Sinn unterliegt Sinnlichkeit

von Nikolaus Merck

Berlin, 5. Mai 2013. Er hatte es noch einmal betont, kurz vor dem Theatertreffen: Bloß keinen Sinn auf der Bühne will uns Herbert, Herbert Fritsch, der Jungregisseur, he he he, wie man ihn derzeit witzisch ruft. "Murmel Murmel" bietet gewiss keinen Sinn im herkömmlichen Sinn.

Es bietet die Vollendung der Fritschschen Formlust. Wir sehen Individuen in DDR-Hütchen-Chic, 60er-Jahre-Karo und -Nadelstreif gekleidet, mit einem gemeinsamen Wort im Munde, das jeder spricht auf seine ihm eigene Weise. Die hysterische Brüllerin mit der Mähne, der dickliche Erlöser und Kick-Geber, der Eiferer, der Augenverdreher mit dem Spagat-Tick, der Schulterrucker und Anzug-zurecht-Zuppler (das Können der Schauspieler von Herbert Fritsch is' a Woahnsinn!). Wir sehen, wenn die einfarbigen Begrenzungsblenden zu Ingo Günthers Marimbaphon ins Laufen kommen, die Entindividualisierung dieser matt ausgeprägten Subjekte, sehen die Verwandlung der Leiber in Dinge, die eine Komposition der Bewegung aufführen. Es führen die anfangs noch vielen kleinen Geschichten, das Anknurren, Auffahrende, das gesungene "Murmel Murmel", das Gequetschte, Gekiekste in die pure vollendete Form. Wir sehen und hören, was Theater ausmacht. Hier einmal nicht überdeckt von der krampfhaften Mithörerei der Wortbedeutungen, hier einmal treten Klangfarbe, Haltung, Modulation, alle Sprechmittel hervor, die der Bedeutung der Worte sonst die Bedeutung verleihen.

murmel 560c thomasaurin hBallett der Dinge: "Murmel Murmel" © Thomas Aurin

Und weiter geht's. Nach der Austreibung von buchstäblicher Bedeutung nimmt Fritsch auch die Restindividualität der SchauspielerInnen und ihrer Figuren zurück. Die Leiber werden in zwei großen Umkleide-Aktionen hinter dem grünen Hänger zunächst uniformiert – in bunten Tütüs werden sie den mondrianesken Hängern farblich, in ihrem Wallen und eurhythmischen Wägen dem furiosen Soffittenballett auch bewegungsmäßig angeglichen. Zuletzt erscheint die Truppe einheitlich als Varieté-Reihe mit Melodika und Grock-Maske. Der grüne Hänger hinten senkt sich herab, es bleiben Beine und Unterleiber, das Sinnliche triumphiert über den Sinn. Das Ballett der Dinge vollendet sich im kopflosen Bild.

Berlin hat "Murmel Murmel" schon bejubelt, die Kritiker jubelten, nun jubelt, verhalten erst, doch dann fröhlich und ausdauernd auch das Theatertreffen-Publikum. Unser Herbert, he he he, in Blau, mit offenem Hemdkragen, gebräunt und unerhört gut aussehend beim Alleingang auf der Bühne von hinten an die Rampe ganz vorne nimmt den Applaus als wohl gelaunter Souverän entgegen. Ein Wonnentag für ihn.

Hier geht es zur Nachtkritik der Premiere von Murmel Murmel an der Berliner Volksbühne.

 
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