Der verkommene Aufstand

von Tim Schomacker

Hannover, 3. Mai 2013. Und dann steht plötzlich Marie Antoinette da, mit türmchenhoch gepuderter Frisur und weitem Kleid. Sie spricht einen Text des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek. Als würde sie den ganzen Tag nichts anderes machen. Dabei konnten wir sie bis zur Pause beobachten, wie sie ihrem königlichen Gatten, Louis XVI., nach Kräften solche Flausen aus dem Kopf zu schmeicheln versuchte wie Verständnis für das brotlose Volk. Der Žižek-Text handelt davon, wie sich an den Interpretationen der französischen Revolution stets eine Menge Gegenwart ablesen lässt. Und von der Scham der bürgerlichen Gesellschaft, weil sie des jakobinischen terreur bedurfte, um die Menschenrechtserklärung zu bekommen. Kurz: dass "1789" tatsächlich bis 1793 dauerte, mindestens. Irgendwie unangenehm.

Tom Kühnel hat sich die wirkmächtigen Jahre für das "Junge Schauspielhaus" in Hannover vorgenommen. Mit Texten von Robespierre bis Žižek, von Büchner bis Feuchtwanger. Paradoxerweise markiert Kühnel einerseits präzise die Schnittstelle zwischen Aufstand und Terror – tappt andererseits mit seinen Bildern just in genannte Schamfalle. Denn während die Ausschweifungen Marie Antoinettes und Louis XVI. ebenso wie das Aufbegehren des Dritten Standes in kurzen Szenen grell und schräg daherkommen dürfen, bleibt für Phase 2 der Revolution – vor allem entlang Büchners "Danton" – dann doch wieder nur der hohe Staatsschauspielton.

Start in den USA
Gleichwohl ist Kühnels Revolutions-Projekt geglückt. Nicht zuletzt, weil er Theater (auch) für Jugendliche macht – "ab 14", sagt die mutige Altersangabe –, das Jugendliche ebenso ernst nimmt wie Theater. Jo Schramm hat ihm dafür einen gläsernen Bühnencontainer gebaut, der sich wahlweise als Spiegel- und Leinwand, als Kammer und Saalattrappe oder gleich als Guillotine nutzen lässt. Zu Beginn wird er von einem Stars-and-Stripes-Banner illuminiert, dazu erklingt die US-Hymne in der untergründig wummernden Version der slowenischen Kunst-Rockband Laibach. Als knallig konturierte Leinwandschatten deklamieren die sieben Akteure aus der Unabhängigkeitserklärung. Ein lohnender transatlantischer Faden, der im Lauf der knapp drei Stunden dramaturgisch wieder hätte aufgenommen werden können. Doch konzentriert sich Kühnel bis zur späten Pause – zwischen Marie Antoinettes Verurteilung zum Tod und ihrer Wiederauferstehung als Žižek-Erzählerin – auf die französische Histoire 1789ff.

revolution 226 560 katrin ribbe uSchreien allein hilft nicht? "Die französische Revolution. Born to Die" © Katrin Ribbe

Im kleinengen Versailler Zimmerlein versucht der Schweizer Bankier Necker den Souverän vor der Pleite zu retten. Staatsbankrott sei reine Kopfsache, kontert Marie Antoinette (hinreißend zwischen Koketterie und bohrender Nörgelei oszillierend: Lisa Natalie Arnold): "Großmächte gehen nie Konkurs!" Louis XVI. indes zeigt sich kompromissbereit – um die Absolutheit des absoluten Herrschers zu retten. Generalstände werden einberufen, ein "Klageheft" soll Sorgen und Nöte der Bevölkerung sammeln.

Geschichtsunterricht im besten Sinne
Schön schälen Kühnel und Ensemble aus einzelnen Beschwerden über Steuerungerechtigkeit und aristokratische Willkür einen kollektiven Klagegesang heraus, der – die Bauern als montypythonesker Haufen zusammengedrängt – in ein forderndes Geschrei übergeht. Erstes Anzeichen jener "göttlichen Gewalt", die Antoinette/Žižek später in Rückgriff auf Walter Benjamin als unwiderstehliche Kraft hinter dem jakobinischen Terror markieren wird.

Zunächst bricht Sebastian Schindegger zu einem wunderbaren Solo aus dem Brüll-Chor (und aus seiner Rolle als "Dritter Stand"): "Das war nicht die Revolution, falls Sie sich das jetzt gefragt haben. Schreien allein hilft nicht." In der brüchigen Manier eines Josef Hader doziert er lichtbildgestützt über Ursachen, Wirkungen und Entwicklungen – Geschichtsunterricht im besten Sinne. Schindegger spricht von Kaninchenplagen, Staatsschulden, von tatsächlichen und symbolischen Stürmen, die über Frankreich hinwegfegen. Und von "Marie Antoinette, der alten Schlampe. Das bin nicht ich, der das sagt, das ist der Volksmund, der aus mir spricht, der gemeine Volksmund."

revolution4 280 katrin ribbbe uDie Revolution als feuchter Traum eines dekadenten Lebenswandels © Katrin Ribbe

Alles Advokaten

Dieser unterhaltsame Geschichtsdurchlauf ist in seinen meist grellen Elementen deutlich Ariane Mnouchkines zirzensisch-schräger Performance "1789" von 1970 abgeschaut. Jedenfalls in Hälfte eins. Die sieben Akteure wechseln Rollen, Kostüme und Perspektiven. Mal läuten sie nur mit roten Leuchtstäben im dunklen Publikumsraum erhellt in einem klug, aber ruppig gebauten Sprechcrescendo den "Sturm auf die Bastille" ein. Mal feiern sie als Landadel im bizarr-weißen Ornat zu einem smoothen Seventies-Beat die Unterstützung der Aufständischen als feuchten Traum ihres dekadenten Lebenswandels. Mal exerzieren sie im eleganten Stakkato die Positionsbestimmungen der revolutionären Prominenz durch; alles Advokaten: vom knallharten Saint-Just über den rhetorisch versierten Robespierre bis zum gemäldegleichen Marat in der Badewanne. "Ich hab die Volksjustiz erfunden", wird Danton gegen Ende sagen, "wie glaubt ihr, sie pervertieren zu können, ohne dass ich es bemerke?" Dass Souverän, Straße und Stardom sich in dieser Figur am prägnantesten verbinden, wusste bereits Büchner.

Die französische Revolution. Born to Die
Konzeption und Regie: Tom Kühnel, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Markus Hübner, Dramaturgie: Lucie Ortmann.
Mit: Lisa Natalie Arnold, Sarah Franke, Daniel Nerlich, Hagen Oechel, Oscar Olivo, Sebastian Schindegger, Andreas Schlager.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspielhannover.de

 

Ermöglicht durch eine Förderung der

logo stiftung-niedersachsen

 

 
Kommentar schreiben