Bauer sucht Leben

von Cornelia Fiedler

München, 4. Mai 2013. Gewollte Authentizität bei gleichzeitiger Inhaltsarmut, das sind die Markenzeichen dessen, was Protagonisten aller Doku-Soaps von "Schwiegertochter gesucht" bis "Die Geissens" in jeder Lebenslage nachdrücklich in die Kamera sprechen. In diesen Duktus verfällt Thomas Schmauser an den Münchner Kammerspielen, wenn er als landflüchtiger Bauernsohn sein neues Leben in der Großstadt kommentiert: "Ich setze jetzt diese Arbeitsbrille auf, damit ich meine Arbeit gut sehen kann", erläutert er mit einer verunsicherten, umständlichen Wichtigkeit, die an Karl Valentin und Helge Schneider erinnert. Endlich habe er einen Job gefunden und sei nun "etwas angespannt", fährt er fort, will sichtlich an sich glauben – zumindest bis er sich beim Steineklopfen erst einen Finger abschlägt, dann zwei, dann die ganze Hand. In einem blutigen Slapstik versucht er verzweifelt, den Job trotz alledem zu halten, doch die eilig übergezogenen "I-love-München"-T-Shirts können weder Kunstblut noch Arbeitsunfähigkeit verbergen.

Metallener Großstadt-Dschungel

Das Scheitern ist programmiert in "Bauern sterben", das der Autor Franz Xaver Kroetz als dramatisches Fragment bezeichnet und 1985 selbst an den Kammerspielen uraufgeführt hat. Zum hundertjährigen Bestehen werden nun 2013 einige Stücke neu inszeniert, die das Profil des Hauses geprägt haben. Regisseur Armin Petras hat sich für die bittere Sozial-Groteske über zwei Geschwister vom Lande entschieden. Ein metallener Großstadt-Dschungel aus Baugerüst-Stangen nimmt die gesamte Bühne im Werkraum ein. Dessen symmetrisch angeordnete Reihen sind auf Hüfthöhe durch waagerechte Stangen verbunden – eine zum Verzweifeln sperrige Welt der Planquadrate von Bühnenbildner Olaf Altmann.

bauern3 560 conny mirbach x(v.l.n.r.) Marie Jung, Lasse Myhr, Thomas Schmauser © Conny Mirbach

Petras kürzt die Geschichte von Armut, Landflucht, Scheitern und Rückkehr entschieden und wohltuend, verlangsamt sie immer wieder für ironisch ikonographische Bilder vom "Titanic"-Abklatsch bis zu Kreuzigungsmotiven. Er verschneidet die ursprüngliche Fassung, in der Dialekt auf Hochdeutsch trifft, mit Szenen der entschärften, zweiten Version, einem Auszug aus "Furcht und Hoffnung der BRD" (1984) und etwas "Germania 3" (1995) von Heiner Müller.

Denkbar derb

Die Inszenierung lässt das Rohe und Übergriffige, die von Kroetz geforderten "großen, groben Darstellungsformen" gekonnt auf ungleich stärkere leise Momente prallen. Denkbar derb, aber ohne zu volkstümeln, streiten Vater, Mutter, Sohn und Tochter gleich zu Beginn, doppelt symbolisch getrennt durch Gerüststangen und unterschiedliche Dialekte – in Bayrisch, Fränkisch und Luxemburgisch mit Übertiteln. Der Sohn will den Hof modernisieren, der Patriarch stellt sich quer und irgendwann fällt auf, dass die Großmutter tot ist. Es folgt ein überraschend zarter, ganz nach Innen gekehrter Monolog von Marie Jung als Tochter Theres: sie steht nahe an den aufsteigenden Sitzreihen und spricht, nach einer plötzlichen Fehlgeburt, gedankenverloren zu einem Menschen, der nie existieren wird: "Glaub mir, du verpasst nichts", sagt sie mit solch einer leisen Intensität direkt ins Publikum, dass man die hinter ihr laufenden Filmprojektionen vom Leichenwaschen kaum wahrnimmt.

bauern1 560 conny mirbach x(v.l.n.r.) Michael Tregor, André Jung, Lasse Myhr, Marie Jung   © Conny Mirbach

Jesus ist immer dabei

Wenn Sohn und Tochter, wie die Hauptfiguren idealtypisch heißen, vom Hof in die Stadt fliehen, alle Warnungen in den Wind schlagen, aufgekratzt das neue Leben feiern und Schnäppchen jagen, wenn der Sohn den Job und den Halt verliert und die Tochter sich prostituiert, dann ist ihr guter alter Jesus vom Dorf immer dabei: Wie eine Wahnvorstellung turnt Lasse Myhr mit Lendenschurz und Dornenkrone über ihnen und um sie herum, übernimmt stellenweise den Text, hängt als unzeitgemäß freundliches, propperes Barock-Engelchen im Gerüst, springt sogar als Freier ein und hilft: niemandem.

