Das Theater in der Mausefalle

von Claude Bühler

Basel, 3. Mai 2013. Würde es halten? Schwarze Wolkenbänke hatten sich zum Vorstellungsbeginn über dem Theaterplatz geschichtet. Magie! Drama! Poesie! Spektakel! versprach die Aufschrift an der heruntergekommenen Schaubude. Die farbenfroh kostümierte und bunt geschminkte Vaudeville-Truppe wuselte bereits eifrig herum, zelebrierte billige Zaubertricks, sang Chansons, verstolperte sich in falsche Auftritte. Da fielen vereinzelte Tropfen. Die letzte Premiere der Saison: bedroht?

Vier hausfremde Regisseure hatte Schauspielchef Tomas Schweigen um eine 15-minütige Vaudeville-Szene gebeten mit der Fragestellung "Was bedeutet für Euch Stadt-Theater?" Und alle vier inszenierten Eskalationen, Katastrophen, Zusammenbrüche.

vaudeville001 560 judith schlosser uDraußen vor der Tür: das Stadttheater? © Judith Schlosser

Beim ersten Regisseur, Massimo Rocchi, läuft der Direktor der Truppe (Silvester von Hösslin) beim Probenstreit davon, bei Nina Mattenklotz trampeln zwei Herren in die Szene, fragen nach der "Bewilligung" und ziehen der Truppe schließlich den Stromstecker aus. Eklat auch bei Nummer drei, bei Markus Heinzelmann: Affektiert sprengt eine Mutter aus dem Publikum die Vorstellung. Ihr Junge weint, weil der "Löwe" aus Shakespeares "Sommernachtstraum" eine Hundepuppe "frisst". Und überhaupt platzen immer wieder allerlei "Passanten" in die Szenen. Zu guter Letzt (Regie: Jan-Christoph Gockel) räumen Bühnenarbeiter die ganze Schaubude vom Platz. Wie es aussieht, ist das Stadttheater also von vielen Seiten bedroht.

Das Publikum ist immer schuld

Über den Hang der Regie-Viererbande zu Katastrophe und Rahmensprengen ließe sich lange diskutieren, wo hier doch das Selbstverständnis der Macher im subventioniert-gesicherten Stadt-Theater befragt wurde. Und dazu skurrile Schaubuden-Szenen im Stil des 19. Jahrhunderts mit dem "stärksten Mann der Welt", der "bärtigen Frau" etcetera vorgegeben waren.

Jan-Christoph Gockel gibt in seiner Viertelstunde dem Publikum die Schuld daran. Es reagiere nicht, selbst wenn "Karl, der kühne Kaskardeur" (Johannes Schäfer) auf dem Mofa durch den brennenden Reifen fährt, wenn die "Frau ohne Seele" (Mareike Sedl) mit Feuerfackeln jongliert, wenn der "starke Mann" (Jesse Inman) Feuer speit. Den Befund spuckt jedenfalls ein riesiger, antiquierter Kasten, der "Applausometer", auf langem Papier aus. Für die Premiere kann man sagen, der Kasten log: Denn das Publikum lachte und applaudierte nach jedem Gag dankbar.

vaudeville011 280 judith schlosser uTheater = Mummenschanz  © Judith SchlosserDie Werkstatt des Inszenierens

Aber die Truppe heult und zappelt. Dann müsse man halt live einen Affen verbrennen oder Feuer regnen lassen, so lässt Gockel den Zauberer "Magic Marcello" (Philippe Graff) delirieren. "Mehr Brutalität" fordert auch die Chanteuse "Madame Josephine" (Chantal Le Moign). Und der Kaskardeur springt gar vom nahegelegenen Kunsthalle-Dach. "Wir müssen uns auf das Niveau des Publikums begeben", weiß die bärtige Frau (Vera von Gunten) – und rutscht in Knieschuhen in die Szene.

Markus Heinzelmann richtet den Blick mehr nach innen – in die Werkstatt des Inszenierens – und schildert das Bühnenspiel als hilflosen Akt. Mit vielen Seitenhieben gegen die Formation "Mummenschanz" gibt die Truppe inbrünstig, aber holperig Shakespeares Laienaufführung vor dem König im "Sommernachtstraum". Dazu wird Heiner Müllers Abrechnung mit dem Schauspiel, das Gedicht "Theatertod" rezitiert. Schmierentheater hat auch keine Berührungsängste mit Mozarts Requiem ("Dies irae"): für die Schaubudenleute der geeignete Background um ungestalte "Tableaux vivants" zu präsentieren.

