruiert hat. Das jedenfalls scheinen sich Stephan Kimmig und sein Dramaturg Matthias Günther gedacht zu haben, denn im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele rollen sie die Geschichte von hinten auf und stellen Michel lediglich zwei Psychiater an die Seite, die bei Bedarf in andere Figuren hinübermäandern.

plattform6 560 judith buss xMit Nerdbrille im Videobild: Steven Scharf als Michel © Judith Buss

Valérie ist bereits tot und Michel betritt die Bühne gebeugt und mit dieser eingerosteten emotionsbereinigten Stimme, die sehr an Scharfs Judas erinnert. Katja Haß hat ihm einen langsam sich drehender Raum mit Wänden aus Gaze gebaut, der sich später zu einem stilisierten Sommerhaus weitet, zunächst aber in transparente Parzellen unterteilt ist, an deren Wänden live gefilmte Bilder und Filmkonserven einander überlagern. Scharfs Gesicht wird dort zu Beginn riesengroß, und wer diese leeren und dann wie auf dem Weg ins Koma unter die Lider schlüpfenden Augen gesehen hat, diese bebenden und schließlich zu einem hoffnungslosen Lächeln zerdehnten Lippen, der weiß schon: Das wird Scharfs großer Abend.

Dieser eigentlich sehr ansehnliche Riese hat die ganze erbarmungswürdige Hässlichkeit, die in jedem Menschen steckt, nach außen gekehrt und erzeugt damit die richtige Mischung aus Abscheu und Mitleid. Nicht nur am Anfang, wo der Kameramann ihn gut sichtbar belagert, um einen Wirbel von Bildern eines Gefallenen zu produzieren, der über dem "Schimmelpimmel" seines ermordeten Vaters in grausige Verzückung gerät und sich – während er den Sex mit einer Prostituierten lediglich verbalisiert – mit der Handkamera selbst umkreist.

Nehmen Sie Psychopharmaka?

Man denkt an Platons Höhlengleichnis und an den Doppelsinn des Begriffs "Projektion". Und der immense technische Budenzauber, den Kimmig (Regie) und Julian Krubasik (Video) veranstalten, füllt sich mit Sinn. Und: Ja! Auch die Grundidee funktioniert: Den Abend als Kopfkino dieses so obszön an seiner Einsamkeit Leidenden aufzufassen. Aber sie produziert auch Fallen.

Viele Textstellen haben Kimmig und Günther aus dem Roman übernommen, aus Gedichten Houellebecqs und aus Interviews mit ihm. Vor allem aus dem einen, das André Müller im März 2002 mit dem Autor geführt hat. Aus diesem stammt auch Wolfgang Preglers erster Satz: "Nehmen Sie Psychopharmaka?" Und viel weiter als bis zum Stichwortgeber bringt es Pregler auch in der Folge nicht. Weder als Valéries Chef in der (Sex-)Tourismusbranche, noch als Mahner für ein wenig Anstand im weltweiten Schamlosigkeitsgewerbe oder als der, der Michel daran erinnert, dass die Frau, die immer noch Valéries Perücke trägt, in Wahrheit seine Kollegin ist. Diese Doppelfigur spielt Katja Herbers – mit willig geöffnetem Mund in den Großaufnahmen, worin sich mühelos der plötzlich winzig klein gezoomte Michel versenken ließe.

Liebe ist möglich

Anfangs springt Herbers hektisch und sehr schrill von der kriminalistischen Fragenstellerin zur angeschickerten Hysterikerin zur automatenhaft gurrenden Bastrocktänzerin. Ganz, wie es die Männerphantasie verlangt. Dann aber kommt sie im Ideal zur Ruhe: Valérie, von enervierender Putzigkeit und vor Freundlichkeit leuchtend, allzeit bereit auch im Restaurant mal schnell Hand anzulegen und Michels Schwächen zu übersehen: Eine Projektion, bei deren Ausmalung schauspielerisch viel auf der Stelle getreten werden muss.

Doch damit da, wo es auch in der Stückfassung noch mehr thesenhaft als dramatisch zugeht, keine Langeweile aufkommt, erfindet Kimmig allerlei lustige Szenen: So werden etwa Rühreier gebraten oder Valérie nimmt den bei der ersten Berührung zum wehrlosen Säugling geworden Riesen wie selbstverständlich zur Brust. Das ist hübsch. Sprechender aber ist der Moment, an dem Michel zum ersten Mal diesen Namen ausspricht: "Valérie". Und für einen Moment den gigantischen Überdruck aus seiner Stimme nimmt.

"Liebe ist möglich!", sagt Michel-Houellebeqc-Scharf am Ende. Auch im armseligsten Leben. Es muss nur eine kommen, die aus reiner Hingabefreude besteht. Und einem Bombenattentat zum Opfer fällt, bevor auch ihr Körper in den Augen des Partners "shitty" wird. Das Unglück ist einem demnach sicher.


Plattform
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Aus dem Französischen von Uli Wittmann
In eigener Fassung von Matthias Günther und Stephan Kimmig
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Video: Julian Krubasik, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Katja Herbers, Wolfgang Pregler, Steven Scharf.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de


Mehr Michel Houellebecq: nachtkritik.de besuchte zuletzt Karte und Gebiet in der österreichischen Erstaufführung unter Ali M. Abdullah an der Garage X in Wien und in der deutschen Erstaufführung unter Falk Richter in Düsseldorf.

 

Kritikenrundschau

"Applaus für eine handwerklich perfekte Inszenierung, in der Kimmig die technischen Mittel ähnlich einsetzt, wie Houellebecq in seinen Romanen oft abstruse Motive unbedeutenden Randfiguren unterschiebt: ostentative Taschenspielertricks", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (2.5.2013). In ihrer Textfassung bauen Kimmig und Matthias Günther um die Erzählung Michels einen Rahmen der Befragungen durch Psychiater. "Diese erfundenen Befragungen suggerieren Dialoge, und doch bleibt die Aufführung episch; akribisch wird ein Roman vorgestellt, erzählt, selbst dann noch, wenn sich Herbers in Valerie verwandelt." Kimmig lege Houellebecqs weiche Seite bloß und "erzählt von der romantischen Suche eines einsamen Individuums." Das gelinge Kimmig mit dem rastlosen Steven Scharf "schön und stimmig".

Bewundernswert sei die Umsicht, mit der Stephan Kimmig die Pornografie der Vorlage behandelt, "und auch sonst ist 'Plattform' eine Literaturaneignung des Theaters, wie sie selten glückt", schreibt Mathias Hejny in der Abendzeitung (2.5.2013), nämlich "visuell in jedem Moment ein Spektakel und schauspielerisch zum Niederknieen". 

 

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