Den Leidensweg der Geschwister kreuzen andere, doch jeder bleibt für sich: Die arbeitslose Menschin (Ursula Werner), die freundlich zurückhaltend informiert, warum sie sich gleich selbst verbrennt: "Ich bin ein Schrei, den keiner hört"; der Bauer, der sich als Don Quijote im Kampf gegen einen Stromkonzern ganz wörtlich zum Affen macht; der Arbeitsmigrant, der seine Familie zu Hause ermordet – wie Alpträume flackern ihre Geschichten zur Live-Musik von Miles Perkin auf und verlöschen im gnadenlosen, hochästethischen Lichter- und Klangrausch der Großstadt. So wie der lächelnde Jesus von Lasse Myhr werden auch die Zuschauer bei Petras zu Voyeuren. Allerdings bietet heute das Trash-Fernsehen eine allgemein akzeptierte Form für das, was bei Kroetz noch provozierte: Menschen öffentlich auszustellen.

 

Bauern Sterben
von Franz Xaver Kroetz
Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katja Strohschneider, Musik: Miles Perkin Video: Rebecca Riedel, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Malte Jelden.
Mit: André Jung, Marie Jung, Lasse Myhr, Thomas Schmauser, Michael Tregor, Ursula Werner, Miles Perkin
Dauer: eine Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Das Stück mag seine Zeit gehabt haben, seine Größe vielleicht auch. Im Rückblick aber wirkt es doch recht grob geschnitzt", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (6.5.2013). Armin Petras nehme sich "mit allergrößter Petras-Lässigkeit" die Regie-Freiheit heraus, auf dem Stück seine eigenen Assoziationspirouetten zu drehen. Das habe etwas erfrischend Anarchisches, "was vor allem in den irren Solo- und Impro-Einlagen des grandios durchgeknallten Thomas Schmauser in einen funkelnden Wahnsinn mit schwarzen Löchern abhebt." Das habe zwischendurch aber auch etwas extrem Präpotentes, Kinderspiel- und Probenexzesshaftes, was weniger zu Herzen als auf die Nerven gehe. "Kein runder, strukturierter Abend also, schon gar kein gefälliger, mehr so ein roher, struppiger Bastard." Aber er atme eine künstlerische Freiheit und Andersartigkeit, "für die man dem Theater in diesen durchgenormten und -geformten Zeiten dankbar sein muss."

Ein einheitlicher Abend sei das ganze nicht, "muss es ja auch nicht", schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung München (5.5.2013), "aber auf der Baugestänge-Bühne von Olaf Altmann (…) verliert sich nicht nur der Blick eines landflüchtigen Geschwisterpärchens, sondern der ganzen Inszenierung geht die Luft aus." Dabei beginne sie stark. Doch dann würde bald nurmehr lau improvisiert; Marie Jung spule die einst provokante Rede der zur Hure degenerierten Tochter "mit Regieanweisungen ab". "Ursula Werner tupft den Monolog einer Frau, die sich anzünden will, subtil hin. Michael Tregor darf den Affen machen, Lasse Myhr als Jesus ein wenig lächeln." Am Ende liege schräg ein Holzjesus auf einem Holzkreuz, "und man fragt sich, wieso dieses Stück eine Auferstehung erlebt hat."

Dieser Abend sei zwar in vielem auf charmante Weise handgemacht, lasse aber schon bald nicht mehr erkennen, was zuerst da war: der Regieeinfall oder das Stück, schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.5.2013). "Was sich in der Intimität des kleinen Werkraums als stilisiert komponiertes Heimatsucher-Quartett zwischen Idiomen und Idealen unterhaltsam anlässt, setzt sich statt als statisches Mysterienspiel als dynamisch dichtes Roadmovie zu lässiger Live-Musik und dezenten Videoinstallationen fort." Doch bleibe die Inszenierung schon bald in undefinierbarem Regiemorast stecken. "Trüge Marie Jung als Bauerntochter nicht bis zum Schluss dieses ernsthafte, vielsagend geheimnisvolle und ansteckend großzügige Lächeln, verzauberte Miles Perkin nicht bis zum Schluss mit Gitarre und Gesang und wäre Olaf Altmanns Bühne aus einem Eisenstangenurwald nicht bis zum Schluss so sachdienlich als Musikinstrument, Affenkäfig, Schlachthof und Klettergerüst zu erleben – man fände gar keinen Halt mehr in dieser schrägen Improshow." Weder für das Stück noch für seine Inszenierung biete Petras Erklärungsansätze.

"Der Generationenstreit über einen Bauernhof wirkt antiquiert, die Flucht in die Stadt als Metapher für Flüchtlingsleid dagegen hochspannend", schreibt Annette Walter in der taz (7.5.2013) zunächst über Kroetzens Stück. Und dann über Regisseur Petras: "Er nimmt sich die größtmögliche Freiheit und damit Kroetz beim Wort." Petras baue aus ein paar Brocken sein eigenes irres Stück. Das Anfangselend weiche überraschend dem Amüsement "und das Stück switcht in eine komplett andere Tonlage." Nach dieser wilden Tollerei verwirre dann wieder der ernste Abschluss. "So bleibt nach diesem Theaterabend, in dem es Petras zwar geschafft hat, die Bauerngroteske mit interessanten Ansätzen zu beleben, angesichts der rasanten Stimmungswechsel ein zwiespältiger Eindruck zurück."

 
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