Nina Mattenklotz mixt und verkeilt Märchen wie Rotkäppchen, Dornröschen und die Geschichten von Münchhausen ineinander, bis das Ensemble in Streit über den Text gerät. Und Massimo Rocchis Eklat-Szene beginnt damit, dass der eine erst ab 17 Uhr proben will, die "Frau ohne Seele" ausruft, sie könne keine Frau ohne Seele spielen, und wieder andere die Hauptrolle oder mehr Gage fordern.

Vereint im Tanz

Der Clou des Abends ist aber der Aufprall vom Schaubudenspiel mit den Kommentaren von Tomas Schweigen und dem Slam-Poeten und gegenwärtigen Hausautor Gabriel Vetter, die wie das übliche Sportreporter-Duo über die Vorgänge herziehen. Zwar vermitteln sie vordergründig Historisches zum Theaterschaffen der letzten zwei Jahrhunderte in Basel. Aber hintergründig feuern sie mit naiv getöntem underacting Pointen ab, die den Witz der Darbietungen verschärfen. Übertragen via Kopfhörer, bestens abgemischt.

Das Finale des quirlig-pfiffigen Abends bildet eine grosse Tanzchoreographie der Truppe mit Passanten auf dem nun leeren Platz. Die Macher und das Publikum vereint im Tanz: Ein Bild der Hoffnung für das Theater? Die Wolken zumindest haben gehalten. Der Abend sein Versprechen auch: die bislang spannendste Vorstellung von FADC als group in residence am Theater Basel.

 

Vaudeville. Open Air! (UA)
nach einer Idee, von und mit FADC (Far a day cage)
Künstlerische Leitung: Tomas Schweigen, Regie: Jan-Christoph Gockel, Markus Heinzelmann, Nina Mattenklotz, Massimo Rocchi, Bühne: Stephan Weber, Demian Wohler, Kostüme: Anne Buffetrille, Musikalische Leitung: Martin Gantenbein, Audiokommentar: Tomas Schweigen, Gabriel Vetter, Dramaturgie: Eva Böhmer, Licht: Anton Hoedl.
Mit: Philippe Graff, Jesse Inman, Chantal Le Moign, Johannes Schäfer, Mareike Sedl, Silvester von Hösslin, Vera von Gunten.
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Einen "weitschweifenden, grell geschminkten Rückblick, das Theater an sich betreffend, die verletzlichen Seelen seiner Schauspieler, die schwer ergründbaren von Kritik und Publikum, nicht zu vergessen die spezielle Geschichte des Hauses in Basel" hat Annette Mahro für die Badische Zeitung (6.5.2013) gesehen. "Vor der abenteuerlichen Bühne tauchen ein ums andere Mal neben einer Vielzahl echter Passanten beteiligt Unbeteiligte auf, sodass es immer neu zu verifizieren gilt, was denn zum Spiel gehört und was nicht." Es dürfe mitgelacht und -gedacht werden. Und am Ende sei Theater überall. "Das kennt man ja."

Das Ensemble dieses Open Air-Abends strahle eine "erfreuliche und teilweise ansteckende Spiellust" aus, schreibt Dominique Spirgi in der Tageswoche (6.5.2013). Nur leider wüssten die Gaukler nicht wirklich, was sie mit sich und vor allem mit uns Zuschauerinnen und Zuschauern anfangen sollen. "Vier Regisseure haben sich mit ihnen beschäftigt und Szenerien zusammengestellt, die keinen inhaltlichen Bezug zueinander haben. Die auch keine wirklich nachvollziehbaren Inhalte zu vermitteln vermögen, ausser, dass die skurrile Menagerie halt eben skurril ist." So plätschere der Abend vor sich hin, etwas seicht und ganz und gar harlmos. Es gebe witzige und ein paar überraschende Regieeinfälle zu erleben, die Kostüme seien schön, die Schaubude, die zum Schluss weggefahren wird, eigentlich reizend. "Als Showeinlage bei einem Theaterfest wäre dies ganz passend, als abendfüllendes Spielzeitprojekt hat 'Vaudeville! Open Air' letztlich aber gar wenig Fleisch am Knochen."

 
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