Auf der vergeblichen Suche nach dem neuen Menschen

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 9. Mai 2013. Die Katastrophe ist nicht nur eine Möglichkeit, sie ist die eine Gewissheit, die der Menschheit noch bleibt. Ein Sturz ist unvermeidlich. Nur der Zeitpunkt lässt sich nicht voraussagen. Damit bleibt jedem die Hoffnung, vielleicht doch noch einmal davon zu kommen. Also machen sie immer weiter und weiter, auch noch nach dem größten anzunehmenden Unglücksfall.

Nach der Tragödie ist eben immer auch vor der Tragödie. Das verrät schon der erste Blick auf die in Grau und Schwarz gehaltene Bühne. Ein Gerüst erstreckt sich über deren ganze Breite. Am linken Ende reicht es tief in den Zuschauerraum hinein, am rechten ist es deutlich kürzer. Von der zweiten Etage, die sich so andeutet, sind aber nur noch schmale, wie ausgefranste Stege an den Außenseiten übrig. Die Schauspieler, die sich auf ihnen bewegen, müssen sich wie Bergsteiger mit Gurten an dem umlaufenden Geländer absichern. Das schränkt ihre Bewegungs- und ihre Handlungsfreiheit enorm ein. Manchmal zieht dabei einer den anderen mit und zwingt ihn so in eine Position, die seinen eigenen Intentionen deutlich widerspricht.

Gas2 560 ReinerKruse uDas sind keine Menschen, das sind Figuren! "Gas I & II" © Reiner Kruse

Sebastian Hannak hat für Hansgünther Heymes Inszenierung von Georg Kaisers "Gas I & II", diesem in den Jahren von 1917 bis 1919 geschriebenen Menschheitsmenetekel, einen zutiefst symbolischen Raum geschaffen. Er vereint alle Spielorte des expressionistischen Diptychons und trägt die Zerstörung von Anfang an in sich. Eine unvorhergesehene Explosion vernichtet ein riesiges Gaswerk, das die Energie für die Industrie eines ganzen Landes liefert, und tötet unzählige Arbeiter.

Statuarische Arrangements, pathetischer Duktus
Der große Traum des Milliardärsohns (Andrej Kaminsky), der sein Werk in die Hände der Arbeiter gelegt und damit jeden zu seinem eigenen Herren gemacht hat, liegt in Schutt und Asche. Ein Wiederaufbau kommt für den Visionär, der bei Kaminsky mit seinem Castro-Bart etwas Messianisches hat, nicht in Frage. Das Risiko einer erneuten Katastrophe ist ihm viel zu hoch. Doch weder seine Arbeiter noch der Staat sind bereit, auf das Gas zu verzichten, das Wohlstand und Macht verspricht.

Der Gedanke an Fukushima drängt sich beim ersten Teil von "Gas" regelrecht auf, genauso wie der an die fortschrittskritischen Texte Elfriede Jelineks. Doch Hansgünther Heyme, der mit dieser Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe nach zehn Jahren erstmals wieder an seine ehemalige Wirkungsstätte zurückkehrt, hat nicht nur auf jede Aktualisierung verzichtet. Mit Sebastian Hannaks historisierenden Kostümen, die deutlich auf die Entstehungszeit des Stücks verweisen, mit den meist recht statuarischen Szenenarrangements und dem pathetischen Duktus seines Ensembles stellt sich Heyme mehr oder weniger quer zu allen gegenwärtigen Moden. Als sei die Zeit im Theater vor 50 Jahren stehengeblieben.

