Nicht um jeden Preis

von Grete Götze

Frankfurt, 8. Mai 2013. "Schreiben bedeutet, sich selbst abzuschaffen", steht in Oliver Klucks Stück  "Was zu sagen wäre warum", das von einem Autor aus kleinen Verhältnissen erzählt, der die Beziehung zu seinem Vater Revue passieren lässt. Das klingt autobiographisch, kommt Kluck doch aus einer Arbeiterfamilie. Auch der Satz "Ich bin nicht bereit, den Leuten...zu dienen" fällt. Es macht den Anschein, als seien das wütende Stück-Ich und der Autor einander in die Welten gesprungen, als hätten sich ihre Sätze und Maßstäbe vermischt. Kluck hat sich im Vorfeld der Aufführung an den Frankfurter Kammerspielen, in der Realität, sowohl mit dem Schauspiel Frankfurt als auch mit seinem Verlag Rowohlt überworfen. Beim Rowohlt-Theaterverlag hat er gekündigt, mit dem Theater lautet die Übereinkunft, dass hinter dem Stücktitel der Zusatz "In einer Fassung des Schauspiel Frankfurt" stehen muss. "Figurenvertauschung, blödsinnige Chronologie", schreibt der Autor zur Strichfassung des Theaters auf seiner Internetseite.

kluck01 560 birgit hupfeld uKuriositätenkabinett aus der Vergangenheit: Oliver Kraushaar (Jürgen), Heidi Ecks (Rowenta), Viktor Tremmel (Heinz) und Thomas Huber (Väter) © Birgit Hupfeld

Ist das ein Abend mit blödsinniger Chronologie? Im Gegenteil, es ist ein runder, stimmiger Abend. Umgeben von einer Vitrine, die an Kuriosenkabinette aus dem 18. Jahrhundert erinnert, steht ein unsicheres Autor-Ich mit Blumenstrauß und viel zu langen Schleifen in den Chucks auf der Bühne und berichtet, dass alle seine literarischen Väter tot seien. Brecht. Bernhard. Schleef. Müller. "Viel Hoffnung liegt auf meiner Entwicklung", sagt das Ich. Erzählt, dass der Verlag anruft, Preisverleihungen wahrgenommen werden müssen. Es ist eine Beschäftigung mit dem heutigen Theaterbetrieb, eine monologisierende Abgrenzung von ihm, eine Wut auf die soziale Distinguierung, die Theater oft bedeutet. "Wie immer geht es um die Frage, wer dazugehören darf und wer nicht."

Ohne Reue

Im Kuriosenkabinett schiebt sich derweil ein Menschenknäuel hinter dem Ich zusammen, gräulich gekleidet, mit weißem Gesicht, scheinbar aus der Vergangenheit stammend. Ein Oliver Kraushaar im Fettkostüm kommt zum Vorschein, ein Viktor Tremmel mit angesteckten Riesenohren, ein Thomas Huber in Windeln, alle Konserven einer vergangenen Zeit. Sie brechen nacheinander in die Gegenwart des Autors auf die Bühnenmitte ein, als Versicherungsvertreter Jürgen (Kraushaar), als Väter (Huber), als Heinz (Tremmel), als Rowenta-Maschine oder als Geliebte des Vaters.

Das Autor-Ich macht sich mit dem Zuschauer auf eine Reise durch die kleinbürgerliche Welt seines Elternhauses. In der Kindheit beginnend, zeigt es einen bildungsfernen Bild-Zeitungs-Vater, den Thomas Huber schön unsympathisch in fleischfarbener Unterhose spielt, aus der er seine Zigaretten fischt. Das Ich muss sich mit einem allein stehenden Vater auseinandersetzen, der immer weniger Kontrolle über sein Leben hat, säuft, raucht, wie viele seiner Generation mit für die nationalsozialistischen Verbrechen verantwortlich ist und keine Reue zeigt.

Im Rahmen des Normalen?

Dann, nach dem er gestorben ist – Regisseurin Alice Buddeberg lässt Huber wie im "Tatort" zu Boden fallen – begegnet Ich den falschen Vater-Freunden, dem Versicherungsvertreter Jürgen, der dem Vater eine Versicherung aufgeschwätzt hat, die nicht haftet, nachdem die Waschmaschine ausgelaufen war. In einer widerlich gelungenen Szene schält sich Jürgen aus seinem Fettkostüm, erzählt, wie zufrieden er mit sich sei, steht nackt vor dem Publikum und reibt sich mit goldener Farbe ein. Am Ende auch genüsslich den Penis, um mit der gleichen Hand das Ich zu begrüßen. Schließlich wird der Autor von seinen Figuren verlassen. Nur der Vater, der uns alle begleitet, kommt zurück. Die sorgsam geordnete Geschichte ist zu Ende erzählt.

kluck06 280 hoch birgit hupfeld uVincent Glander als Ich © Birgit HupfeldAber war es nötig, den Text so zu ordnen, dass der Zuschauer einer logischen Handlung folgen kann? Das Frankfurter Team hat erheblich in die Originalfassung eingegriffen (hier lassen sich beide Versionen vergleichen), ganze Passagen sind an andere Stellen versetzt, der Schluss wurde verändert. Ein längerer Abschnitt, der deutliche Bezüge zur Arte-Sendung "Durch die Nacht mit Christoph Schlingensief und Michel Friedman" aufweist, ist völlig herausgestrichen. Gerüchten zufolge soll ein Schauspieler Klucks Text vorgeworfen haben, er sei antisemitisch. Worauf sich der Vorwurf beziehen könnte, geht nicht aus der Aufführung hervor. Obwohl der betreuende Rowohlt-Lektor Bastian Häfner gegenüber Spiegel Online sagte, dass die Eingriffe im Rahmen dessen seien, was Theater normalerweise mit einem Text machten und sich auf Umstellungen und kleine Striche beschränkten, bleibt der Eindruck: Die mit der Regisseurin entwickelte Textfassung hat dem Originaltext wehgetan.

Den Autor vor sich selbst schützen?

Zwar ist dem Schauspiel ein kurzweiliger Abend mit skurrilen Figuren und einem Ich mit freundlich-feindlicher Vaterbeziehung gelungen. Aber warum musste zum Beispiel dieser Satz gestrichen werden, der zeigt, dass es im Theater auch um Geldverhandlungen geht? "Lektor und Verleger behaupten mit einer Stimme, dass ich unter den so genannten Jungautoren ein Spitzenverdiener sei, wo ich tatsächlich kaum etwas verdiene." Oder: "Kürzen: als ich anfange, Theatertexte zu schreiben, brauche ich noch ein halbes Jahr pro Text. Heute benötige ich drei Wochen, bis alles versandbereit ist. Die Lieferzeiten habe ich allerdings beibehalten." Ist das nicht eine interessante Passage, die eine ironische Aussage über die Entwicklung eines Autor-Ichs macht? Hätte man nicht länger als eine Stunde und zwanzig Minuten spielen können, um dem Text wenigstens bei seiner Uraufführung einigermaßen gerecht zu werden? Musste man die wütenden Buchstaben so sehr beschneiden, den Autor so vor sich selbst schützen?

Es ist gut, dass durch den öffentlich gewordenen Konflikt in den Fokus gerückt wird, dass Autoren häufig mit Spielfassungen identifiziert werden, die mit ihrer Originalfassung keineswegs übereinstimmen. Und auch wenn es nervt, ist es wichtig, dass da ein Autor nicht um jeden Preis bereit ist, dem Theaterbetrieb zu dienen.

 

Was zu sagen wäre warum
von Oliver Kluck in einer Fassung des Schauspiel Frankfurt 
Regie: Alice Buddeberg, Bühne: Cora Saller, Kostüme: Martina Küster, Musik: Stefan Paul Goetsch, Dramaturgie: Claudia Lowin.
Mit: Vincent Glander, Thomas Huber, Heidi Ecks, Viktor Tremmel, Oliver Kraushaar.
Dauer: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr zu den Schwierigkeiten zwischen Autoren, Theatern und Verlagen erfährt man aus dem Gespräch, das Simone Kaempf, Wolfgang Behrens und Georg Kasch im April 2013 mit Gesine Pagels (Felix Bloch Erben), Frank Kroll (Suhrkamp Theater-Verlag) und Tobias Philippen (schaefersphilippen) geführt haben.