Zweiter Teil ohne psychologische Details
Diese demonstrative Hinwendung zum Text, der auch heute, beinahe 100 Jahre später, immer noch erstaunlich modern wirkt, und das Insistieren auf dessen ebenso sperriger wie poetischer Sprache haben durchaus ihren Reiz. Nur offenbaren sie zugleich jede kleinste Inkonsequenz. In Heymes Wiederauferstehung eines durch und durch expressionistischen Theaters, das den neuen Menschen sucht und dafür letztlich allen Figuren, Jan Andreesens fortschrittsgläubigem Ingenieur und Robert Bestas Regierungsvertreter genauso wie den Arbeitern und den schwarz maskierten Unternehmern, nur allegorische Züge verleiht, wirkt Andrej Kasminskys Porträt des Industriellen als Propheten wie ein Fremdkörper. So stimmig und präzise sein Spiel auch ist, bleibt es mit all den kleinen Marotten, so streicht er etwa immer wieder wie unbewusst über seinen Bart, und den großen Ausbrüchen jener klassischen Form von Psychologie verpflichtet, die Georg Kaiser mit der Emphase seiner Sätze konsequent beiseite gewischt hat.

Erst im zweiten, weitaus strafferen Teil, der mehrere Jahrzehnte später während eines großen Krieges spielt, verzichten Heyme und sein Ensemble ganz auf alle psychologischen Details und Feinheiten. Andrej Kaminsky und Jan Andreesen, die Widersacher des ersten Teils, haben die Rollen getauscht. Der erste verkörpert nun den Großingenieur, der zweite den Milliardärarbeiter. Sie stehen immer noch für gegensätzliche Prinzipien, aber sind in ihrem Taumel dem Untergang entgegen vereint. Kaminsky knicken immer wieder die Beine weg, so wie der Menschheit an sich, die sich in ihrer Gier nach mehr selbst verkrüppelt hat. Auf die Sehnsucht nach dem neuen Menschen folgt der Abgesang auf das ganze Menschengeschlecht.

Gas I & II
von Georg Kaiser
Regie: Hansgünther Heyme, Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak, Musik: Saskia Bladt, Dramaturgie: Tobias Schuster, Licht: Gerhard Meier.
Mit: Jan Andreesen, Robert Besta, Eva Derleder, Ronald Funke, Cornelia Gröschel, Andrej Kaminsky, Joanna Kitzl, Georg Krause, Natanaël Lienhard, Jonas Riemer, Gunnar Schmidt, Sascha Özlem Soydan.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Dramatischer als in diesem Stück könne es eigentlich nicht zugehen, schreibt Ralph Wilms beim WAZ-Portal Der Westen (10.5.2013) Bei Hangünther Heyme jedoch bleibe das Geschehen "ganz theatralisch-antik, nur Erzählung. Heyme verweigert sich konsequent allen (video)technischen Mätzchen, um die Katastrophe auch optisch aufzucken zu lassen. Er verweigert sich auch einigen Steilvorlagen des unfreiwilligen Humors, auf die sich jüngere Kaiser-Regisseure (wenn es sie denn gäbe) wohl mit Hingabe stürzen würden."

"Bei der Premiere am Donnerstag war ein zäher Brocken zu besichtigen", schreibt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhrnachrichten (11.5.2013). Aus seiner Sicht krankt die Inszenierung vor allem daran, dass die Personen lediglich "Sprachrohre und Ideen-Verkünder" und keine Charaktere sind. "So hageln Parolen und Kampfrufe auf uns ein, die von der Geschichte überholt sind. Da hilft es wenig, dass der Industriemogul und Sozial-Revolutionär (fast eine Jules Verne-Figur) den Bart von Fidel Castro trägt."

Als statuarisch und ungemein betulich beschreibt Hartmut Krug die Inszenierung in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio (9.5.2013). Heyme belasse die Stücke in ihrer Zeit. "Doch merkwürdig: Beim Versuch der Darsteller, Kaisers expressionistisch hochgesteilte Kunstsprache im Alltagston zu sprechen, verliert diese ihre zugleich irritierende wie faszinierende Befremdlichkeit." Die Inszenierung sei spannungslos und besitze jenseits des Textaufsagens weder Pep, Schwung oder wenigstens Lebendigkeit, sondern "eine tiefe, bleierne und einschläfernde Ernsthaftigkeit; da ändern auch nicht Kurzeinsätze von Klarinette oder Geige mit atmosphärischen Bedeutsamkeitstönen nichts."

 

 
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