Mehr dazu, wie solche Problematiken in der Autorensicht sich ausnehmen, erfährt man aus dem, ebenfalls im April auf der nachtkritik.de-Seite zum Heidelberger Stückemarkt veröffentlichten Aufsatz von Theresia Walser Was sich nicht aus der Welt schaffen lässt.

Kritikenrundschau

Natascha Pflaumenbaum untersucht auf der Website von Deutschlandradio Kultur (9.5.2013) "Warum sich der Dramatiker Oliver Kluck und die Regisseurin Alice Buddeberg überworfen haben": Klucks Text erzähle vordergründig eine "Vater-Sohn-Geschichte", liefere aber vor allem "eine Milieustudie, die den Oberschicht-Unterschicht-Dualismus" beleuchte, und eine Generation von "Vater-Männern" beschreibe, "die nach dem Krieg vaterlos aufgewachsen ist - was ihr und vor allem ihren Söhnen zum Verhängnis wird". Diese "komplexe Geschichte" werde in dem Stück von Alice Buddeberg nicht erzählt. Auch sei der "Ton des Stückes durchweg komisch", die "Bebilderung sowieso". Diese "enorme Diskrepanz" zwischen "Text" und "Stück" ergebe sich aus den vielen Textänderungen, die das Regieteam vorgenommen habe. In der Spielfassung seien gravierende Textkürzungen vorgenommen worden. Es entstehe "der Eindruck", der Text sei in "einzelne Textbausteine zerlegt" worden, um sie "dann wieder frei zu montieren". Mitunter gehe "diese Montagetechnik auch satzweise vor". "Fließtext" sei "dramatisiert", Szenen seien neu angeordnet und "neu verquickt" worden. Alice Buddeberg habe versucht, dem "Hass und der Wut des Kluck'schen Textes" mit "Komik" beizukommen; ihre Inszenierung sei "unterhaltsam, komisch", handwerklich "sehr gut gemacht" und als Erzählung einer "Vater-Sohn-Geschichte irgendwie nett". Aber sie habe "mit Klucks Text gar nichts zu tun".

"Alice Buddeberg hat Klucks Stück in einen deprimierend amüsanten Theaterabend verwandelt, bei dem es nicht nur um die erschreckend prägende Beziehung zwischen Vater und Sohn, sondern auch auf erhellende Weise um das Verhältnis zwischen Künstler, Theater und Publikum geht", schreibt Michael Hierholzer in der FAZ (10.5.2013). "Das völlig undramatische Drama einer kleinbürgerlichen Sozialisation und die Fremdheit eines Theaterschriftstellers aus jenem Milieu in der Öffentlichkeit, in der er bestehen soll, verschränken sich zu einer Groteske über zementierte Zustände, die Kunst als höheren Zeitvertreib für die gehobenen Kreise und Selbstverwirklichungsnische für sozial Benachteiligte."

"Die Regisseurin Alice Buddeberg und die fünf Schauspieler falten Klucks Stück auf wie einen alten Stadtplan. Es ist lustig und es tut weh, weil es entlarvend ist", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (10.5.2013)." Und wie oft, wenn etwas entlarvend ist, entlarvt sich nicht nur der Autor, er entlarvt auch uns." Vincent Glander spiele liebevoll-irr mit dem anmaßenden Querulanten, den er uns dabei vorführt. Die anderen seien ein unförmiger Väterchor: fett, nackt, bedröppelt, weiblich. "Aufführung und Stück graben sich hinein in diese Vaterwelt." Sie falteten sich in Figuren auf, fänden eine unerfreuliche Siffbruderschaft. "Diese Sippe kleinbürgerlicher Anarchisten wäre der Alptraum jedes Arbeitsvermittlers." Die Aufführung zeige das sehr schön: erst erinnernd, dann phantasmatisch, sie werde psychologisch und dann träumerisch. "Vielleicht hat diese Aufführung Kluck besser verstanden, als er sich selbst."

 
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